Wissenschaft ist wie Weihnachten
„Das haben wir immer schon so gemacht“ war immer schon ein schlechtes Argument. Und meistens ist es auch gar nicht wahr. Vieles von dem, was wir für uralte Tradition halten, ist nämlich gar nicht so uralt.
Weihnachten ist ein ausgezeichnetes Beispiel dafür: Natürlich wird Weihnachten seit Jahrhunderten gefeiert, aber Weihnachtsbäume mit Lichtern setzten sich erst im 19. Jahrhundert durch, Weihnachtsgewürze wie Zimt, Nelken und Kardamom waren lange Zeit exotische Spezialitäten für die reiche Oberschicht, und das Lied „Stille Nacht“ wurde 1818 geschrieben, „I’m dreaming of a white Christmas“ war 1942 erstmals zu hören, und „Last Christmas“ von Wham! überhaupt erst 1984.
Das, was wir für feste, unverrückbare Tradition halten, ändert sich in Wahrheit ständig. Und das ist auch gut so: Nur dadurch bleibt die Tradition lebendig. Nur was tot ist, verändert sich nicht mehr.
Tradition geht nur gemeinsam
Trotzdem ist Weihnachten nicht beliebig. Würde jeder Mensch auf völlig individuelle Art Weihnachten feiern – der eine als Lichterfest mit Vanillekipferln im Winter, die andere als Austernfest mit Champagner im Sommer und ein dritter als Grillhuhnparty mit Bier im Frühling – dann wäre Weihnachten gesellschaftlich bedeutungslos. Traditionen leben davon, dass sie geteilt werden.
Das heißt nicht, dass sie streng normiert sein müssen. Es gibt kein Element des Weihnachtsfests, das von allen Menschen übernommen wird. Aber trotzdem entwickelt sich eine Jahres-End-Stimmung, der man sich kaum entziehen kann, egal ob man Weihnachten feiert, oder Chanukka, oder ob man sich einfach nur darüber freut, dass die Tage endlich wieder länger werden. Es liegt etwas in der Luft. Ein bisschen Ruhe, ein bisschen Gewürzduft, ein bisschen das Gefühl anzuhalten und Pause zu machen. Und das verbindet uns.
Auch Wissenschaft geht nur gemeinsam
Mit der Wissenschaft ist es erstaunlich ähnlich. Auch sie ist ein Gemeinschaftserlebnis, das nur Sinn ergibt, weil viele sehr verschiedene Menschen daran beteiligt sind. Natürlich wird seit Jahrtausenden geforscht, aber die Elektrodynamik wurde erst im 19. Jahrhundert entwickelt, Quantentheorie und Mikroelektronik waren vor einigen Jahrzehnten noch exotische Abenteuer für die akademische Oberschicht, das erste Röntgenbild entstand 1895, der erste Laserstrahl 1960 und die ersten brauchbaren Large-Language-Models 2017.
Der aktuelle Stand der Wissenschaft ändert sich in Wahrheit ständig. Und das ist auch gut so: Nur dadurch bleibt Wissenschaft lebendig. Auch die Wissenschaft ist nicht streng normiert: Es gibt kein wissenschaftliches Prinzip, keine Methodik, keine Grundregel, die von allen Wissenschaftsdisziplinen übernommen wird. Aber trotzdem entwickelt sich Wissenschaft und Technologie zu einem zentralen Fundament der Gesellschaft, dem man sich kaum entziehen kann, egal ob man eine Physikerin ist, ein Soziologe, oder einfach nur jemand, der sich darüber freut, dass der elektronisch gesteuerte Staubsaugerroboter das Wohnzimmer sauber macht.
Lasst uns alles ständig neu erfinden!
Das Entscheidende an Traditionen ist nicht ihr Alter. Wir sollten keine Riten und Verhaltensweisen verteidigen, nur weil es sie schon lange gibt. Im Gegenteil: Das Weihnachtsfest ist gerade deswegen so schön, weil wir es ständig verändern. Weil Gewürznelken, Zimt und Kardamom dazugekommen sind, als der Gewürzhandel aufblühte. Weil schwungvollere Weihnachtslieder dazugekommen sind, als sich die Popmusik veränderte. Und Wissenschaft ist gerade deswegen so spannend, weil sie sich Jahrhundert für Jahrhundert völlig neu erfindet, weil sie ständig neue Fragen beantwortet und weitere Fragen stellt.
Das Entscheidende an Tradition ist ihr Gemeinschaftsaspekt: Dass wir unseren ganz persönlichen Vorlieben nachgehen können – beim Zimtsternebacken genauso wie beim wissenschaftlichen Forschen – und dabei doch spüren: Wir sind dabei nicht allein. Wir machen das als Teil einer Menschheit, in der vieles nur funktioniert, wenn man zusammenarbeitet. Niemand kann allein ein Fest erfinden. Niemand kann allein Wissenschaft hervorbringen. Und das ist eigentlich etwas Schönes.