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Autonomer Kampf-Tiltrotor Thunder soll AH-64 Apache im Gefecht unterstützen

Anduril hat Thunder vorgestellt. Dabei handelt es sich um einen hybrid-elektrischen Tiltrotor, der als autonom-agierender Wingman Kampfhubschrauber begleiten soll.

„Thunder ist ein Angriffs-Flugzeug, das für sehr hohe Performance und eine sehr niedrige Flughöhe ausgelegt ist“, erklärt Shane Arnott von Anduril, bei der Vorstellung des Konzepts gegenüber twz: „Es ist in dieser Hinsicht wie ein AH-64 Apache, anstatt eines hochfliegenden Aufklärungsflugzeugs.“

Ein Ah-64 Apache im Tiefflug.

Technische Details zu Thunder hat Anduril noch nicht verraten. Thunder sei aber bereits seit etwa 3 Jahren in Arbeit, ein Erstflug könne nächstes Jahr stattfinden. Sofern es Aufträge dafür gibt, könnte man noch vor 2030 mit der Massenproduktion starten. Mögliche Interessierte nennt Anduril nicht, man hätte aber bei der Konzeption von Thunder bereits mit „Regierungskunden“ zusammengearbeitet.

Auch zivile Variante geplant

Für das grundlegende Design wurde mit 2 anderen Unternehmen zusammengearbeitet. Eines davon ist Archer Aviation, das sich auf zivile VTOLs (Vertical Take-off and Landing) spezialisiert hat. Im Dezember 2024 gingen Anduril und Archer eine Partnerschaft ein, bei der es vor allem um die Integration von Archers Elektroantrieben in Anduril-Produkte geht. Thunder wird einen darauf basierten Hybrid-Antrieb nutzen.

Thunder soll aber auch als Plattform für zivile Produkte dienen, unter dem Namen Halo. Hier wird noch mehr von Archers Expertise einfließen. Gedacht ist Halo etwa als autonomer Senkrechtstarter für den Güter- und Materialtransport. So könnte er Ölbohrinseln oder Offshore-Windkraftanlagen ansteuern, Versorgungsgüter und Medikamente in Katastrophengebiete bringen oder eine Alternative zum Lkw-Transport bieten, wenn dringend benötigte Waren schnell geliefert werden müssen.

Konzeptbild für Halo

Die zweite Firma, mit der Anduril bei Thunder und Halo kooperiert, ist Karem Aircraft. Deren Fokus ist die Entwicklung von Tiltrotor-Flugzeugen, sowohl für den militärischen als auch zivilen Gebrauch. Karem steuert vor allem die Kipprotor-Technologie ein. Ein früheres Konzept von Karem sieht dem Thunder schon ähnlich, wegen des V-förmigen Leitwerks und der ausklappbaren Waffenstationen unter den Flügeln. Das Konzept war allerdings noch ein bemanntes Fluggerät.

Dieses Konzept von Karem erinnert an Thunder.

Vorteile von Wandelflugzeugen

Tiltrotors, auch Wandelflugzeuge genannt, sollen die Vorteile eines Hubschraubers und Flugzeugs vereinen. Werden die Rotoren hochgestellt, können sie wie Hubschrauber vertikal landen, starten und schweben. Werden die Rotoren nach vorne gekippt, fliegen sie wie ein Propellerflugzeug. Das erlaubt höhere Geschwindigkeiten und einen geringeren Verbrauch als ein Hubschrauber, woraus sich eine höhere Reichweite ergibt.

Die US-Streitkräfte nutzen mit dem Bell V-22 Osprey bereits ein Kipprotor-Flugzeug. Mit dem MV-75 Cheyenne II (Bell V-280) wird gerade ein Nachfolgemodell eingeführt, das künftig auch den Transporthubschrauber UH-60 Black Hawk ersetzen soll.

Begleitschutz für MV-75

Laut Anduril ist Thunder dafür ausgelegt, nicht nur mit dem AH-64 Apache mithalten zu können, sondern auch mit dem deutlich schnelleren MV-75 – sowohl bei der Geschwindigkeit als auch der Reichweite. Das heißt, Thunder muss mindestens 515 km/h schnell und 1.500 km weit fliegen können.

Damit hat Anduril ein sehr gutes Verkaufsargument für Thunder: Denn es gibt derzeit kein Fluggerät, das dem MV-75 ausreichend Begleitschutz geben kann. Der Apache ist mit 293 km/h zu langsam, wenn der Cheyenne II im Flugzeugmodus ist. Und ein Kampfjet ist nicht für die Nahbereichsverteidigung im Tiefflug geeignet, wenn der MV-75 im Hubschrauber-Modus Soldaten absetzt oder aufnimmt.

2 Apaches reiten mit 6 Thunders in die Schlacht

Ist Thunder mit Apaches unterwegs, sind die Aufgaben nicht nur defensiv, sondern auch offensiv. Anduril zufolge würde eine Standardformation von 2 Apaches dann von 3 bis 6 Thunders begleitet werden, je nach Mission.

Wie bei Anduril üblich, gibt es ein Video im Anime-Stil, das verdeutlichen soll, wie so ein Einsatz aussehen könnte. Falls man sich wundert, warum der Rüstungskonzern etwas „nerdig“ ist: Palmer Luckey, der Erfinder des VR-Headsets Oculus Rift, ist einer der Gründer.

Drohnenabwehr in der Nase

In dem Video wird ein interessantes Feature von Thunder demonstriert. In der Nase sind Startvorrichtungen für Abwehrmaßnahmen vorgesehen. Diese „Kinetic Interceptors“ sind im Grunde Abfangdrohnen, die angreifende Drohnen und Raketen im Flug zerstören sollen. Weil sie nach oben starten und nicht seitlich, kann der Einsatz gleichzeitig mit den Waffen stattfinden.

Diese Waffen sind auf Panels montiert und werden erst bei Gebrauch ausgeklappt. Das erinnert an den amerikanischen Stealth-Hubschrauber RAH-66 Comanche.

Bei Thunder dürfte das vermutlich nicht (nur) so sein, um die Radarsignatur zu reduzieren, sondern um im Flugzeugmodus weniger Luftwiderstand zu haben. Dadurch wird die Reichweite verbessert.

Bewaffnung

Laut Anduril kann Thunder mit folgenden Waffen bestückt werden:

  • 10 Luft-Boden-Raketen
  • 16 Drohnen bzw. Loitering Munition
  • 4 19-Schuss-Pods für insgesamt 76 70-mm-Raketen

Modell von Thunder: Drohnenabwehr in der Nase, Luft-Boden-Raketen unter dem rechten Flügel und Drohnenstarter und APKWS-II-Pod unter dem linken Flügel.

Natürlich ist auch eine Mischung daraus möglich. Bei einem Modell von Thunder sind etwa 5 Luft-Boden-Raketen auf der rechten Seite montiert und ein 70-mm-Pod und 4 Drohnenstarter auf der linken.

Bei den 70-mm-Raketen ist die Verwendung von APKWS II vorgesehen. Dieses Nachrüstkit gibt den ursprünglich ungelenkten Hydra-70-Raketen einen Lasersuchkopf und Steuerflügel. Die Raketen steuern so auf das Ziel zu, das mit einem Laser markiert wird.

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Grafische Darstellung von APKWS II. Oben die reguläre Hydra 70. Die WGU-59/B Guidance Unit wird zwischen Gefechtskopf und Raketenmotor eingefügt

APKWS II wird bereits erfolgreich eingesetzt, vor allem zur Bekämpfung von Drohnen. Das funktioniert sowohl in der Luft, wenn sie von Kampfjets abgefeuert werden, als auch am Boden, etwa mit dem Luftabwehrsystem Vampire.

Thunder könnte damit sowohl Boden- als auch Luftziele angreifen, die Raketen also offensiv und defensiv nutzen. Für die Bekämpfung von Drohnen wird zudem an einer APKWS-II-Variante gearbeitet, die einen Infrarotsuchkopf hat. Damit muss das Ziel nach dem Abschuss nicht mit dem Laser markiert bleiben, was die Geschwindigkeit erhöht, mit der Drohnen erfasst und beschossen werden können. Diese Variante könnte zukünftig auch bei Thunder zum Einsatz kommen.

Angriffe auf Bodenziele

Kompatible Luft-Boden-Raketen, die mehr Reichweite und Zerstörungskraft als APKWS II haben, sind u.a. die AGM-114 Hellfire, AGM-179 und Andurils eigene Barracuda-100M. Diese soll eine Reichweite von bis zu 150 km haben, was sehr beachtlich für eine Rakete dieser Größe ist.

Bei den kompatiblen Drohnen nennt Anduril speziell die Altius-600, die ebenfalls von dem Unternehmen hergestellt wird. Die Loitering Munition kann wie eine Kamikazedrohne genutzt werden, die gleichzeitig aufklären kann. In anderen Konfigurationen kann sie etwa auch zur elektronischen Kriegsführung und als Lockvogel genutzt werden.

Heute Wingman, morgen solo unterwegs

Anduril sagt, dass sowohl die Nase als auch die seitlichen Waffenschächte bei Bedarf anders genutzt werden können. Möglich wären etwa Maßnahmen zur elektronischen Kriegsführung, Instrumente zur erweiterten Aufklärung oder zusätzliche Sensoren. So könnte man Thunder etwa auch ausrüsten, um als U-Boot-Jäger und Marineaufklärer zu dienen.

Anduril betont zwar, dass Thunder als Loyal Wingman gedacht ist, deutet aber gleichzeitig stark an, dass das Fluggerät künftig ohne menschliche Begleithubschrauber agieren wird. Bis dahin soll Thunder aber „innerhalb von Formationen manövrieren können, Daten in Echtzeit teilen, Angriff und Verteidigung koordinieren und in der Absicht des Piloten handeln können“, sagt Anduril.

Weit günstiger als ein Kampfhubschrauber

Auf die mögliche Kritik, dass Kampfhubschrauber in der heutigen Zeit obsolet sind und es deshalb auch keine unbemannten Kampfhubschrauber braucht, ist Anduril vorbereitet und dreht den Spieß um. Eben weil Hubschrauber durch Boden-Luft-Raketen und Luft-Luft-Drohnen so gefährdet sind, bräuchte es jetzt unbemannte Lösungen wie Thunder, bei denen von Grund auf die Verteidigung gegen solche Waffen miteingeplant ist.

Modell von Thunder

Außerdem soll Thunder optional verzichtbar sein. Anduril nennt zwar keinen konkreten Preis, sagt aber, dass Thunder nur einen „Bruchteil“ des Preises eines Apaches oder MV-75 kosten wird: „Man kann es sich leisten, Thunder zu opfern, wenn man es muss.“ Zu den möglichen Einsätzen, bei denen man nach wie vor nicht auf Hubschrauber verzichten könne, trotz der Bedrohungslage, gehöre die Rettung von Menschen, wie etwa abgestürzte Piloten. Thunder könnte hier nicht nur das Gebiet sichern, ohne weitere Menschen zu gefährden, sondern mit seinen Sensoren und Systemen auch bei der Suche nach den Menschen helfen.

Ein weiteres Szenario sind Einsätze, die von vorgeschobenen Basen geflogen werden, die etwa nicht für Flugzeuge geeignet sind. Damit spielt Anduril auf die kleinen Inseln im Pazifik an, die bei einem Konflikt zwischen den USA und China als improvisierte Stützpunkte dienen könnten. Und selbst wenn es ein Rollfeld gibt, kann das beschädigt werden: „Wenn deine Startbahn nach einem Angriff zerklüftet ist, du aber immer noch Einsätze fliegen musst, kannst du das mit einem VTOL machen“, sagt Chris Brose, Chief Strategy Officer von Anduril.

Dass man das auch mit Kamikazedrohnen, wie der amerikanischen LUCAS machen könnte, sieht Brose nicht so. Solche Drohnen seien langsam und nur gegen statische Ziele einsetzbar. Thunder könnte nicht nur schneller im Zielgebiet sein, sondern dort bewegliche Ziele, am Boden und in der Luft, bekämpfen und die eigenen Truppen bei dynamischen Situationen unterstützen.

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LUCAS

Konzepte von Boeing, Lockheed und Bell

Anduril scheint jedenfalls nicht allein mit dieser Meinung zu sein. Auch Boeing hat ein Konzept für einen unbemannten, bewaffneten Tiltrotor: CxR.

Boeing CxR

Lockheed Martin hat mit Nomad ein ähnliches Konzept. Dabei kippt aber nicht der Rotor, sondern das gesamte Fluggerät dreht sich um 90 Grad, um senkrecht zu starten und landen.

Bell hat ein Konzept namens V-247. Dabei handelt es sich um eine Wingman-Drohne für den Tiltrotor V-280, auf dem der MV-75 basiert.

Bell V-247

Großbritannien möglicher Thunder-Kunde

Neben den USA könnte Großbritannien ein Kunde für Thunder und ähnliche Fluggeräte sein. Im Mai 2026 wurden 4 Rüstungskonzerne ausgewählt, die Wingman-Drohnen für die britischen Apaches entwickeln sollen. Einer davon ist Anduril.

Zum Zeitpunkt der Ankündigung hat Anduril das Heck eines Fluggeräts mit der britischen Flagge im Hintergrund gezeigt. Jetzt weiß man, dass dieses das V-förmige Leitwerk von Thunder zeigt.

Das Heck von Thunder war schon vor der Thunder-Ankündigung zu sehen.

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Gregor Gruber

Testet am liebsten Videospiele und Hardware, beschäftigt sich leidenschaftlich mit Rüstungstechnologie.

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