Jens Dommel von AWS.
Der erste Arztkontakt ist die KI
Der Gesundheitsbereich befindet sich vor großen Herausforderungen: Nicht nur fehlt an vielen Stellen Fachpersonal, auch der Kostendruck ist hoch. Ein wesentlicher Hebel, dem zu begegnen, ist verstärkte Digitalisierung.
Jens Dommel ist bei AWS Public Sector Manager für die EU und Deutschland. Im futurezone-Interview erzählt er, welche Chancen KI-Anwendungen für medizinisches Fachpersonal sowie Patientinnen und Patienten bieten.
Herr Dommel, welche KI-Lösungen gibt es im Gesundheitsbereich? Könnten Sie uns Beispiele nennen, die bereits im Einsatz sind?
Das ist ein ganz breites Spektrum. Ein Beispiel, das mich besonders beeindruckt, ist das Thema Patientenengagement. Ein konkretes Beispiel ist Mediktor: Das ist ein KI-basierter medizinischer Assistent, der mir als Patient rund um die Uhr zur Verfügung steht. Wenn ich nachts um 2 Uhr Symptome habe, kann ich mich an Mediktor wenden – die KI stellt mir gezielte Fragen, gibt mir medizinisch validierte Hinweise zu meinen Symptomen und ordnet ein, wie dringend mein Fall ist. Wichtig: Die KI ersetzt nicht den Arzt, aber sie ist jederzeit verfügbar und hilft mir einzuschätzen, ob ich sofort in die Notaufnahme muss oder ob am nächsten Tag ein Termin beim Facharzt ausreicht. Wenn man bedenkt, dass rund 39 Prozent aller Notaufnahmebesuche als nicht-dringend eingestuft werden, wird klar, welches Potenzial hier liegt – diese Besuche werden reduziert und damit wird Platz geschaffen für die wirklich dringenden Fälle. Das nutzen mittlerweile 50 Millionen Menschen weltweit, zum Beispiel in Spanien und England mit 95 Prozent hoher Zufriedenheitsbewertung.
Ein anderes Beispiel ist Solventum, das die Arzt-Patienten-Kommunikation aufnimmt, transkribiert und weiterverarbeitet. Der gesamte Dokumentationsaufwand kann deutlich reduziert werden. Gerade für solche Routinearbeit ist ja KI besonders gut geeignet und kann Menschen entlasten.
Und wie sieht es in Österreich aus, was wird hier derzeit schon eingesetzt?
Wir arbeiten in Österreich sehr stark mit Contextflow zusammen. Das ist ein Unternehmen aus Wien, das sich auf KI-Radiologie konzentriert. Die helfen den Radiologen, die Befundungszeit um etwa 31 Prozent zu reduzieren. Das wird im ganzen europäischen Raum genutzt.
„Unser Ansatz ist, dass wir jede Organisation zur KI-Organisation machen können.”
Welche Rolle spielt AWS dabei?
Unser Ansatz ist, dass wir jede Organisation zur KI-Organisation machen können. Dementsprechend bieten wir Komponenten, die jedem helfen, das zu tun. Das bedeutet konkret, dass wir erstens KI-Plattformen zur Verfügung stellen, die mich zum Beispiel in die Lage versetzen, selber und ohne dass ich Entwicklungsfähigkeiten habe, einen KI-Agenten zu bauen. Kiro ist ein schönes Beispiel für ein Tool, wo ich über Spezifikationen Software bauen kann, ohne dass ich großes technologisches Know-how brauche.
Zweitens: Wenn ich solche KI-Systeme baue, müssen die funktionieren, und zwar sicher, skalierbar und bezahlbar. Genau das liefern wir mit unseren Cloud-Infrastrukturen weltweit. Da gibt es 39 Regionen, 8 in Europa, 6 in der EU. Die European Sovereign Cloud, die in Brandenburg gebaut wurde und seit Januar dieses Jahres verfügbar ist, erfüllt spezifische Souveränitätsanforderungen, was gerade ein ganz wichtiges Thema ist.
“Generell sind alle unsere Services ,secure by design´ und ,sovereign by design´.”
Stichwort Souveränität und Datenschutz: Gesundheitsdaten sind besonders sensibel, wie sorgen Sie für Sicherheit?
Generell sind alle unsere Services „secure by design” und “sovereign by design”, das betrifft nicht nur die Sovereign Cloud. In der Region Frankfurt haben wir zum Beispiel Anwendungen laufen, die Patientendaten und Sozialdaten verarbeiten und die DSGVO-konform sind.
Wir bieten auch Hochsicherheitsinfrastrukturen an. Ein Kernelement ist unser AWS Nitro System – das ist die Grundlage all unserer Recheninstanzen. Das Besondere daran: Wir haben uns als Betreiber selbst ausgeschlossen. Das heißt, Mitarbeitende von Amazon haben keinen Zugriff auf die Daten unserer Kunden – weder auf die Daten in der Verarbeitung noch im Speicher. Es gibt keinen Mechanismus, mit dem ein Administrator auf Kundendaten zugreifen könnte, selbst wenn er wollte. Das Konzept dahinter nennt sich Confidential Computing.
Ein weiterer Aspekt ist das Thema Verschlüsselung. Partner können zum einen Verschlüsselungsmechanismen von uns nutzen, können aber auch ihr eigenes Verschlüsselungsmanagement mitbringen. Und natürlich liefern wir die benötigte Compliance und Zertifikate, die für internationale Standards notwendig sind. Das ist etwas, wo wir großen Wert drauf legen, denn Sicherheit ist Voraussetzung für Vertrauen.
„Wenn man das gesamte Gesundheitssystem weltweit in ein Land packen würde, wäre es der fünftgrößte CO2-Verbraucher der Welt.”
Rechenzentren stehen in der Kritik, viel Strom und Wasser zu verbrauchen. Was unternimmt AWS hier?
Das Thema Nachhaltigkeit ist für uns ein ganz wichtiger Punkt. Wir haben unseren Climate Pledge: Wir wollen bis 2040 CO2-neutral sein. Alle unsere Rechenzentren in Europa nutzen schon erneuerbare Energien, bis 2030 wollen wir wasserpositiv sein.
Wenn man das gesamte Gesundheitssystem weltweit in ein Land packen würde, wäre es der fünftgrößte CO2-Verbraucher der Welt. Also da ist was zu tun. Und wir wollen dabei unterstützen – durch die Nutzung der AWS Cloud hat man eine weit bessere CO2-Bilanz und bis zu 80 Prozent Einsparung im Vergleich zu anderen Rechenzentren.
Was erwarten Sie für die Zukunft, wie könnte der Gesundheitsbereich dank Cloud-Infrastrukturen in 5 oder 10 Jahren aussehen?
Das ist natürlich sehr schwierig vorherzusehen. Wenn Sie sich erinnern: Vor anderthalb bis 2 Jahren war GenAI ein großes Thema, und dann kam innerhalb von ein paar Monaten Agentic AI mit neuen Möglichkeiten. Was wir jetzt sehen, ist eine unheimliche Skalierung von Agenten in allen Bereichen. Unser CEO hat mal gesagt: Es wird demnächst Milliarden von Agenten geben, die jeden Lebensbereich verändern werden.
Wenn wir das auf den Gesundheitsbereich übertragen, dann wird es zum Beispiel Agenten geben, die mich zu Hause betreuen werden, auch in Kombination mit Sensorik und Robotik. Wir sehen, dass Agenten Mediziner in jeglicher Form unterstützen werden, etwa bei der Diagnose. Agentenstrukturen können gesundheitsrelevante Daten viel mehr nutzbar machen. Das ist für Forscherinnen und Forscher sehr interessant, die mit diesem Wissen dann neue Medikamente und Therapien entwickeln können, im Sinne der Nutzung von KI zum Wohle des Menschen.
Dieser redaktionelle Beitrag entstand mit Unterstützung von Amazon Web Services.
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