Die Lider-Klasse war erstmals 2015 als Modell zu sehen.
Projekt 23560: Russlands neuer nuklearer Zerstörer taucht wieder auf
Was die Su-75 für die russische Luftfahrtindustrie ist, ist Projekt 23560 für die Marine: potenziell Vaporware. Ähnlich wie der „günstige Stealth-Fighter“ ist auch der nukleare Zerstörer schon lange im Gespräch und dann wieder lange von der Bildfläche verschwunden – mit ungewisser Zukunft.
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Jetzt ist Projekt 23560, auch bekannt als Lider-Klasse, wieder aufgetaucht. Beim Rüstungsforum Fleet-2026 in St. Petersburg wurde den Gästen, inklusive dem russischen Marine-Oberbefehlshaber Alexander Moissejew, ein Modell der Lider-Klasse gezeigt.
Modell seit 10 Jahren unverändert
Selbst unter russischen Militärbloggern ist Projekt 23560 umstritten. Die einen feiern das Auftauchen der Lider-Klasse als Bestätigung, dass das Kriegsschiff, das wegen seines Atomantriebs einzigartig und allen Zerstörern der USA und China überlegen sein soll, nach wie vor gebaut werden soll.
Die anderen weisen darauf hin, dass es anscheinend genau dasselbe Modell ist, das schon bei ähnlichen Veranstaltungen 2015 und 2017 zu sehen war: „Wenn sie es nicht mal schaffen, ein Modellschiff zu aktualisieren, wie sollen sie dann einen 200 Meter langen Nuklear-Zerstörer bauen?“, ist etwa auf Telegram zu lesen.
Dieses Modell der Lider-Klasse war 2015 ausgestellt.
© LeAZ-1977 / Wikimedia Commons
Fokus auf Raketen
Die Lider-Klasse ist als Lenkwaffen-Zerstörer konzipiert, also mit einem Fokus auf vertikale Startzellen (VLS) als Bewaffnung. Dazu soll sie 64 Zellen des Typs 3S14 bekommen. Aus diesen können die Marschflugkörper Kalibr, die Antischiffsrakete Oniks und die Hyperschallrakete Zirkon gestartet werden.
Weitere 56 Zellen sind für die schiffsbasierten Luftabwehrraketen des Typs S-500 gedacht, die laut Russland eine Reichweite von bis zu 600 km haben. 16 Zellen sind für Redut vorgesehen, Luftabwehrraketen mit bis zu 120 km Reichweite.
Für die Nahbereichsverteidigung gegen Drohnen und Raketen gibt es 3 Pantsir-M-Systeme. Jedes davon kombiniert 2 AO-18KD Gatling-Kanonen mit Startern für Hermes-Antiluftraketen (ca. 20 km Reichweite).
Zur Bekämpfung von U-Booten und sich nähernden Torpedos sind 2 Starter mit je 6 Rohren für Paket-NK-Torpedos vorgesehen. Am Bug soll die neue 130-mm-Kanone A-192M installiert werden. Diese soll eine Feuerrate von bis zu 45 Schuss pro Minute haben und eine Reichweite von bis zu 23 km.
Am Heck ist ein Landeplatz für einen Hubschrauber eingeplant. Im Hangar sollen bis zu 2 Helikopter Platz haben.
Das 2015 gezeigte Modell der Lider-Klasse.
© LeAZ-1977 / Wikimedia Commons
Überdimensionierter Zerstörer
Damit sich das alles auf einem Schiff ausgeht, soll die Lider-Klasse 230 Meter lang und 20 Meter breit sein. Die Verdrängung soll bei 19.000 Tonnen liegen. Das ist ziemlich groß für einen modernen Zerstörer. Die Arleigh-Burke-Klasse, das „Arbeitstier“ der US Navy, kommt auf 155 Meter und 9.700 Tonnen. Chinas Type 55 liegt bei 180 Metern und 13.000 Tonnen.
Die Größe ist der Grund, warum die Lider-Klasse einen nuklearen statt einen konventionellen Antrieb bekommen soll. Dieser soll, trotz der imposanten Maße, eine Höchstgeschwindigkeit von 32 Knoten (59 km/h) ermöglichen und eine theoretisch unendliche Reichweite. Da die Crew von bis zu 500 Personen aber auch mit Wasser und Essen versorgt werden muss, liegt die geplante Einsatzdauer bei 60 bis 90 Tagen, bevor Nachschub aufgenommen werden muss.
Ist ein Zerstörer mit Atomantrieb realistisch?
Mehr Reichweite, mehr Raketen und damit mehr Schlagkraft: Was spricht also gegen die Lider-Klasse? Wieso wurde nicht schon längst mit dem Bau begonnen? Nuklearantriebe bei Kriegsschiffen sind keine Plug-and-Play-Angelegenheit. Sie erhöhen die Komplexität der Konstruktion massiv (und damit die Bauzeit) und natürlich die Kosten.
Deshalb werden Nuklearantriebe bei der Marine eigentlich nur eingesetzt, wenn es absolut notwendig ist: Bei U-Booten, damit diese so lange wie möglich tauchen können und bei Flugzeugträgern, weil hier Schiffe mit einer Verdrängung von teilweise über 100.000 Tonnen über weite Strecken bewegt werden müssen.
Russland hat noch einen Atomkreuzer im Einsatz
Bei klassischen Kriegsschiffen hat sich der Nuklearantrieb bisher nicht durchgesetzt. Russland ist das einzige Land der Welt, das noch so ein Schiff im Einsatz hat: die 1998 in Dienst gestellte Pjotr Weliki. Sie gehört zur Klasse Projekt 1144 Orlan, auch bekannt unter dem NATO-Namen Kirov.
Mit der Admiral Nachimow gibt es ein zweites Schiff dieser Klasse, das 1988 in Dienst gestellt wurde. Sie wurde umfassend modernisiert und ist am 1. Juni 2026 zu finalen Testfahrten aufgebrochen. Wann sie wieder in Dienst gestellt wird, ist noch offen.
Ein Aufklärungsfoto von der Admiral Nachimow aus dem Jahr 1991.
© US Navy
Insgesamt wurden nur 4 Orlan-Schlachtkreuzer gebaut. Die Admiral Kirow wurde nach 10 Jahren Dienstzeit schon 1990 außer Dienst gestellt, die Admiral Lasarew diente von 1984 bis 1999. Die Orlan-Klasse hat eine Verdrängung von bis zu 28.000 Tonnen und eine Länge von 252 Metern.
Sollte Projekt 23560 jemals in See stechen, soll sie die 2 verbleibenden Schiffe der Orlan-Klasse und die 2 Kreuzer der Klasse Projekt 1164 Atlant (NATO-Name: Slawa) ersetzen. Diese sind 187 Meter lang, haben eine Verdrängung von 11.280 Tonnen und einen konventionellen Antrieb. Die von der Ukraine mit 2 Antischiffsraketen versenkte Moskwa gehörte dieser Klasse an.
Die Moskwa (noch unversenkt) im Jahr 2009.
© George Chernilevsky / Wikimedia Commons
Geschichte der Lider-Klasse
Die letzten bekannten Pläne sehen 6 Stück der Lider-Klasse vor. 2019 wurden Kosten von 1,5 Milliarden US-Dollar pro Schiff angepeilt. Sogar für russische Verhältnisse wäre das ein Schnäppchen. Ein Arleigh Burke-Zerstörer kostet in der modernsten Variante der US Navy 2,5 Milliarden US-Dollar und das ohne kostspieligen Nuklearantrieb. Die geplante Trump-Klasse, ein „Schlachtschiff“ mit Atomantrieb, soll 17 Milliarden US-Dollar kosten.
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Konzeptgrafik der Trump-Klasse
© US Navy
Diese Kosten werden von Kritikern des Projekts 23560 deshalb als unrealistisch niedrig eingeschätzt. Generell steht die Lider-Klasse bisher unter keinem guten Stern: 2015 waren noch 12 Stück geplant, im Mai 2017 hieß es, dass das Projekt wegen der hohen Kosten gestrichen wird. Im Juni 2017 war es dann doch wieder in Planung.
2019 sagte man, dass die Bauarbeiten 2023 beginnen werden – was bisher nicht passiert ist. Im April 2020 gab es Berichte, dass die Arbeit an der Lider-Klasse pausiert wurde, im Juni 2020 sagte aber der staatliche Schiffsbauer USC, dass die Planungsphase von Projekt 23560 immer noch läuft.
2022 bestätigte USC nochmal, dass weiterhin an der Lider-Klasse gearbeitet wird. USC sagte aber auch, dass die russische Regierung womöglich ein anderes Projekt bevorzugt: 22350M, eine Lenkwaffen-Fregatte mit einer Verdrängung von etwa 7.000 Tonnen.
Die 22350M-Klasse soll auf der 22350-Klasse (hier im Bild) basieren, aber mehr VLS-Zellen haben.
© Russische Marine
Im August 2025 sagte Moissejew, dass die Lider-Klasse immer noch in Entwicklung ist, räumte aber ein, dass der limitierte Zugang von Russland zu kritischen Technologien weiterhin ein Problem für den Fortschritt des Projekts sei. Diese Aussage des Admirals wurde von vielen so verstanden, dass der Nuklearantrieb das Hauptproblem sei.
Wozu braucht es eine Lider-Klasse?
Ein großer Kritikpunkt der Lider-Klasse ist: Wozu braucht man sie? Alle Punkte, die gegen die geplante Trump-Klasse der USA sprechen, treffen auch hier zu: Groß (leichtes Ziel), teuer (man könnte mehrere andere Schiffe stattdessen bauen) und sie würde keine Lücke in der Flotte füllen, für die man diese spezielle Art von Schiff benötigt.
Die US Navy versucht die Trump-Klasse als besonders schlagkräftigen Zerstörer zu positionieren, der u.a. Flugzeugträger vor Luftangriffen schützen soll – also das, was jetzt schon die weit günstigeren Arleigh-Burkes machen. Projekt 23560 sei nicht mal dafür gut, so Kritiker der Lider-Klasse: Denn Russland hat nur einen einzigen Flugzeugträger, die Admiral Kusnezow, und die ist seit 2017 nicht mehr aktiv im Dienst.
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Theoretisch könnte die Lider-Klasse noch zum Schutz von Projekt 23900 abgestellt werden. Dabei handelt es sich um 2 Hubschrauber- und Drohnenträger, die sich derzeit im Bau befinden. Sie sind 220 Meter lang und haben eine Verdrängung von etwa 40.000 Tonnen.
Ein Modell des Hubschrauberträgers Projekt 23900.
© LeAZ-1977 / Wikimedia Commons
Aber auch dafür gilt: Wieso nicht normale Zerstörer oder Fregatten bauen, die günstiger und schneller einsatzbereit sind, und ebenfalls Projekt 23900 beschützen können? Hier kommt noch hinzu, dass die Iwan Rogow schon 2028 in Dienst gestellt werden soll und die Mitrofan Moskalenko 2029. Selbst wenn der Bau der Lider-Klasse noch heuer beginnt, wäre mit einer Indienststellung wohl frühestens im Jahr 2034 zu rechnen – mit der Betonung auf frühestens.
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