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Kann Österreich Raketenangriffe wie die vom Iran abwehren?

Der Iran rächt sich für die amerikanischen und israelischen Angriffe. Mit einer Mischung aus Raketen und Drohnen werden nicht nur Ziele in Israel angegriffen, sondern auch in anderen Ländern der Golfregion, inklusive Dubai, Bahrain und Katar.

Die Luftabwehr der Länder fängt den Großteil ab, dennoch gibt es Einschläge auf militärischen und zivilen Zielen. Selbst in Israel, das vermutlich den best-ausgebauten Raketenabwehrschirm der Welt hat, gibt es Explosionen am Boden.

Die Videos, die zeigen, wie iranische Kamikaze-Drohnen in Hochhäuser einschlagen, lösen auch hierzulande Unbehagen aus: Was wäre, wenn Österreich ins Fadenkreuz einer Nation kommt, die einen Rundumschlag mit Drohnen und Raketen macht? Haben wir die nötigen Schutzmaßnahmen?

Disclaimer: Es gibt keine Anzeichen dafür, dass der Iran oder ein anderes Land vorhat, Österreich anzugreifen. In diesem Artikel geht es um die technischen Möglichkeiten solcher Angriffe und die Abwehr, nicht um Geopolitik.

Ballistische Raketen

Für weitreichende Angriffe aus dem eigenen Hoheitsgebiet auf andere Länder, kommen bei aktuellen Konflikten hauptsächlich 3 Waffensysteme zum Einsatz: Kamikaze-Drohnen, Marschflugkörper und ballistische Raketen. Das gilt sowohl für den Iran als auch für Russland, das mit diesen Waffen zivile und militärische Ziele in der Ukraine beschießt.

Ballistische Raketen stellen die größte Gefahr dar. Sie können nur von modernen Luftabwehrsystemen abgefangen werden, die speziell darauf ausgelegt sind. Der Versuch, sie mit anderen Abwehrsystemen abzufangen, kommt dem Hoffen auf einen Glücksschuss gleich.

Ballistische Raketen fliegen nämlich, je nach Modell, sehr hoch: Üblich sind 40 bis weit über 100 km. Durch die ballistische Flugbahn stürzen sie sich von oben auf ihr Ziel herab. Dabei erreichen sie oft Hyperschallgeschwindigkeit, also mehr als Mach 5 (über 6.100 km/h).

Weil ballistische Raketen wegen des benötigten Treibstoffs ohnehin schon sehr groß sind, haben sie auch meistens viel Sprengstoff an Bord. Die iranische ballistische Kurzstreckenrakete Fateh-110 (300 km Reichweite) hat etwa einen Gefechtskopf mit 500 kg. Die Sejjil mit bis zu 2.500 km Reichweite kann mit bis zu 1,5 Tonnen bestückt werden.

Ballistische Raketen sind also nicht nur schwer abzufangen, sondern richten beim Einschlag auch gewaltige Zerstörung an. Statt einem normalen Sprengkopf kann Streumunition genutzt werden. Die hat zwar weniger Durchschlagskraft, kann aber Schäden und Brände auf einem größeren Gebiet anrichten.

Österreich versus ballistische Raketen

Kann Österreich ballistische Raketen abfangen? Nein. Das Bundesheer hat derzeit nur 2 Systeme zur Luftabwehr: Die 35-mm-Zwillingsfliegerabwehrkanone 85 und die Rakete Mistral.

Wenn die 35-mm-Kanone in der Nacht loslegt, sieht das anhand der Leuchtspurgeschosse zwar beeindruckend aus, aber gegen eine ballistische Rakete ist die Trefferchance gleich 0. Ob denn zumindest mit einem Glücksschuss zu rechnen sei? „Dafür ist sie nicht ausgelegt“, heißt es aus Bundesheer-Kreisen.

Bleibt noch die Mistral: Rakete statt Kanone, selbe Antwort. Selbst, wenn die Mistral schafft mit ihrem Infrarotsensor auf eine ballistische Rakete im Zielanflug aufzuschalten, würde sie ziemlich sicher danebengehen. Und viel Zeit zum Schießen hat man auch nicht: Die Mistral hat eine Reichweite von etwa 6 km und fliegt bis zu 3 km hoch. Kommt eine ballistische Rakete steil mit Mach 7 angeflogen, sind die 3 km in 1,25 Sekunden überwunden.

Marschflugkörper

Bei Marschflugkörpern sind die Chancen auf eine Abwehr höher. Diese fliegen meist mit Unterschallgeschwindigkeit, im Bereich 750 bis 950 km/h, um hohe Reichweiten zu erzielen. Einige Modelle knacken mittlerweile die 2.000-km-Marke.

Zudem fliegen sie oft niedrig, um „unter dem Radar“ zu bleiben: Der Mangel an Geschwindigkeit soll durch Tarnung aufgewogen werden. Moderne Marschflugkörper haben zudem Stealth-Eigenschaften, um die Radarsignatur zu reduzieren. Einige Modelle stoßen außerdem im Endanflug Täuschkörper aus, um die Infrarot-Aufschaltung von Abwehrraketen zu verwirren.

➤ Mehr lesen: Russische Cruise Missile Kh-101 wirft Täuschkörper ab

Ohne Täuschkörper-Ablenkung kann man mit der Mistral, die selbst Mach 2,5 fliegt, so einen Marschflugkörper erwischen. In der Ukraine wurden mit ähnlichen Waffensystemen russische Kalibr-Marschflugkörper abgeschossen.

Auch die 35-mm-Kanone ist dazu in der Lage, entweder per Radaraufschaltung oder mittels Laserentfernungsmesser. Je nach Anflugwinkel kann das ganz gut klappen, da die Kanone eine Reichweite von 4 km hat und eine kombinierte Feuerrate von bis zu 1.100 Schuss pro Minute – also 18 Schuss pro Sekunde.

Dass das funktioniert, hat die Ukraine mit Gepard bewiesen. Der deutsche Flakpanzer ist eigentlich eine fahrbare Oerlikon-KDA-35-mm L/90 – also die gleiche Flak, wie die 35-mm-Kanone des Bundesheers. Ukrainische Truppen haben mit dem Gepard erfolgreich russische Marschflugkörper abgeschossen.

Kamikaze-Drohnen

Bei Kamikaze-Drohnen wird es sogar noch einfacher. Die Shahed-136 kann zwar tief fliegen, hat in der Grundausstattung aber keine Stealth-Eigenschaften und keine Täuschkörper. Zudem ist sie mit bis zu 185 km/h eher gemütlich unterwegs –ein leichtes Ziel.

Ähnlich wie bei Marschflugkörpern dient die niedrige Geschwindigkeit, um eine große Reichweite zu ermöglichen. Mit bis zu 2.500 km Reichweite könnte die Shahed-136 vom Iran aus sogar Wien erreichen. Von Moskau nach Wien sind es nur etwa 1.650 km Entfernung, falls Russland seine eigene Variante der Shahed-136, die Geran-2, gegen Österreich einsetzen wollen würde.

Mit der Shahed-238 und Geran-3 gibt es Varianten mit Düsentriebwerken, die, zumindest bei reduzierter Reichweite, bis zu 600 km/h schnell fliegen sollen. Die übliche Reisegeschwindigkeit liegt eher bei 300 bis 370 km/h. Ebenso tauchen neue Formen auf, die eine Mischung aus Kamikaze-Drohne und günstiger Marschflugkörper sind, wie etwa die Geran-5. Auch diese wäre mit der 35-mm-Kanone und Mistral bekämpfbar.

➤ Mehr lesen: Geran-5: Russland bewaffnet Marschflugkörper mit Luft-Luft-Raketen

Trümmer einer Geran-5

Masse statt Klasse

Das Problem dabei: Kamikaze-Drohnen und günstige Marschflugkörper werden eingesetzt, weil sie billig und schnell zu produzieren sind. Sie kommen in Wellen und großer Stückzahl daher, um die Luftabwehr zu überfordern, bzw. damit sich diese leer schießt. Während die 35-mm-Kanonen und Mistrals nachgeladen werden, fliegt die zweite Welle unbehelligt auf ihre Ziele zu.

Außerdem wäre der Zeitpunkt für Österreich gerade ungünstig: Die 35-mm-Kanone wird gerade modernisiert. Erst ab 2028 werden wieder alle 24 Stück (zusammengefasst zu 7 taktischen Einheiten) zur Verfügung stehen. Dafür dann aber u.a. mit der Fähigkeit AHEAD-Munition einzusetzen. Diese explodiert in der Luft kurz vor dem Ziel und erzeugt so eine Splitterwolke. Das erhöht die Trefferquote gegen schnell fliegende Ziele.

Aber auch mit dem Upgrade wird das wohl nicht reichen: Die österreichische Staatsgrenze ist 2.706 km lang (ohne Bodensee). Selbst, wenn man die 59 vorhandenen Mistral-Starter nimmt und alle 4 km einen davon und danach alle 4 km eine 35-mm-Kanone aufstellt, kann man nicht die komplette Grenze „dicht machen“.

Also können nur, wie auch bei anderen Ländern üblich, neuralgische Punkte verteidigt werden. Oder man hofft, dass die Angreifer ihre Drohnen und Marschflugkörper immer über dieselbe Route schicken und konzentriert dort die Abwehrmaßnahmen.

Realistisch gesehen ist selbst die punktuelle Verteidigung von kritischer Infrastruktur in Österreich mit dem aktuellen Equipment nicht ausreichend möglich, falls tatsächlich mehrere Angriffswellen folgen. Für Ballungszentren schaut es sogar noch schlechter aus.

Luftkampf

Spätestens hier kommen die 15 Stück Eurofighter zum Zug. Mit Iris-T Luft-Luft-Raketen (25 km Reichweite) können sie Drohnen und Unterschall-Marschflugkörper jagen. Sind die Raketen aufgebraucht, kann noch die 27-mm-Bordkanone genutzt werden.

Ab 2028 sollen 12 Stück Leonardo M-346FA hinzukommen. Die Jets sind nicht nur für Trainings- und Ausbildungsflüge gedacht, sondern können u.a. mit der Iris-T bewaffnet werden. Die M-346FA kann damit ebenfalls zur Abwehr von Drohnen und Marschflugkörpern genutzt werden.

Weitere Anschaffungen für Projekt 2032+

Nicht nur die Luftwaffe des Bundesheers wird aufgestockt: Bis 2030 werden 36 Skyranger-Türme für den Radpanzer Pandur beschafft.

Der Skyranger-30-Turm für das Bundesheer ist zusätzlich mit einem Starter für Mistral-Raketen ausgestattet.

Die 30-mm-Kanone hat zwar nur etwa 3 km Reichweite, dafür ist er, im Gegensatz zur 35-mm-Kanone, deutlich mobiler und kann bei Bedarf schnell in eine neue Stellung fahren. Genau wie die bereits vorhandenen Flugabwehrsysteme des Bundesheers, kann er gegen Unterschall-Marschflugkörper, Drohnen, Hubschrauber und niedrig fliegende Flugzeuge eingesetzt werden.

Die nächste Ausbaustufe für die heimische Luftabwehr ist im Projekt 2032+ vorgesehen. Dazu will die Regierung bis 2028 entscheiden, welche Luftabwehrraketen mit höherer Reichweite angeschafft werden. Angestrebt werden mindestens 50 km Reichweite und 25 km Flughöhe. Das würde etwa auf das deutsche Iris-T SLX zutreffen, mit einer Reichweite von etwa 80 km. Auch die älteren Systeme Iris-T SLM sind zur Abwehr von ballistischen Raketen geeignet, dabei allerdings durch die Maximalreichweite von 40 km eingeschränkt.

Besser wäre hierfür SAMP/T geeignet. Das Flugabwehrsystem aus Frankreich hat in der neuesten Version SAMP/T NG eine Reichweite von 150 km. Ähnlich wie bei Iris-T reduziert aber die Flughöhe von 25 km den Abfangerfolg gegen ballistische Raketen.

THAAD

Weil der steile Winkel und die hohe Geschwindigkeit in der „Terminal Phase“ das Abfangen von ballistischen Raketen so schwer machen, versuchen darauf spezialisierte Abwehrsysteme sie schon früher zu erwischen - bevor sie im Zielanflug ihre maximale Geschwindigkeit erreichen. Die USA nutzen dazu THAAD (Terminal High Altitude Area Defense). Die Abfangraketen haben bis zu 200 km Reichweite und können bis zu 150 km hoch fliegen. Die 100-km-Marke gilt in der Luftfahrt als die Grenze zum Weltraum.

Dass sich Österreich THAAD leisten wird, ist höchst unwahrscheinlich. Je nachdem, wie die Entwicklungskosten miteinberechnet werden, kostet den USA eine Rakete 18 bis 27 Millionen US-Dollar. Eine Batterie, mit 6 Startern, 48 Raketen, dem passenden Radar und Feuerleitstelle, kommt auf bis zu 1,8 Milliarden US-Dollar. Im Export wären das dann wahrscheinlich um die 2,5 Milliarden Euro.

Will Europa seine länderübergreifende Luftabwehr-Initiative Sky Shield sinnvoll umsetzen, wird man über ein THAAD-ähnliches System nicht herumkommen. Am besten wäre natürlich eine europäische Lösung. Ist das nicht möglich, dürfte das israelische System Arrow 3 und womöglich auch der kommende Nachfolger Arrow 4 etwas günstiger als THAAD sein. Aufgrund der politischen Lage ist aber fraglich, ob sich die EU, beim Versuch sich von US-Rüstungslieferungen unabhängig zu machen, stattdessen von Israel abhängig machen will.

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Gregor Gruber

Testet am liebsten Videospiele und Hardware, beschäftigt sich leidenschaftlich mit Rüstungstechnologie.

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