The sun shining brightly in a clear orange sky
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Meinung

An der Hitze oder mit der Hitze gestorben?

Während starker Hitzewellen steigt die Zahl der Todesfälle deutlich an – manchmal um 10 bis 30 Prozent, in Extremfällen sogar um die Hälfte.

Bringen Hitzewellen nun Tausende Menschen um oder nicht? Es ist eines der großen Streitthemen dieses Sommers. Immer wieder zeigen Statistiken, dass während extremer Hitze deutlich mehr Menschen sterben als sonst.

Doch es gibt Medien und politische Parteien, die diesen Befund vom Tisch wischen wollen: Man könne doch gar nicht sagen, ob jemand an Hitze gestorben ist oder bloß während der Hitze, heißt es dann. Und selbst wenn es an der Hitzewelle lag: Die Hitze bringt doch sicher nur besonders schwache Personen mit Vorerkrankungen um. Die wären doch sicher auch ohne Hitze gestorben! Vielleicht halt ein, zwei Wochen später!

Das ist erstens zynisch – als wäre das Leben einer Person einfach egal, wenn sie Vorerkrankungen hat. Und zweitens ist es auch wissenschaftlich falsch. Dahinter verbirgt sich eine klare politische Agenda: Der Klimawandel soll geleugnet oder verharmlost werden. In Zeiten, in denen jeder spürt, dass diese verrückte Hitze nicht mehr gesund ist, muss man zumindest die Todesstatistik irgendwie schönreden. Sonst müsste man ja zugeben, dass man falsch lag und der Klimawandel doch ein ernstes Problem ist.

Ist das noch Zufall oder schon Statistik?

Eines ist schon wahr: Meist kann man nicht sagen, ob eine bestimmte Person an einer Hitzewelle gestorben ist oder nicht. Nur wenige sterben an einem Hitzschlag, bei dem der Zusammenhang offensichtlich ist. Auch bei großer Hitze sterben die meisten Menschen an Erkrankungen, die auch ohne Hitzewelle auftreten – etwa an Herzversagen, Schlaganfällen oder Nierenversagen.

Aber man muss nicht konkrete Todesfälle einer Hitzewelle zuordnen können, um abzuschätzen, wie gefährlich Hitze ist. Wenn jemand jahrzehntelang raucht und dann Lungenkrebs bekommt, kann man diesen einen Krebs auch nicht eindeutig dem Rauchen zuordnen. Vielleicht hat er den Krebs ja nicht wegen des Rauchens, sondern während des Rauchens bekommen? Trotzdem kann man durch Vergleich großer Gruppen statistisch klar nachrechnen, wie stark Rauchen das Krebsrisiko erhöht.

Heatwave hits France

Wären die auch ohne Hitze gestorben?

Außer Frage steht: Während starker Hitzewellen steigt die Zahl der Todesfälle deutlich an – manchmal um 10 bis 30 Prozent, in Extremfällen sogar um die Hälfte. Das ist ein äußerst deutliches statistisches Signal. Aber kann es sein, dass die meisten dieser Leute auch ohne Hitzewelle kurz darauf gestorben wären?

Wäre das so, müsste man auch das in der Statistik sehen. Dann müsste nämlich nach der Hitzewelle die Sterblichkeit messbar sinken – schließlich müsste es dann nach der Hitzewelle weniger Schwerkranke geben, weil viele von ihnen bereits von der Hitze hinweggerafft wurden.

Man nennt das „Mortality Displacement“ – und diesen Effekt gibt es oft tatsächlich. Aber er reicht eindeutig nicht aus, um die gesamte Übersterblichkeit während einer Hitzewelle als bloßes „Vorziehen“ von Todesfällen zu erklären, die ohnehin unmittelbar bevorstanden. Bei der großen Hitzewelle in Frankreich 2003 stieg die Mortalität um 55 bis 60 Prozent, in den darauffolgenden drei Monaten wurde trotzdem keine untypisch niedrige Mortalität festgestellt.

Wie viele der Verstorbenen auch ohne Hitzewelle innerhalb weniger Wochen gestorben wären, lässt sich nicht genau sagen. Wir müssen uns damit abfinden, dass man weder die Zahl der Hitzetoten noch die durch Hitzewellen verlorene Lebenszeit präzise ausrechnen kann – aber Größenordnungsabschätzungen sind gut belegbar: In Österreich geht man von Hunderten Hitzetoten pro Jahr aus, in Deutschland von Tausenden, europaweit dürften es einige Zehntausend sein.

Jedes Leben ist wertvoll

Es geht hier allerdings um mehr als bloß um Statistik. Für alle, die jetzt sagen „aber diese Hitzetoten, das sind doch nur Leute, die ohnehin gestorben wären“, gibt es eine ganz bittere Nachricht: Alle Menschen sind Leute, die ohnehin gestorben wären, immer. Die Mortalität im Leben beträgt immer genau 100 Prozent. Das ist kein Grund, sich nicht für das Leben einzusetzen.

So zu tun, als wäre ein Todesfall egal, nur weil es sich um eine Person mit schwerer Vorerkrankung handelt, ist menschenverachtend. Dass jemand wegen gesundheitlicher Probleme in Lebensgefahr ist, entwertet nicht seinen Wunsch, am Leben zu bleiben.

Und es geht nicht nur ums Sterben. Angenommen, wir wissen tatsächlich sicher, dass eine Person die nächsten 3 oder 4 Wochen nicht überleben wird. Dieser Mensch möchte vielleicht nur möglichst schmerzfrei durch den Tag kommen, noch ein paar schöne Gespräche führen oder einfach nur Ruhe haben – wird aber von einer Hitzewelle gequält, die das Atmen erschwert, das Gehirn vernebelt und die letzten paar Tage zur Qual macht. Soll das nun egal sein, nur weil es für die Sterbestatistik keinen Unterschied macht?

Hitze ist ein Gesundheitsrisiko – das steht fest. Falls wir neben den unzähligen anderen Gründen, den Klimawandel zu stoppen, tatsächlich noch einen weiteren brauchen, dann sollten wir uns allein schon deshalb für Klimaschutz einsetzen: Für unsere eigene Gesundheit.

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Florian Aigner

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen, schreibt er regelmäßig auf futurezone.at und in der Tageszeitung KURIER.

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