Kindle Scribe Colorsoft im Test: Tolles Schreibgefühl in der Software-Sackgasse
Mit dem Kindle Scribe hat Amazon eine Variante seines E-Readers auf den Markt, die mehr als nur ein simples Leseerlebnis bieten soll. Der Scribe kommt mit Stift und soll es damit nicht nur erlauben, Notizen zu Büchern und Dokumenten hinzuzufügen, sondern auch ganze Seiten einfach handschriftlich zu erstellen.
Seit Kurzem gibt es das Gerät in einer Version mit Farbdisplay. Ich habe den Kindle Colorsoft Scribe getestet.
Das Äußere
Amazon hat sich bei dem Design im Vergleich zum älteren Scribe einiges überlegt. Mit nur 5,4 mm Dicke und rund 400 Gramm Gewicht ist das Gerät trotz des 11-Zoll-Screens extrem dünn und leicht.
Geschichte ist das alte Design, bei dem eine Seite als "Halterand" dicker war als die andere. Der Scribe Colorsoft ist jetzt symmetrisch mit gleichmäßigen Rändern um den gesamten Bildschirm.
Die Verarbeitung ist gelungen, der Kindle fühlt sich edel an. Einziger Port ist ein USB-C-Anschluss, dazu gibt es eine Taste, mit der man das Gerät einschaltet bzw. aufweckt.
Nettes Detail: Auf der Unterseite befinden sich 4 kleine Gumminoppen. Diese haben den Effekt, dass der Kindle auf glatten Oberflächen wie Holztischen nicht herumrutscht, sondern bombenfest darauf liegt. So kann man stressfrei direkt mit dem Stift auf dem Gerät schreiben.
© Gregor Gruber
Das Display und der Akku
Herzstück des Gerätes ist das E-Ink-Display, das im Unterschied zum Vorgänger auch Farben darstellen kann. Nach dem regulären Colorsoft ist es Amazons zweites Gerät mit Farb-E-Ink-Bildschirm.
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Mit einem gewöhnlichen LC- oder OLED-Display ist ein Farb-E-Ink nicht zu vergleichen. E-Ink-Displays arbeiten auf Basis von winzigen Kapseln. Durch unterschiedliche Spannung werden aus diesen Kapseln entweder schwarze oder weiße Teilchen an die Oberfläche gezogen.
Sind die Teilchen einmal da, bleiben sie auch, ohne dass weiterer Strom verbraucht wird. Das ist einer der großen Vorteile dieser Technologie. Um Farbe in das Ganze zu bekommen, wird ein RGB-Farbfilter darübergelegt. Amazon verwendet dazu die Kaleido-Technologie des Displayherstellers Eink.
Das Ergebnis sieht nicht so brillant aus, wie das Tablet- oder Smartphone-Display. Die Farben sind eher pastellig, was aber gut zum Papier-Gefühl passt. Der Hintergrund ist auch weniger weiß, sondern beige gehalten. Ein Vorteil von E-Ink: Selbst im Freien bei strahlendem Sonnenschein kann man die Anzeige problemlos ablesen und eben Notizen machen.
Wie der kleine Colorsoft schafft das Gerät in Farbe nur 150 PPI, bei Schwarz-Weiß-Darstellungen 300 PPI. Das ist etwas schade. Zum Vergleich: Selbst der Kindle der ersten Generation hatte 167 PPI zu bieten. Das liest sich allerdings schlimmer als es ist, in der Praxis geht die Darstellung von Farbinhalten in Ordnung. Die Pastellfarben sorgen für eine ganz eigene Atmosphäre, die ansprechend ist.
Das E-Ink-Display führt auch dazu, dass die Navigation und vor allem das Scrollen nicht so flüssig sind wie bei anderen Displaytechnologien. Das merkt man auch am Scribe. Ein Webbrowser ist zwar integriert, das Browsen ist aus diesem Grund aber kaum mit einem normalen Tablet zu vergleichen. Zum Lesen der ein oder anderen Nachrichten-Webseite oder Wikipedia reicht es, mehr aber nicht.
Dadurch, dass nur beim Wechsel des Inhalts und durch die Displaybeleuchtung Strom verbraucht wird, halten die Akkus von E-Ink-Geräten sehr lange durch. Das ist auch beim Scribe nicht anders. Selbst bei mehrstündiger Nutzung im Test habe ich weniger als 10 Prozent pro Tag verbraucht. In der Praxis mit Stift und vielen Notizen würde ich bei täglicher Nutzung davon ausgehen, rund einmal pro Woche laden zu müssen.
© Gregor Gruber
Notizbücher
Dass das Machen von Notizen ein Kernfeature des Kindle Scribe ist, sieht man sofort, wenn man das Gerät einschaltet. Auf dem Homescreen findet sich links oben gleich die Möglichkeit, seine letzte Notiz weiter zu bearbeiten. Alternativ kann man eine neue anlegen.
Der mitgelieferte Premium Pen (mit programmierbarer Taste und Radierer-Rückseite) muss nicht geladen werden. Das Schreibgefühl auf dem E-Ink-Display erinnert ein wenig daran, als würde man mit einem Filzstift auf einem leicht rauen Karton schreiben. Mich holt es komplett ab, ich könnte stundenlang darauf herumkritzeln. Verzögerungen oder dergleichen sind beim Schreiben nicht zu bemerken, es fühlt sich einfach nett an.
Beim Notizenmachen hat man die Möglichkeit, verschiedene Arten von Stiften und Farben zu verwenden. Auch kann man sich aussuchen, ob der Hintergrund leer, kariert oder liniert sein soll.
Ist man mit dem Scribe im WLAN, werden die Notizen direkt mit dem eigenen Amazon-Account synchronisiert. Das heißt, man kann sie auch in den Kindle-Smartphone-Apps öffnen und betrachten. Das Modifizieren oder Bearbeiten in den Apps ist nicht möglich, auch nicht am (eigentlich super dafür geeigneten) iPad.
Dazu kommt, dass man sie in der App erstmal finden muss. Sie befinden sich im Submenü "Notizbücher", das man nur über "mehr" erreicht. Irgendwie umständlich, denn wenn ich die Notizen-Funktion oft verwende, hätte ich sie (wie am Kindle selbst) gerne direkt auf der Startseite.
© Gregor Gruber
KI-Features
Bei den Notizen kommt Künstliche Intelligenz zum Einsatz. Über ein Menü lässt sich eine handgeschriebene Notiz mit einem Klick entweder "verfeinern" oder zusammenfassen. Ersteres bedeutet, dass die eigene Handschrift von Amazon quasi "schöngeschrieben" wird – das funktioniert im Test erstaunlich gut.
Nach etwa 10 Sekunden Bedenkzeit verwandelt sich das, was ich mit meiner "Sauklaue" flüchtig hingekritzelt habe, in eine saubere, perfekt lesbare Schrift auf dem Display. Die Erkennung arbeitet dabei nahezu fehlerfrei. Beim Zusammenfassen geht das System noch einen Schritt weiter: Hier werden die Informationen nicht nur optisch aufbereitet, sondern auch inhaltlich "gestrafft". Diese Ergebnisse waren im Testalltag meist zufriedenstellend. Man muss für das Feature aber zwingend im WLAN sein.
Das Lesen
Natürlich kann man mit dem Kindle wie gewohnt seine E-Books lesen. Dank des großen Bildschirms hat man mehrere Möglichkeiten für die Anzeige. Zum Beispiel hochkant mit jeweils einer dargestellten Seite oder im Querformat, wo dann 2 Seiten nebeneinander dargestellt werden. So wirklich anfreunden konnte ich mich im Test mit dem Kindle als E-Book-Lesegerät nur bedingt. Denn egal, ob man ihn hochkant oder quer hält, er ist für mich dafür einfach unnötig groß. Kleinere Reader wiegen etwa die Hälfte und man hat mit ihnen kaum einen Nachteil, außer dass man öfter umblättern muss. Aber das nehme ich dafür, dass ich das Gerät deutlich bequemer in der Hand halten kann, gerne in Kauf.
© Gregor Gruber
Man kann mit dem Stift auch Notizen direkt in den Büchern machen. Allerdings kann man dabei nicht einfach Zeilen markieren und drüberschreiben, wie es intuitiv wäre. Stattdessen wird eine Notiz als Bild abgespeichert, um die dann der Text fließt. Dieses Feature mit der Bezeichnung "Active Canvas" fühlt sich im Alltag irgendwie sperrig an. Immerhin: Wer nur im Textmarker-Stil markieren will, kann das mit dem Stift wie gewohnt machen.
© Gregor Gruber
Genau das, was ich mir hier erwarten würde, geht bei PDFs. In diesen kann ich auf alle erdenklichen Arten mit den Stiften zeichnen und mir Markierungen machen. Wenn ich fertig bin, kann ich mir das PDF mit allen Notizen direkt an meine E-Mail-Adresse schicken. Das funktioniert so, wie ich mir das vorstelle.
© Gregor Gruber
Comics
Eine Sache, bei der die Farbe auf dem großen 11-Zoll-Bildschirm theoretisch glänzen kann, sind Comics. Allerdings muss man sich hier mit der eher pastelligen Optik des Farb-E-Inks anfreunden. Es kommt ganz stark darauf an, welche Art von Inhalten man konsumiert: Eher düstere, atmosphärische Graphic Novels (wie etwa Batman) sehen auf dem Scribe Colorsoft deutlich stimmiger aus als die von Haus aus knalligen, satten Farben eines Asterix-Bandes.
Unterm Strich würde ich für den reinen Comic-Genuss eher zu einem gewöhnlichen Tablet greifen. Einzig für das Lesen im Freien, ohne störende Spiegelungen im Sonnenlicht, macht der große E-Ink-Reader hier wirklich Sinn.
© Thomas Prenner
Fazit
Der Kindle Scribe Colorsoft lässt mich zwiegespalten zurück. So mag ich die dünne, edle Bauweise, das durchaus ansprechende Farbdisplay und das wirklich tolle Schreibgefühl, das mich im Alltag tatsächlich dazu motiviert, mehr handschriftlich zu notieren. Auch das Nutzer-Interface ist gut gelöst und ansprechend. Die KI-Features funktionieren erstaunlich gut.
Amazons Software führt mich allerdings bei den Notizen immer wieder in unnötige Sackgassen. Warum kann ich etwa meine Notizen in der Handy- oder Tablet-App nicht bearbeiten? So würde ich zum Beispiel gerne die zuvor am Kindle Scribe gemachte Einkaufsliste im Supermarkt am Handy Produkt für Produkt durchstreichen. Oder mir in der U-Bahn am Handy dann doch noch etwas zum letzten Meeting notieren, was mir in dem Moment nicht eingefallen ist. Oder warum kann ich nicht einfach über die E-Books mit dem Stift "drüberschreiben", um mir so auf die denkbar intuitivste Art und Weise Notizen zu machen?
Pro und Contra
Pro
- Gelungenes Design: Extrem dünn (5,4 mm), leicht (~400 g) und endlich symmetrisch ohne klobigen Halterand.
- Hervorragendes Schreibgefühl: Das Zusammenspiel aus texturiertem Display und dem batterielosen Premium Pen fühlt sich natürlich an (wie Filzstift auf Karton).
- Clevere Details: Die 4 Gumminoppen auf der Unterseite sorgen für einen guten Halt beim Schreiben auf Tischen.
- Starke KI-Features: Handschriften-Glättung und Text-Zusammenfassungen funktionieren schnell und fehlerfrei.
- Gute PDF-Integration: Direktes Zeichnen und Markieren in PDFs klappt intuitiv; der Export per E-Mail funktioniert nahtlos.
- Mehrwert durch Farbe: Farb-E-Ink bringt echten Nutzen beim Lesen von Comics, Grafiken und für farbige Textmarkierungen.
Contra
- Heftiger Premium-Preis: Mit rund 705 Euro im Bundle teurer als manche iPads.
- Software-Sackgassen: Handschriftliche Notizen können in der Smartphone- oder Tablet-App nur gelesen, aber nicht mobil bearbeitet oder abgehakt werden.
- Sperriges "Active Canvas": Kein freies Schreiben direkt über E-Book-Texten; der Buchtext fließt stattdessen unnatürlich um die Notiz-Blöcke herum.
- Unflexibles Ökosystem: Typisch Amazon sehr geschlossen.
- Als reiner Reader zu klobig: Für das klassische, längere Lesen normaler Bücher im Alltag zu groß und schwer.
Als reines Lesegerät für gewöhnliche Bücher finde ich den Formfaktor des Scribes nicht optimal. Er ist zu groß und zu schwer, um ihn über längere Zeit angenehm zu halten. Wer nur einen E-Reader möchte, ist mit einem regulären Kindle alleine schon aufgrund der Kompaktheit besser dran. Für Comics sind mir die Farben zu wenig kräftig.
Wer ein Kombi-Gerät mit genau dem spezifischen Usecase Notizblock und E-Reader sucht, kann mit dem Scribe Colorsoft durchaus eine gute Zeit haben. Allerdings auch nur, falls man den ziemlich ambitioniert angesetzten Preis von 705 Euro verdauen möchte.
Wenn man weniger lesen und primär Notizen machen möchte, könnte sich etwa Geräte von Boox anschauen, die allesamt ein gutes Stück günstiger sind, oder den sehr spezialisierten reMarkable Paper Pro.
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