Ferngesteuertes Kettenfahrzeug mit montierten Raketen-Startbehältern auf verschneitem Feld.

Cultivator

© Russische Armee
Wählen Sie FUTUREZONE als bevorzugte Google-Quelle

Militärtechnik

Russischer Robo-Panzer Cultivator schießt 32 Raketen auf einmal

Not macht erfinderisch. Im Falle von Russlands Truppen heißt diese Not mangelnder Nachschub und ständige Bedrohung durch ukrainische Kamikazedrohnen.

Eine Reaktion darauf ist der Cultivator. Dabei handelt es sich um ein ferngesteuertes Kettenfahrzeug. Darauf wurden provisorisch Raketen-Startbehälter montiert, die normalerweise auf Flugzeugen und Hubschraubern aus der Sowjetzeit zu finden sind.

UB-16 für S-5-Raketen

Bei den Startbehältern handelt es sich um 2 Stück UB-16. Geladen wiegen sie 138 kg, zusammen also 276 kg. Die Robo-Panzer-Plattform, die für Cultivator genutzt wird, soll eine maximale Traglast von 300 kg haben.

Jeder UB-16 enthält 16 ungelenkte S-5-Raketen. Ursprünglich wurden die UB-16 auf Flugzeugen und Hubschraubern genutzt, wie der Mig-21, Su-7 und dem Mi-8.

Die S-5 basiert auf der deutschen R4M, einer ungelenkten 55 mm Luft-Luft-Rakete aus dem Zweiten Weltkrieg. Auch die S-5 sollte bei der Sowjetuniton als Luft-Luft-Rakete dienen, stellte sich aber für den Zweck als ungeeignet heraus. Sie wurde dennoch 1955 in Dienst gestellt, aber als Luft-Boden-Rakete genutzt. Sie ist bis heute im Einsatz, auch bei einigen ehemaligen Ostblock-Ländern, wie etwa Tschechien.

Das amerikanische Gegenstück dazu kam erst später: die Hydra 70. Die ungelenkte Luft-Boden-Rakete wurde 1972 in Dienst gestellt und befindet sich, genau wie die S-5, immer noch im Einsatz.

Improvisierte Raketenartillerie

Der Cultivator nutzt die S-5 als Boden-Boden-Rakete, die in einer ballistischen Flugbahn abgefeuert wird. Der Robo-Panzer ist also eine Raketenartillerie im Mini-Format. Wie effizient dieses improvisierte Waffensystem ist, ist fraglich.

Denn laut den russischen Truppen soll die effektive Reichweite bei 2 km liegen, die maximale Reichweite bei 4 km. Das ist bescheiden für jegliche Form von Artillerie und liegt eher im Bereich eines Mörsers, wie etwa dem russischen 2B14 Podnos im Kaliber 82 mm.

Soweit erkennbar, kann Cultivator den Winkel der UB-16 einstellen. Das heißt es gibt die Möglichkeit die Schussweite durch die ballistische Flugbahn anzupassen, indem die UB-16 vorne gehoben oder abgesenkt werden. Allerdings ist kein Zielsystem zu sehen, weshalb das Anvisieren mit den Raketen wohl eher eine grobe Schätzung ist anstatt Präzisionsarbeit.

Störaktionen

Um trotz dieser Defizite die Trefferquote zu erhöhen, werden mit Cultivator alle 32 Raketen am Stück abgefeuert. Das Ziel dürfte also sein, aus sicherer Stellung den Robo-Panzer Richtung feindlicher Stellung zu steuern und auszurichten, die Raketen-Salve zu starten und dann den Rückzug anzutreten, bevor der ukrainische Gegenschlag kommt.

Selbst die 32-Schuss-Salve könnte aufgrund der mangelnden Präzision und der eher geringen Sprengkraft der S-5-Raketen nur wenig Wirkung haben. Je nach Variante wiegt der Gefechtskopf der S-5 zwischen 0,8 und 1,8 kg. Zum Vergleich: Beim 2B14-Mörser sind es 3 kg.

Eine einzelne sowjetische S-5-Rakete mit Stabilisierungsflügeln auf hellem Untergrund.

S-5M Rakete

Glückstreffer sind aber immer möglich. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass der Robo-Panzer nicht genutzt werden soll, um gezielt Bunker oder Panzer zu zerstören, sondern um Störaktionen zu setzen und Unterdrückungsfeuer zu liefern, damit der Feind seine Stellung nicht verlassen kann. Außerdem ist der psychologische Effekt nicht zu unterschätzen, wenn plötzlich in wenigen Sekunden 32 Raketen rund um einen einschlagen und explodieren.

Roboter-Panzer mit Raketenwerfer steht in einer kargen Landschaft

Cultivator

Weitere Mad-Max-Konstruktionen

Es ist nicht das erste Mal, dass im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine die S-5-Raketen aus den Arsenalen zweckentfremdet werden. Die Ukraine hat etwa 2 Stück UB-32 auf einem BMP-1 montiert und so Raketensalven mit insgesamt 64 Schuss abgefeuert.

Russische Truppen hatten eine ähnliche Idee. So wurde etwa ein Radschützenpanzer BTR-80 mit 2 UB-32 gesichtet. Auch dessen Sichtung wurde in den sozialen Netzwerken oft mit „wie aus Mad Max“ kommentiert.

Die Ukraine hat zudem schon vor Russland mit einem Roboter experimentiert, der einen UB-16 hat. Der kuriose Hintergrund: Der Startbehälter stammt von einem alten Flugzeug, das seit über 70 Jahren in der Stadt Berestyn ausgestellt war.

Laut den ukrainischen Truppen sorgte der erste Einsatz des Robo-Panzers für Verwirrung bei den russischen Soldaten. Diese erwiderten den Angriff mit heftigem Beschuss auf das Gebiet, aus dem der Robo-Panzer seine Raketen abgefeuert hatte. Sie vermuteten dort anscheinend größere Feindaufkommen.

Weil sie aber weder Panzer noch große Truppenverbände schnell sichten konnten (der vergleichsweise kleine Roboter geht im Wald schnell mal unter), setzten sie auch Artillerie ein. Seitdem sei der Robo-Panzer mehrfach erfolgreich für Stör- und Ablenkungsaktionen genutzt worden.

Hat dir der Artikel gefallen? Jetzt teilen!

Gregor Gruber

Testet am liebsten Videospiele und Hardware, beschäftigt sich leidenschaftlich mit Rüstungstechnologie.

mehr lesen
Gregor Gruber

Kommentare