Transhumanismus: Der Mensch als Auslaufmodell
Soll die menschliche Spezies überleben? Das ist eine ziemlich klare, einfache Frage, über die es unter Menschen eigentlich nicht viel Diskussionsbedarf geben sollte. Doch als sie dem Tech-Milliardär Peter Thiel gestellt wurde, vom NY-Times-Kolumnisten Ross Dothat, stammelte Thiel erstaunlich lange herum, auf der Suche, nach einer Antwort – bis er sich dann schließlich zu einem „ja, aber“ durchringen konnte.
Dahinter steckt eine philosophische Strömung, die in futuristischen High-Tech-Kreisen seit vielen Jahren diskutiert wird: der Transhumanismus. Das ist die Idee, der Mensch müsse seine Evolution selbst in die Hand nehmen, das Menschsein überwinden und Platz machen für etwas Neues.
Die Maschine als Mensch 2.0
Transhumanismus, wesentlich geprägt von Bestsellerautoren wie Ray Kurzweil, vereint ganz unterschiedliche Visionen – doch immer geht es darum, die Grenzen zu überwinden, die uns die Natur setzt: Wir könnten das Altern biochemisch abstellen und ewiges Leben ermöglichen. Wir können unsere Wahrnehmung erweitern, mit Hirn-Computer-Schnittstellen, an die man zusätzliche Sinnesorgane anschließen kann und zu Cyborgs werden. Wir könnten mit Maschinen verschmelzen, unsere Gedanken irgendwann überhaupt in einen Supercomputer hochladen, und als digitaler Code weiterleben, in alle Ewigkeit. Wenn man seine Gedanken in diese Richtung mal davongaloppieren lässt, sind der Fantasie kaum Grenzen gesetzt. Ob diese Ideen technologisch jemals möglich sein können und ob sie überhaupt wünschenswert wären – das ist eine ganz andere Frage.
Transhumanismus ist voll von radikalen Übertreibungen. Man analysiert technologische Erkenntnisse der vergangenen Jahrzehnte und extrapoliert sie ohne jeden Bedacht auf Naturgesetze in die Zukunft. Es ist, als hätte vor einigen 1.000 Jahren jemand den Pflug erfunden, damit den Ertrag seines prähistorischen Gemüseackers erhöht und ausgerechnet: In 1.000 Jahren wird jeder Mensch täglich 112 Tonnen Nahrung produzieren. Das ist mathematisch vielleicht nachvollziehbar, hat mit der Wirklichkeit aber nichts zu tun.
Ja, wir können die Biochemie des Alterns untersuchen. Sie ist aber so komplex, dass kaum Hoffnung besteht, dieses dicht gewobene Netz an Effekten, Zusammenhängen und Folgewirkungen, das unseren Körper altern lässt, vollständig umzubauen. Ja, man kann elektronische Signale ins Gehirn senden. Das heißt aber nicht, dass unser Gehirn auf diese Weise jemals einen effizienteren Informationsfluss erlauben könnte als beim ganz natürlichen Hören oder Sehen. Vielleicht mag es irgendwann sogar möglich sein, ein Gehirn auf Halbleiterchips nachzuahmen – dann hätten wir aber nicht „unser Bewusstsein digital hochgeladen“, sondern eine Menschen-Simulation erschaffen, ohne Körper, ohne sinnliche Wahrnehmung der Welt, wie wir sie kennen. Das wären nicht wir, das wäre etwas völlig anderes.
Die Gesellschaft ist der Motor des Fortschritts – nicht das Individuum
Transhumanismus hat in einer Sache recht: Der Mensch ist nicht der Endpunkt der Entwicklungsgeschichte. Die Evolution wird weitergehen – und es stimmt, dass wir sie gezielt beeinflussen können. Er übersieht aber einen wichtigen Punkt: Wir sind nicht nur biologische Wesen, sondern auch Gesellschaften – und diesen Aspekt blendet man im Transhumanismus oft aus. Unser Fortschritt, unsere Entwicklung beruht nicht darauf, dass Menschen „besser“ werden – wir unterscheiden uns biologisch praktisch nicht von unseren prähistorischen Vorfahren. Der Fortschritt, den wir seither erarbeitet haben, kam durch besseres, komplexeres Zusammenleben. Städte, Fußballclubs, Universitäten – es sind Gemeinschaftsstrukturen, die unseren Fortschritt tragen.
Es ist ein bisschen wie beim Sprung von einzelligem zu vielzelligem Leben: Die entscheidenden Fortschritte der Evolution fanden seither nicht statt, weil sich die Zellen veränderten, sondern weil sich die Organismen veränderten. Weil andere Zellen dazukamen, weil die Organisation der Zellen anders strukturiert wurde.
Transhumanismus betrachtet Evolution also auf einer Ebene, die für unseren echten Fortschritt gar nicht die entscheidende Ebene ist – auf Individualebene statt auf kollektiver Ebene. Daher träumt man sich im Transhumanismus dann auch ganz ungeniert eine Welt zurecht, in der man selbst (in Gedankenexperimenten gehört man selbst immer zu den Siegern) ewig leben kann, in einem Computer-Paradies, während Leute, die sich das Hochladen, die Gen-Optimierung oder die High-Tech-Sinneserweiterung eben nicht leisten konnten, einfach Pech gehabt haben.
Das ist keine schöne, neue Welt, das ist eine Dystopie, die weder technologisch realistisch noch logisch plausibel ist – und gesellschaftlich tragfähig oder moralisch begrüßenswert ist sie schon gar nicht.