Fracking: Wie man die Zombie-Technologie Erdgas am Leben hält
Es ist ein bisschen, als würde man sich mit einem einzigen Schuss selbst in den Oberschenkel, den Unterschenkel und die große Zehe schießen: Mit unserer Abhängigkeit von Öl und Gas schaden wir uns gleich dreifach. Erstens zerstören wir unser Klima, zweitens bringen steigende Ölpreise unsere Wirtschaft in Gefahr, und drittens fördern wir dadurch auch noch Regime, die uns alles andere als freundlich gegenüberstehen. Wäre es nicht viel besser, wenn wir eine Möglichkeit finden könnten, unsere eigenen fossilen Brennstoffe zu fördern?
Kein Wunder also, dass plötzlich Hydraulic Fracturing, auch „Fracking“ genannt, wieder in die Schlagzeilen gekommen ist. Fracking ist eine Technik, die uns verspricht, direkt bei uns zu Hause, mitten in Europa oder in den USA, große Mengen von Erdgas aus dem Boden zu holen – in Gegenden, wo man das früher nicht für möglich gehalten hätte.
Wenn das Gas nicht von selbst kommt, muss man es eben holen
Bisher wurde Erdgas – im Wesentlichen Methan – aus Lagerstätten geholt, in denen es tief unter der Erde in porösen Gesteinsschichten eingeschlossen ist. Wenn man diese Gesteinsschicht anbohrt, kann das Gas an die Oberfläche gelangen.
Es gibt aber auch Methan, das nicht als Gas im Boden lagert, sondern in Flüssigkeiten gebunden ist, oder an den Oberflächen des Gesteins angelagert, wie ein dünner Erdgas-Film an den Wänden der Gesteinsporen. Dieses Methan kann man nicht einfach nach oben saugen, man muss es zuerst mobilisieren. Und genau das passiert beim Fracking.
Man pumpt eine Mischung aus Wasser, oft aggressiven Chemikalien und Sand zuerst unter hohem Druck tief in den Boden hinein. Das Gestein in der Tiefe bekommt dann kleine Risse, es dehnt sich aus, der lokale Druck sinkt. Dadurch bleibt das Methan nun nicht mehr an das Gestein gebunden, es wird beweglich und kann nun durch die Risse aufsteigen. Die Druckverhältnisse im Boden steuert man so, dass möglichst viel von diesem Gas ins Bohrloch gelangt und an der Oberfläche eingefangen werden kann.
Fracking-Befürworter betonen, dass dieses Erdgas, wenn man es etwa in Gaskraftwerken verbrennt, viel umweltfreundlicher sei als Kohle. Das ist zwar richtig, es gibt kaum etwas Schmutzigeres und Schädlicheres als Kohle, aber das größte Übel von allen kann nicht unser Maßstab sein.
Natürlich ist auch Gas, das durch Fracking gewonnen wird, ein fossiler Brennstoff, der CO2 verursacht und das Klima zerstört. Es ist also nur eine neue Spielart eines alten Brennstoffs, von dem wir längst wissen, dass wir ihn loswerden müssen. Außerdem bringt Fracking sogar noch andere, zusätzliche Probleme mit sich. Ein Hauptproblem ist der Leakage-Effekt: Ein bisschen Gas geht immer verloren. Es entweicht in die Atmosphäre. Und dummerweise ist Methan noch viel schädlicher fürs Klima als CO2. Egal, was man mit dem Erdgas danach macht – die Gesamt-Klimabilanz ist verheerend, in manchen Fällen sogar schlechter als bei Kohle.
Brennende Wasserleitungen und künstliche Erdbeben
Dazu kommt, dass Fracking immer wieder das Grundwasser schädigt. Wenn etwa die Rohre, in denen die giftige Fracking-Flüssigkeit nach unten gepumpt wird, nicht ganz dicht sind, kann das rasch gefährlich werden. Bekannt wurden Gegenden in den USA, in denen das Leitungswasser nach dem Fracking plötzlich mit Methan versetzt war – man konnte direkt am Wasserhahn zu Hause eine Methan-Flamme entfachen.
Nicht zuletzt steigert Fracking die Wahrscheinlichkeit für kleinere Erdbeben, besonders dann, wenn am Ende die Abwässer entsorgt werden, indem man sie tief in den Boden hineinspritzt. Wenn man die Druckverhältnisse im Boden ändert, muss sich der Boden neu organisieren, das kann zu Beben und Schäden an der Oberfläche führen.
Könnte man diese Probleme nicht in Griff bekommen? Vielleicht. Es gab Forschung – auch in Österreich – wie man mit umweltfreundlicheren Substanzen auskommen kann. Möglicherweise ließen sich Erdbebengefahren noch verringern und das Grundwasserrisiko senken.
Aber all das würde nichts am Grundproblem ändern: Fracking ist keine Lösung. Fracking ist bloß eine Strategie, die unvermeidbare Umstellung auf erneuerbare Energie weiter hinauszuschieben. Das ist schlecht für unsere Zukunft, weil wir die Erderhitzung damit noch weiter beschleunigen, und es ist schlecht für unsere Wirtschaft, weil wir dann in eine Technologie investieren, die ein Auslaufmodell ist, anstatt endlich die Alternativenergie-Ressourcen aufzubauen, die uns sicher und unabhängig machen würden. Fracking ist wie der Versuch, neuartige Öllampen zu erzeugen – in einer Zeit, in der die Glühbirne längst erfunden ist.