Symbolbild: Ein Schüler bei der Matura
Schummeln 2.0: Wie Schüler ihre Lehrer mit KI austricksen
Ob bei Hausübungen, bei der Vorbereitung auf Tests oder beim Schreiben von Abschlussarbeiten – Schüler und Schülerinnen nutzen dazu Künstliche Intelligenz (KI). Bei der Zentralmatura und anderen Prüfungen dürfen sie ChatGPT, Gemini und Co. aber nicht verwenden. Denn bei der Reifeprüfung müssen sie eine vergleichbare Leistung zeigen - fair und eigenständig erbracht.
Das hindert aber einige nicht daran, sie trotzdem zu nutzen. Denn heutzutage braucht man für KI kein verräterisches Notebook oder Smartphone am Schultisch. Derartige Software versteckt sich zunehmend in unscheinbaren Geräten.
Smart Glasses sieht man in Österreich noch selten, das sind Brillen mit integrierten KI-Programmen. Sieht man nicht ganz genau hin, sind sie kaum von normalen Brillen zu unterscheiden. In Ländern wie den USA oder China sind sie teils schon Alltag im Klassenzimmer: Schüler lernen damit, zählen Kalorien in der Schulkantine oder schlagen schnell im Online-Lexikon nach. Zum Schummeln werden die Geräte ebenfalls genutzt.
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Zunehmendes Problem mit KI-Brillen
Berichte legen nahe, dass Schüler in China KI-Brillen sogar extra zum Schummeln bei Prüfungen mieten. Die Geräte sind derart weit verbreitet, dass sie bei Uni-Aufnahmetests bereits explizit verboten sind, doch erkannt werden sie im normalen Schulalltag trotzdem nicht immer. Die Situation ist dort so verzwickt, dass Forscher an Universitäten bereits spezielle Tools entwickeln, die Lehrern beim Aufspüren von KI-Brillen helfen sollen.
Schummel-Software kann man aber auch anderswo unterbringen. Auf Reddit erzählen Teenager, dass sie Ohrstöpsel zum Schummeln nutzen. Auch in Stiften kann KI arbeiten: Bekannt wurde etwa der Scanmarker Pro, ein Stift mit integriertem Bildschirm, der Antworten auf Fragen liefert. Obwohl das Testurteil von The Verge vernichtend ausfiel, zeigt das Beispiel, wo man KI heute bereits verstecken kann.
„Perfekte Schularbeitsergebnisse“
Bei der Zentralmatura, die am 5. Mai im Fach Deutsch für BHS und AHS über die Bühne geht, sind solche Geräte laut Prüfungsordnung strengstens untersagt – das gilt natürlich auch für KI-Chatbots am Computer oder Handy. So will das Bildungsministerium sicherstellen, dass die Ergebnisse eigenständig entstanden sind. Außerdem soll man die Leistung fair vergleichen können. Dennoch wird auch in österreichischen Schulen mit KI geschummelt.
„Wir ertappen nur ganz wenige beim Schummeln, die perfekten Schularbeitsergebnisse und sicher auch zukünftige Reife- und Diplomprüfungs-Ergebnisse sprechen aber eine eindeutige Sprache“, sagt die Direktorin eines Wiener Schulzentrums (HTL und HAK) der futurezone. „Scheinbar soll es Fake-Taschenrechner geben, die wie unsere üblichen Taschenrechner aussehen, aber tatsächlich smarte Rechner sind. Wir haben aber noch keinen auf den Tisch bekommen,“ erklärt Gerhard Jüngling, Direktor der HTL Rennweg in Wien. Smart Glasses seien seiner Ansicht nach derzeit noch zu teuer, um von Schülern extra zum Schummeln gekauft zu werden.
Ilse Rollett, Direktorin der Wiener AHS Rahlgasse sagt: „Damit hatten wir bisher noch nie ein Problem, aber das kommt sicher noch“. Auch die Wiener Bildungsdirektion bestätigt: Vor allem in der Sekundarstufe sei der unerlaubte Einsatz von KI bei Prüfungen eine Herausforderung für Schulen.
Unscheinbarer Taschenrechner löst Aufgaben
Nach getarnten KI-Geräten, die beim Schummeln helfen sollen, muss man nicht lange suchen. Die futurezone fand bei einer kurzen Recherche einen Taschenrechner mit KI-Funktionen auf einem beliebten österreichischen Onlinemarktplatz. Das als „perfekt für die Schule“ beworbene Gerät ist WLAN-fähig und soll angeblich nach dem Scannen von Aufgaben die Lösung anzeigen. Die Echtheit des Geräts konnten wir allerdings nicht bestätigen. Optisch unterscheidet es sich nicht von einem gewöhnlichen Taschenrechner.
Auch smarte Brillen, die man tageweise für verhältnismäßig wenig Geld mieten kann, fand die futurezone. Laut dem Anbieter darf man sie aber nicht zum Schummeln mieten. Verhindern lässt sich das natürlich kaum.
Mietbare KI-Brille mit Versandmöglichkeit nach Österreich.
© Screenshot
Auf chinesischen Shopping-Portalen findet man Smart Glasses schon ab 50 Euro, allerdings von fragwürdiger Qualität. Aber auch die Tech-Giganten planen in den kommenden Jahren die Einführung vieler weiterer derartiger Produkte. Sie werden so kleiner, billiger und unauffälliger. Google will schon 2027 eine neue KI-Brille auf den Markt bringen, Samsung womöglich noch heuer. Auch Apple und OpenAI, der Macher von ChatGPT, arbeiten an solchen Geräten.
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Großteil der Teenager lernt mit KI
Schummeln bei Prüfungen ist grundsätzlich nichts Neues: „Wir haben auch Spickzettel beschrieben, Hefte im Klo positioniert und sind während einer Schularbeit hingegangen,“ erklärt Andreas Schreier, der an der Universität Innsbruck zu Veränderungsprozessen in Sekundarschulen forscht. Die wichtigere Frage lautet eigentlich: Wie gehen Schulen künftig damit um, dass KI jederzeit auf Knopfdruck antwortet?
Die Studie „KI-Chatbots als Alltagsbegleiter für Jugendliche“ zeigte im Februar: 73 Prozent der österreichischen Jugendlichen nutzen KI für Schule und Hausaufgaben. Über der Hälfte der Befragten ist bewusst, dass sie dadurch Gefahr laufen, selbst weniger nachzudenken und sogar Dinge verlernen könnten. Die Wiener Bildungsdirektion sieht ein gewisses Vakuum: „Klarere Vorgaben im Umgang mit KI können sinnvoll sein, um sowohl für Lehrkräfte als auch für Schülerinnen und Schüler mehr Orientierung und Sicherheit zu schaffen.“
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Jennifer Meyer, Bildungsforscherin an der Universität Wien, befürwortet das KI-Verbot bei der Matura und anderen Prüfungen. „Grundlegende Kompetenzen in u. a. Lesen und Schreiben sind eine Voraussetzung für den späteren sinnvollen Umgang mit KI“, meint sie. Die Schule müsse das sicherstellen. „Durch KI ist es vielleicht sogar noch relevanter geworden, diese Kompetenzen effektiv zu fördern.“
Lesen und Schreiben wichtig für KI-Zeitalter
Laut Schreier sei sich der Bildungssektor derzeit noch uneinig: Soll man die Geräte komplett aus dem Unterricht verbannen? Oder stattdessen neue Unterrichts- und Prüfungsformen entwickeln, die besser in die KI-Zeit passen? „Das Spannungsfeld gibt es nicht erst seit KI, sondern seitdem digitale Medien und Tools zur Verfügung stehen“, sagt Schreier. Eine Analyse der ersten vorwissenschaftlichen Arbeiten der Matura habe etwa gezeigt, dass für mehr als die Hälfte von Wikipedia kopiert wurde.
Auf längere Sicht könne man darüber nachdenken, „Leistung und Erfolg für die Lernenden umzudefinieren, also stärker das Lernen an sich in den Fokus zu nehmen, und weniger nur auf die Leistungskontrolle, wie zum Beispiel die Prüfung, hinzuarbeiten“, sagt Meyer. Schüler und Schülerinnen sollen sich klarer darüber werden, wie ihnen KI beim Erreichen von Lernzielen hilft. Schreier sieht das ähnlich: „Dringender erscheint, wie wir das Lernen gestalten können, dass es weniger um ein Produkt geht und mehr der Prozess hervorkommt.“
Fest steht: KI stellt das klassische Schulsystem auf die Probe. Ein komplettes Verbot von KI und technischen Geräten wäre wenig sinnvoll. Wie Schulen neue Technologien in den Unterricht integrieren, und ob sich das System zur Leistungsüberprüfung dadurch ändert, muss sich erst zeigen. Zumindest hat die Regierung eine große Lehrplanreform und ein neues Schulfach angekündigt, das Jugendlichen den sinnvollen Umgang mit KI lehren soll.
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