Lügen mit Videos: Das Problem ist nicht KI
Renee Nicole Good wurde erschossen, von einem Beamten der US-Behörde ICE. Die 37-jährige US-Bürgerin saß in ihrem Auto, nahe ihrem Haus mitten in Minneapolis, als sie am 7. Jänner 2026 in eine Konfrontation mit ICE-Beamten geriet.
Was dabei geschah, wurde von mehreren Leuten mitgefilmt: Ein Beamter versuchte, in ihr Auto einzudringen, Renee Nicole Good wollte wegfahren. Ein anderer ICE-Beamter zog seine Waffe und feuerte auf die Frau. Einmal von schräg vorne durch die Windschutzscheibe, dann, als Goods Auto an ihm vorbeirollte, noch zweimal durch das offene Seitenfenster.
Rasch landeten mehrere Handyvideos des Vorfalls im Internet – eines davon vom Todesschützen selbst, der die eigene Tat mitfilmte. Man sieht Good in ihrem Auto – ruhig, unaufgeregt, ohne Aggression. „That's fine, dude. I'm not mad at you“, ist das letzte, was man von ihr hört. Einige Sekunden später fallen die Todesschüsse. Eine klarere Faktenlage ist schwer vorstellbar.
Bizarre Reaktionen
Man hätte vielleicht erwarten können, dass die Tat als unglücklicher Ausnahmefall hingestellt wird. Dass der Präsident sein Bedauern ausspricht, aber gleichzeitig betont, dass die allermeisten ICE-Beamten gute Arbeit leisten. Aber es kam anders: Donald Trump behauptete, Good habe „gewaltsam und willentlich“ einen ICE-Officer überfahren. Es sei schwer zu glauben, so der Präsident, dass der Officer überlebt habe, aber nun würde er sich im Krankenhaus erholen.
Das ist ähnlich skurril, als würde man ein Fußball-Video sehen und danach behaupten, es würde eine Haiattacke zeigen. Ganz offensichtlich wurde niemand überfahren. Der Officer, der in ein vorbeifahrendes Auto hineinfeuerte, hat nicht etwa schwer verletzt überlebt, er spazierte danach auf völlig funktionstüchtigen Beinen weiter und schimpfte über die erschossene Frau.
Vizepräsident JD Vance rückte das Opfer in die Nähe von Terrorismus und betonte, der Beamte habe sich nur verteidigt. „Die Idee, dass das nicht gerechtfertigt war, ist absurd“, sagte er über die Todesschüsse. Ähnliche Aussagen kamen von Heimatschutz-Ministerin Kristi Noem.
Wir brauchen keine KI, um Fakten zu zerstören
Seit Jahren wird von KI-Videos gewarnt: Irgendwann werden gefälschte Bilder nicht mehr von echten Beweisen zu unterscheiden sein, hieß es oft. Und dann ist plötzlich auf nichts mehr Verlass. Man kann seinen Gegnern dann schreckliche Dinge andichten, oder eigene Übeltaten gut aussehen lassen. Der Wahrheitsbegriff löst sich auf.
Die Ereignisse rund um den Tod von Renee Nicole Good zeigen uns: KI ist dafür gar nicht nötig.
Die Videos, die wir von diesem Vorfall haben, werden allgemein als echt anerkannt. Auch Trump, Vance oder Noem behaupten nicht, dass es sich um Fälschungen handelt. Sie haben auch keine Gegen-Videos vorgelegt, in denen sich die Szene anders darstellt. Die Strategie ist viel einfacher: Man behauptet schlicht, sie würden etwas völlig anderes zeigen, als sie tatsächlich zeigen.
Gelogen wurde schon immer. Mächtige Leute haben Fotos retuschiert, Dokumente gefälscht, Zeugenaussagen erfunden. Aber heute ist das gar nicht mehr nötig. Man muss keine Tatsachen verbiegen, wenn man der Welt einfach klar macht: „Tatsachen sind uns egal!“ Dann muss man gar keinen Zeugen bestechen, damit er behauptet, der ICE-Officer sei überfahren worden. Man muss auch kein Video fälschen, um diesen Eindruck zu erzeugen. Man sagt einfach: Es war so.
Wenn man bisher darüber gestritten hat, was wahr ist, schwebte über dieser Diskussion der unausgesprochene Konsens: Auch wenn wir uns über die Wahrheit nicht einig sind – Wahrheit existiert. Und wer von den Fakten widerlegt wird, hat verloren.
Das ist nun nicht mehr so. Wahrheit spielt keine Rolle. Der Himmel ist grün. Fußball wird von Haien unter Wasser gespielt. Paris war immer schon die Hauptstadt von Italien. Man versucht nicht, beim Spiel zu schummeln, man spielt einfach ein anderes Spiel. Ein Spiel, bei dem die einzige Regel ist: Die Regeln mache ich. Was wahr ist, bestimme ich. Und das verträgt sich weder mit Wissenschaft noch mit Demokratie noch mit friedlichem Zusammenleben.