Mit einem Digitalkonverter lassen sich alte Musikkassetten digitalisieren

Mit einem Digitalkonverter lassen sich alte Musikkassetten digitalisieren

© Franziska Bechtold
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Digital Life

Wie (und warum) ich 50 Jahre alte Musikkassetten digitalisiere

Wenn ich heute Musik hören möchte, dann schnappe ich mir mein Handy, dreh Spotify oder YouTube auf und kann aus einem schier unendlichen Musikkatalog alles abspielen, wonach mir gerade ist. Als Kind und Jugendliche war das noch nicht so leicht, da musste ich Kassetten oder CDs kaufen. Damit hatte ich es aber immer noch einfacher als meine Großeltern. 

Damit sie jederzeit Kim Wilde, F. R. David oder Rod Stewart hören konnten, wurde stundenlanger Aufwand betrieben. Denn sie kommen aus der ehemaligen DDR und „Westmusik“ gab es dort weder zu kaufen (zumindest nicht legal) noch waren diese westlichen Interpreten im offiziellen Radio zu hören. „Es gab auch bespielte Kassetten, aber die furchtbare DDR-Musik, mit der man belästigt wurde, hat man nicht auch noch gekauft“, sagt mir meine Oma. 

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Mit dem Stern-Radiorecorder auf der Lauer

Stattdessen mussten sie (mehr oder weniger) heimlich mit ihrem Stern-Radiorecorder „Westradio“ empfangen. RIAS (Radio Amerikanischer Sektor) und Radio Luxemburg waren die beiden Sender, die die besten Hits lieferten. Täglich wurde im Haushalt meiner Großeltern – und in Hunderttausenden anderen Haushalten in der DDR – auf die neuesten Songs gelauert, an die man sonst einfach nicht rankam. 

Ein Stern-Radiorekorder aus der DDR-Zeit mit eingelegter Musikkassette steht auf einem Tisch und symbolisiert das heimliche Aufnehmen von Westmusik.

Mit diesem Stern-Radiorecorder von meiner Großtante wurden etliche Kassetten aus dem Radio aufgenommen

RIAS

Der Rundfunk im amerikanischen Sektor (RIAS) wurde von der US-Militärverwaltung kurz nach dem 2. Weltkrieg in Westberlin gegründet. Er sendete von 1946 bis 1993 und richtete sich gezielt an DDR-Bürger. Neben politischen Informationssendungen lief auch Musik. 

Ab 1961 lief über RIAS 2 jeden Sonntag das Musikprogramm „Musik kennt keine Grenzen“, in den 1970ern gab es Pop-Nächte. Meine Oma erinnert sich ganz besonders an die Sendung „Lord Knud“, die bei RIAS sonntagsmorgens lief. 

Sobald der Ansager einen Liedtitel genannt hat, den man noch nicht hatte, wurde zum Rekorder gesprintet und die beiden Aufnahmeknöpfe wurden gedrückt. Dann wurde gehofft, dass niemand „dazwischenquatscht“ und die Aufnahme ruiniert. Es war immer eine aufnahmebereite Kassette im Rekorder. Am nächsten Tag war das dann heißes Thema in der Arbeit: Wer hat die besten Lieder erwischt?

Warum will man überhaupt alte Kassetten digitalisieren?

Vielleicht beantwortet das auch für viele die Frage, warum man alte Kassetten überhaupt digitalisieren will. Schließlich gibt es heute die Lieder jederzeit verfügbar und vor allem in besserer Qualität. Mir geht es aber darum, ein Stück Geschichte zu speichern, denn irgendwann sind die Kassetten kaputt. Mich überrascht ohnehin, dass sämtliche der 50 bis 40 Jahre alten, häufig gespielten Kassetten meiner Großeltern noch sehr gut laufen. Natürlich rauschen sie, aber das gehört für mich zum Charme dazu. 

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Alte Magnetbandkassetten aus der DDR

Die Kassetten - z.B. ORWO K60 vom VEB Chemiefaserwerk "Friedrich Engels" in Premnitz oder vom polnischen Werk Stilon in Gorzów - kosteten damals 15 bis 20 DDR-Mark. Zum Vergleich: Für ihre 2,5-Zimmer Wohnung zahlten meine Großeltern 80 Mark im Monat.

Die richtige Hardware zum Digitalisieren

Tatsächlich gestaltet sich das Überspielen der Kassetten als sehr einfach. Ich habe mir vor Jahren einen Konverter dafür gekauft. Der funktioniert gleichzeitig als Walkman und lässt sich über USB an den Computer anschließen. Bei Amazon erhält man Ähnliche für 25 bis 40 Euro (z.B. von Reshow oder KLIM). 

Wer sich nicht extra ein Gerät kaufen möchte, kann auch einen Kassettenspieler über einen Analog-zu-Digital-Konverter an den Computer anschließen. Hier ist die Tonqualität in der Regel besser als bei Digitalkonvertern. 

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Benötigt wird ein Kabel, das aus dem analogen Signal des Kassettenspielers ein digitales Signal für den Computer macht. Je nachdem, welche Anschlüsse man bei Computer und Abspielgerät nutzt, ist das z.B. Cinch auf Klinke, Klinke auf Klinke, DIN auf Klinke oder Cinch auf USB-C. Solche Kabel gibt es für 8 bis 10 Euro bei Amazon (z.B. hier oder hier).

Ein Kassettenspieler der Marke Watson ist per USB-Kabel mit einem Computer verbunden, im Hintergrund liegen mehrere alte Musikkassetten.

Mit diesem (alten) Walkman von Watson habe ich meine Kassetten recht einfach digitalisiert

Aufnahme mit Audacity

Hat man die Hardware einmal im Griff, braucht man ein Audioprogramm. Ich habe mich im Test für das kostenlose Audacity entschieden (hier zum Download), habe aber auch Adobe Audition ausprobiert – beides funktioniert gut. Wer kein präferiertes Standard-Audioprogramm hat, ist bei Audacity an der besten Adresse. 

Die Kassette wird eingelegt, das Gerät mit dem Computer verbunden. In der Regel sollte der Computer es automatisch erkennen, was sich durch einen Ton und/oder eine Benachrichtigung bemerkbar macht. Bei meinem Gerät hat der Computer es wie ein Mikrofon und einen Lautsprecher interpretiert, denn es funktioniert in beide Richtungen: Als Kassettenrekorder und zum Abspielen. Also nicht wundern, falls man plötzlich keinen Ton mehr hat, weil der Computer versucht, den Kassettenrekorder als „Lautsprecher“ zu verwenden. 

Mit Audacity lassen sich die Kassetten problemlos überspielen

Mit Audacity lassen sich die Kassetten problemlos überspielen

In Audacity stellt man zunächst das jeweilige Gerät als Eingabe- bzw. Mikrofonquelle ein, bei mir heißt es dort „Mikrofonarray (2-USB PnP Audio)“. Bei Windows lässt sich in den Soundeinstellungen nachsehen, welche Geräte angeschlossen sind und wie sie heißen. Audacity zeigt bei mir die Mikrofoneinrichtung direkt in der Statusleiste an, ansonsten findet man es unter „Audio-Einrichtung“ > „Aufnahmegerät“.

Anschließend startet man über den runden roten REC-Button in Audacity die Aufnahme. Danach drückt man beim Kassetten-Spieler auf „Play“. Funktioniert das Überspielen, sollte man bei der Audiospur zunächst eine flache Linie sehen. Sobald die Kassette läuft, sieht man einen Ausschlag in der Tonspur. Dann heißt es geduldig warten, bis die Kassette einmal von Anfang bis Ende durchgelaufen ist, in meinem Fall waren das für eine Seite 30 Minuten. Dann drückt man in Audacity den „Stop“-Button (Viereck), und die Aufnahme endet.

Für die Aufnahme sollte das richtige Eingabegerät ausgewählt werden

Für die Aufnahme sollte das richtige Eingabegerät ausgewählt werden

Was man dann hat, ist eine lange Spur mit dem gesamten Kassetteninhalt. Wem das schon reicht, der kann vielleicht Anfang und Ende kürzen, damit nicht zu viel Stille zu hören ist. Über „Datei“ – „Exportieren“ kann man das Aufgenommene so wie es ist als .mp3 oder .wav speichern. 

Lange Datei oder einzelne Songs

Möchte man A- und B-Seite als eine lange Datei speichern, klickt man ans Ende der ersten Aufnahme und dreht die Kassette im Gerät. Dann drückt man wieder den „Record“-Button bei Audacity und startet das Abspielen der Kassette wie bei der ersten Seite. Auch hier kann man anschließend die Stille am Anfang und Ende entfernen, damit der Übergang nicht zu lange dauert. 

Es gibt auch eine Möglichkeit, die Aufnahme in einzelne Songs zu zerlegen, dafür muss man aber ein bisschen mehr Zeit investieren. Unter „Analyse“ gibt es die Funktion „Geräusche beschriften“. Ich habe bei meiner doch sehr rauschigen Aufnahme „-10Dzb“ gewählt und es werden automatisch Geräuschmarken an den Stellen gesetzt, an denen die Aufnahme leise ist – also zwischen 2 Liedern. Hier muss man ein bisschen herumspielen, die Dezibel nicht zu laut und nicht zu leise wählen, um sinnvolle Marken zu setzen. 

Ist man mit der Auswahl zufrieden, muss man die Geräuschmarken erweitern. Sie bestehen aus 2 Pfeilen und einem Kreis in der Mitte. Über den Kreis kann man sie verschieben, über die Pfeile erweitern. Mit dem linken Pfeil zieht man sie einfach bis zur nächsten Geräuschmarke, damit ein hellblauer Balken erscheint. Es lohnt sich, da ein bisschen hereinzuzoomen, um genau die Stille zu treffen. Klickt man mit der Maus auf die Beschriftung, z.B. „Geräusch 1“, kann man hier den jeweiligen Liedtitel eintragen.

Hat man das für alle Lieder erledigt, kann man sie einzeln speichern. Dafür wählt man „Datei“ > „Audio exportieren“ und aktiviert die Optionen „Mehrere Dateien“ und unter „Trenne Dateien anhand von:“ wählt man „Textmarken“. Hat man die Lieder beschriftet, sollte man darauf achten, dass bei „Datei benennen:“ die Option „Textmarken bzw. Spurmarken“ aktiviert ist. Bei Klick auf „Exportieren“ werden alle Lieder als einzelne Dateien gespeichert sowie die gesamte Datei am Stück.

Das klingt alles ein bisschen aufwändiger, als es tatsächlich ist. Ich musste ein bisschen herumprobieren, auch weil die verfügbaren Tutorials nicht sonderlich ausführlich sind. Aber insgesamt hat der Prozess 60 Minuten gedauert, wovon 40 Minuten für die Aufnahme draufgingen (eine Kassettenseite hat 30 Minuten Laufzeit, ich habe für den Test erstmal nur die A-Seite überspielt). 

Ist das Digitalisieren rechtlich erlaubt?

Für den Privatgebrauch ist das Digitalisieren von Musik-Kassetten gestattet, bestätigt Anwalt Michael Borsky der futurezone: „Das Urheberrecht kennt eine Ausnahme für private Vervielfältigungen. Demnach ist es nach § 42 UrhG gestattet, von einem urheberrechtlich geschützten Werk einzelne Kopien zum privaten und ausschließlich nicht kommerziellen Gebrauch herzustellen (z.B. zum Anlegen einer privaten Sammlung am PC). Die Kopien dürfen allerdings nicht der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden.“

Dabei gibt es grundsätzlich erstmal keinen Unterschied zwischen Kassetten, die gekauft wurden und Mixtapes oder aus dem Radio aufgenommene Kassetten. Allerdings kann es Ausnahmen geben, wenn die Kassette selbst rechtswidrig bespielt wurde, wobei so ein Fall heute kaum noch denkbar wäre, so Borsky. Bei den in der ehemaligen DDR aufgenommenen Kassetten wäre das möglicherweise so ein Fall, da bereits das Empfangen von Westradio strafbar war. „Das Risiko einer Rechtsverfolgung ist allerdings – unabhängig davon, ob man die konkrete Kassette als rechtmäßige Vorlage ansieht – denkbar gering. Urheberrechte können nur von den Urhebern selbst oder sogenannten Werknutzungsberechtigten (Personen, die eine Lizenz zur Nutzung haben) geltend gemacht werden“, teilt der Anwalt mit.

Bewusstes Hören

Ich persönlich mag Kassetten und beim Gespräch mit meiner Oma ist mir auch wieder deutlich geworden, was sie für mich besonders macht. Ich höre bewusster hin, muss die Seite wechseln, gerate nicht in Endlosschleifen, bei denen ich irgendwann gar nicht mehr hinhöre. Das Einlegen einer Kassette in meine Anlage ist ein Ritual, bei dem ich mich besser auf die Musik einlassen kann. 

Das gleiche passiert bei CDs oder Schallplatten auch, nur mit besserer Audioqualität. Aber für mich sind genau das Rauschen und Leiern, die manchmal holprigen Übergänge, wenn meine Oma nicht schnell genug die Tasten gedrückt hat, was das Kassetten-Hören zu einem Erlebnis macht. Und wenn die Kassetten sich irgendwann, und das ist unvermeidbar, nicht mehr abspielen lassen, dann habe ich jetzt immer noch eine digitale Version davon.

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Franziska Bechtold

frau_grete

Liebt virtuelle Spielewelten, Gadgets, Wissenschaft und den Weltraum. Solange sie nicht selbst ins Weltall kann, flüchtet sie eben in Science Fiction. Co-Host des Podcast "Raumfahrtgeschichten".

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