Meinung

KI-Songs: Musik für Leute, die Musik nicht mögen

An der Musik-Uni Berklee in Boston gab es Proteste: Studierende wehrten sich gegen eine Lehrveranstaltung, in der ihnen die Nutzung von Künstlicher Intelligenz beigebracht werden soll. Sie zahlen am Berklee College 86.000 Dollar im Jahr an Studiengebühren, dafür wollen sie auch echte Fähigkeiten vermittelt bekommen – nicht mit KI-Tools spielen, die einen verheerenden Einfluss auf die ganze Musikbranche haben und genau jene Jobs vernichten könnten, für die sich die Studierenden eigentlich ausbilden lassen.

Songwriting-Professor Ben Camp, der den KI-Kurs anbietet, ist gleichzeitig auch Berater bei Suno, der derzeit einflussreichsten KI-Musik-App der Welt. Bei Suno kann man ein paar Stichworte eingeben, und schon spuckt die KI einen vollständigen Song aus, mit verschiedenen Instrumenten und einer professionell klingenden Stimme.

Trainiert wurde die Suno-KI an der im Internet verfügbaren Musik – ohne dafür Lizenzrechte zu kaufen, um Erlaubnis zu fragen, oder die Künstlerinnen und Künstler an den Gewinnen zu beteiligen. Und die Kunstschaffenden, die dadurch ihrer Rechte und ihrer Jobs beraubt wurden, dürfen dann noch eine Abo-Gebühr bezahlen, um die vom Computer durchgekauten und in Form von KI-Slop wieder hervorgewürgten Verdauungsendprodukte ihrer eigenen Songs anzuhören.

Professor Camp findet das ok: Die KI-Musik, die Suno in Sekunden auswirft, sei besser als das, was 80 Prozent seiner Studierenden produzieren, meint er. Man könnte natürlich fragen, ob es für eine weltberühmte, sündhaft teure Musik-Uni nicht ein ziemlich peinliches Eingeständnis des Scheiterns ist, wenn man zugeben muss, dass 80 Prozent der Studierenden nicht auf ein besseres Niveau gebracht werden können als eine seelenlose KI.

„Musikmachen macht keinen Spaß“

Suno-Chef Mike Shulman sieht sein Produkt als Befreiung: „Musikmachen macht nicht wirklich Spaß“ findet Shulman. Es braucht viel Zeit, man muss viel üben, man muss irgendein Instrument wirklich gut spielen können. „Die Mehrheit der Leute genießt den Großteil der Zeit nicht, die sie mit Musikmachen verbringen“, sagt Shulman. Und mit seiner App kann eben jeder zum Künstler werden. Ohne Anstrengung, ohne Üben, nur mit ein paar Mausklicks.

Dass Leute mit solchen Ansichten heute die Musikbranche prägen, ist ein Alarmsignal. Hier soll genau das vermieden werden, worum es doch eigentlich geht: Menschen machen gerne Musik! Deshalb gibt es Musik! Und deshalb gibt es Musik-Unis! Es ist genau die Anstrengung, das Bemühen, das Scheitern und sich verbessern, das Kunst ausmacht. Kreativität auf Knopfdruck, Kunst ohne Zeitaufwand, Topleistungen ohne die Grundlagen zu lernen – das ist ein Widerspruch in sich. Das kann nie funktionieren. Es ist wie bergwandern wollen und einen Aufzug zu verlangen. Wie baden wollen, aber bitte im Trockenen. Wie Steaks grillen wollen, aber ohne diese gefährliche Hitze am Grill.

Doch auch der deutsche Philosophie-Medienstar Richard David Precht sieht das so: Für ihn bringt Künstliche Intelligenz die „Demokratisierung der Kunst“. Man muss sich kein teures Studium leisten können, Geld spielt keine Rolle mehr, jeder kann jetzt Kunst machen!

Nur was man kaufen kann, zählt

Es ist schmerzhaft, wie kurz das gedacht ist. Erstens braucht niemand ein Studium, um Kunst zu produzieren. Viele der größten Kunstwerke der Menschheitsgeschichte entstanden durch Leute ohne klassisch akademische Bildung. Zweitens hätte ja die Gesellschaft dafür zu sorgen, dass talentierte Leute zum Wohl aller eine ordentliche Ausbildung bekommen – unabhängig vom Vermögen ihrer Eltern. Und drittens ist die drohende Übernahme der Kunst durch die KI eben genau das Gegenteil von Demokratisierung: Milliardenschwere Firmen und ihre milliardenschweren Chefs kapern einen Lebensbereich, in dem man sich bisher nicht einfach mit viel Geld einkaufen konnte. Künstlerisches Talent, menschliche Kreativität, emotional ansprechendes Handwerk – das sind Dinge, die man sich eigentlich auch als Millionär mühsam erarbeiten muss.

Der KI-Trend soll genau das nun obsolet machen. Man überflutet die Menschen mit billiger KI-Slop-Musik, und wenn man sie nur ausreichend intensiv daran gewöhnt hat, dann wird man es schon hinkriegen, dass echte Menschen echte Tränen heulen, bei einem unechten Liebeslied, das in 3,5 Sekunden ausgespuckt wurde, nachdem jemand in der Handy-App „Liebeslied, extrem rührend und emotional“ eingetippt hat.

Aber wir verlieren etwas dabei, und zwar ziemlich viel. Genau wie man etwas verlieren würde, wenn man nie wieder kochen müsste, aber dafür für immer nur noch Mikrowellen-Fertignahrung essen dürfte. Wenn man nie wieder einen Menschen umarmen könnte, aber dafür perfekt proportionierte, garantiert wohlriechende Umarmungs-Roboter zur Verfügung gestellt bekäme. Wenn man nie wieder in der Natur spazieren gehen dürfte, dafür aber ein lebenslanges Naturbild-Fototapeten-Abo bekäme.

Ist das Philosophie, oder kann das weg?

Dass solche Trends überhaupt entstanden sind, ist frustrierend. Dass sogar Professoren und Philosophen zustimmend nicken, ohne zu verstehen, dass wir hier falsch abgebogen sind, ist beschämend. KI kann eine tolle Sache sein. Wenn man sie richtig nutzt, nimmt sie uns die Aufgaben ab, die für uns zu langweilig, zu unangenehm, zu mühsam sind. Die Aufgaben, durch die wir uns ausleben können, an denen unser Herzblut hängt, durch die wir uns als Menschen spüren – die an die KI abzugeben ist eine der dümmsten Ideen, die wir als Menschheit jemals hatten.

Der Musikszene künstliche Intelligenz aufzuzwingen ist wie in ein weltberühmtes Restaurant zu stürmen und zu schreien: „Mit Messer und Gabel essen ist mühsam! Niemand will das! Hier bitte, Glukosebeutel mit Elektrolyten für alle! Zack, direkt in die Blutbahn! Gern geschehen!“

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Florian Aigner

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen, schreibt er regelmäßig auf futurezone.at und in der Tageszeitung KURIER.

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