Russland will seine Trucks mit auffälligem Zebramuster „unsichtbar“ machen
Mitten im grünen Feld steht ein Lkw im Zebra-Look. Die weißen Streifen scheinen der Tarnung alles andere als förderlich: Der gut 10 Tonnen schwere, 3-achsige KAMAZ sticht heraus, wie ein Zirkusclown bei einem Black-Tie-Dinner.
Ein russischer KAMAZ-Lkw in Dazzle-Camo.
© Russische Armee / X
Der gestreifte KAMAZ ist kein Einzelfall. Im Internet sind weitere Bilder von russischen Trucks aufgetaucht, mit ähnlicher Tarnung. So ist etwa ein Ural zu sehen, der tatsächlich ein Zebramuster hat.
Ein russischer Lkw des Typs Ural mit Zebratarnung.
© Russische Armee / X
Dieses wurde anscheinend mit einer Schablone oder als Folie aufgetragen – und erinnert ein wenig an die Möblierung einer Yuppiebude in den 1980er-Jahren.
Ein russischer Lkw des Typs Ural mit Zebratarnung.
© Russische Armee / X
Warum Russland jetzt Zebra-Trucks hat
Die weißen Streifen und das Zebramuster sind aber kein Streich, den die Soldaten dem Lkw-Fahrer gespielt haben: Es ist voll beabsichtigt und soll der Tarnung dienen. Allerdings sollen nicht menschliche Augen damit getäuscht werden, sondern die der Maschinen.
Denn die Kommerzialisierung von Künstlicher Intelligenz hat in den vergangenen Jahren auch auf dem Schlachtfeld Einzug gehalten. KI kommt, vor allem bei der Bilderkennung, zunehmend bei günstigeren Drohnen zum Einsatz. Und solche werden nicht nur zur Aufklärung verwendet, sondern auch als Kamikaze-Drohnen.
Durch KI-unterstützte Bilderkennung kann die Drohne autonom ein Ziel erkennen, klassifizieren, verfolgen und auch angreifen, wenn zuvor die Freigabe dafür durch einen Menschen erfolgt ist. Die vielen Streifen und Muster mit möglichst starken Kontrasten, also etwa Schwarzweiß oder weiße Streifen, die über die dunkelgrüne Standardlackierung der Lkw gemalt wurden, sollen Kanten und Konturen abschwächen. Dasselbe Ziel hat diese Art von Lackierung/Beklebung bei Erlkönig-Fahrzeugen: So soll die Karosserieform, der noch nicht offiziell vorgestellten Pkw, verschleiert werden.
Ein Mercedes EQS mit Erlkönig-Tarnung
© Alexander Migl / Wikimedia Commons
Je nachdem, wie weit die Drohne vom Ziel entfernt ist, sieht der Lkw für die Kamera eher wie ein Flimmern aus als ein KAMAZ. Während ein Mensch noch immer die Schlussfolgerung ziehen könnte, dass hier ein bemalter Truck auf der Straße fährt, den man sich mal näher anschauen sollte, ist es für die KI nur ein Objekt, das nicht erkannt bzw. nicht in der Zieldatenbank abgespeichert ist. Ist die Drohne zu diesem Zeitpunkt im autonomen Betrieb, dreht sie also womöglich ab, um ein anderes Ziel zu suchen, oder verständigt den Drohnenpiloten nicht, dass ein Ziel in der Nähe ist, damit dieser die Steuerung übernimmt und es angreift.
Versorgung hinter der Front als Ziel
Die Zebratarnung geht natürlich nur dann auf, wenn keine menschlichen Augen involviert sind. Und das erklärt auch, warum bisher hauptsächlich Lkw damit aufgetaucht sind. Die Ukraine ist mittlerweile sehr gut darin geworden, die russischen Versorgungslinien hinter der Front mit Drohnen anzugreifen. Und das sind oft Lkw, die Munition, Material und Soldaten transportieren.
Die Drohnen patrouillieren auf diesen Straßen teilweise autonom oder lauern gelandet und aktivieren sich, bzw. alarmieren den Piloten, wenn mittels Bilderkennung ein Ziel erfasst wird. Dadurch ist es möglich, dass ein Pilot, wenn nötig, über mehrere Drohnen gleichzeitig wachen kann und erst dann eingreift, wenn es ernst wird.
Zudem wird die KI verwendet, um elektronische Störmaßnahmen zu umgehen. Die Bilderkennung ermöglicht weiterhin eine autonome Navigation, auch wenn ein Jammer das GPS-Signal und das Funksignal zum Drohnenpiloten unterbrochen hat. Die Drohne kann also, wenn sie den Lkw erfasst hat, automatisch verfolgen, bis der gejammte Bereich verlassen wurde.
Die Ukraine hat in der Vergangenheit zudem KI für den Zielanflug von Drohnen genutzt, etwa wenn Jammer direkt auf Panzern montiert waren. Fällt die Verbindung zum Piloten auf den letzten Metern aus, wird das per Bilderkennung erfasste Ziel trotzdem weiterverfolgt und gerammt, wodurch die Sprengladung der Drohne ausgelöst wird.
Razzle Dazzle
Die Idee dieser Art von Tarnung geht zurück bis zum Ersten Weltkrieg. Dort wurde sie Dazzle-Tarnung und in den USA Razzle Dazzle genannt. Auch hier wurden möglichst kontraststarke Muster und Farben verwendet. Die so bemalten Kriegsschiffe sollten es Menschen erschweren, deren Größe, Kurs und Geschwindigkeit zu bestimmen.
Die USS West Mahomet mit Dazzle-Camo (1918).
© US Navy
Davon erhofften sich vor allem die britische und amerikanische Marine Vorteile bei Seeschlachten, weil der Feind dadurch eine schlechtere Angriffs- bzw. Abfangposition einnehmen konnte. Auch U-Boote sollten es so schwerer haben, sich in eine gute Position zu manövrieren, um die Seite der Kriegsschiffe in möglichst kurzer Entfernung vor den Bug zu bekommen, damit der Torpedo trifft.
Die erhoffte Wirkung, die Dazzle-Camo auf ein angreifendes U-Boot hat.
© Wikimedia Commons
Die Hoffnung der Briten und Amerikaner war zudem, dass die Dazzle-Camo, die für jedes Schiff individuell gemacht wurde, das Benutzen von Entfernungsmessern erschwert. Diese waren auf Kriegsschiffen und später in den Periskopen von U-Booten verbaut. Um die Distanz zum Ziel zu bestimmen, wurden 2 verschobene Bildhälften zusammengeführt. Die vielen Striche der Dazzle-Camo sollte es Matrosen erschweren, die Bildhälften korrekt übereinanderzulegen.
Effektivität wird angezweifelt
Durch den technologischen Fortschritt, vor allem mit Radar und Luftaufklärung, wurde Dazzle-Camo aufgegeben. Im Zweiten Weltkrieg wurde es kaum noch verwendet. Ob Razzle Dazzle tatsächlich effektiv war, ist umstritten. Die Statistiken dazu lassen keine klaren Schlüsse zu.
Auch für Russlands Anti-KI-Razzle-Dazzle wird es vermutlich nie konkrete Daten geben. Die Effektivität kann jedenfalls angezweifelt werden, da nicht nur die Bilderkennung durch KI besser wird, sondern auch die Kameras der Drohnen, bzw. bessere Kameras günstiger werden. Je höher auflösend die Kamera ist, umso schwerer lässt sie sich durch solche Muster austricksen.
Russischer Lkw mit Dazzle-Camo.
© Russische Armee / X
Das setzt allerdings voraus, dass die Bilderkennung an Bord der Drohne diese hohe Auflösung verarbeitet und nicht nur eine reduzierte Auflösung. Letzteres ist öfter der Fall, weil der Prozessor nicht schnell genug für eine Echtzeitanalyse der Bilder in voller Auflösung ist.
Reifen auf Flugzeugen
Es ist nicht das erste Mal, dass Russland bei seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine versucht, Bilderkennung zu überlisten. 2023 wurden auf Bomber, die auf Flugfeldern standen, Autoreifen gelegt. Damit sollte etwa die Bilderkennung von modernen Lenkwaffen getäuscht werden, die Objekte erfassen und mit einer Datenbank abgleichen, um Ziele im Einsatzgebiet zu finden.
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Außerdem wurden Silhouetten von Bombern und Kampfjets auf die Landebahn gemalt. Diese sollen auf Satelliten- und Luftaufnahmen wie echte Flugzeuge aussehen und so das Feuer auf sich ziehen. 2024 erntete Russland dafür allerdings Spott, weil laut dem britischen Geheimdienst regelmäßig russische Hubschrauber „falschparken“, indem sie auf den Flugzeug-Silhouetten landen.