Mann in Arbeitskleidung liegt auf einem Förderband mit grünen Plättchen in einer Fabrikhalle.

Soylent-Green-Produktion im gleichnamigen Film.

© MGM PICTURE
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Digital Life

Soylent, Meta, Palantir: Wie sich Tech-Firmen an SciFi-Dystopien bedienen

In der Fiktion gab es schon immer Technologien, die es in der Realität erst viel später zur Umsetzung schaffen sollten: Jules Verne erdachte beispielsweise in „20.000 Meilen unter dem Meer“ schon im Jahr 1869 Tiefsee-U-Boote. Die Fernsehserie Star Trek, die in den USA ab 1966 ausgestrahlt wurde und später im deutschsprachigen Raum als Raumschiff Enterprise lief, sollte Design-Inspiration für Mobiltelefone liefern. Den Warp-Antrieb oder das Beamen gibt es jedoch bekanntermaßen immer noch nicht.

Seit einigen Jahren greifen Unternehmen aus dem Silicon Valley aber noch viel konkreter auf literarische und filmische Vorlagen zurück: Sie übernehmen Begriffe direkt als Namen für ihre Produkte – selbst in Fällen, in denen das Vorbild alles andere als positiv besetzt ist.

Soylent (Green)

Bestes Beispiel dafür ist Soylent. Dabei handelt es sich um einen Mahlzeitenersatz auf Pulverbasis, der 2013 auf den US-Markt kam. Zu einem Getränk angerührt sollte Soylent den kompletten Nährstoffbedarf eines Erwachsenen decken und den Programmierern der Tech-Start-ups zeitraubende Essenspausen ersparen.

Das klingt schon dystopisch genug, doch die Filmvorlage ist noch schlimmer: Der Name verweist auf „Soylent Green“, einen Öko-Thriller aus dem Jahr 1973. Er spielt in einer völlig ausgebeuteten Welt, in der die Bevölkerung nicht mehr durch Landwirtschaft ernährt werden kann. Stattdessen gibt es die künstlichen Nährstoffquellen „Soylent Red“, „Soylent Yellow“ – und eine besonders wohlschmeckende grüne Version davon. Wie sich herausstellt, wird sie aus Menschenfleisch gefertigt. 

In Österreich lief der Film unter dem Titel „…Jahr 2022… die überleben wollen“ im Mai 1974 in den Kinos an. 2 Jahre zuvor war die Studie „Die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome veröffentlicht worden. Durch diesen einflussreichen Bericht wurden Umweltzerstörung, Ressourcenerschöpfung und Nahrungsmittelknappheit breit diskutiert.

Dass sich ein Lebensmittelhersteller namentlich in die Nähe von Kannibalismus bringt, wirkt zunächst unlogisch. „Da geht es um den Wiedererkennungswert. Soylent referiert auf etwas Bekanntes, da ist es egal, ob es etwas Positives ist oder nicht“, sagt Julia Grillmayr, Professorin für Kulturwissenschaft an der Kunstuniversität Linz. Sie arbeitet zu Science-Fiction und Zukunftsforschung und hat sich bei Forschungsaufenthalten in Kalifornien u. a. mit Unternehmenskulturen im Silicon Valley beschäftigt.

Frau mit dunklen Haaren und Brille trägt ein weißes T-Shirt und lächelt vor einem unscharfen Gemälde im Hintergrund.

Julia Grillmayr, Professorin für Kulturwissenschaft an der Kunstuniversität Linz

Fangemeinschaften und Nerdtum

Um Science-Fiction und Fantasy gebe es sehr engagierte Fan-Communities. Sie eint häufig nostalgische Gefühlen für die eigene Jugend und die Erinnerung an ein „goldenes“ Zeitalter, in dem technologischer Fortschritt optimistisch besetzt war. Dieses Zugehörigkeitsgefühl wollen Unternehmen mit ihren Produktnamen „anzapfen“, um die Energie der Fans für sich zu nutzen, erklärt Grillmayr.

Das Metaverse, an dessen Erfolg Mark Zuckerberg so sehr glaubte, dass er seinen Facebook-Konzern 2021 in Meta umbenannte, kann man mittlerweile als gescheitert ansehen. Kaum jemand bewegt sich als 3D-Avatar in der virtuellen Welt, um sich mit Freundinnen und Freunden zu treffen, zu arbeiten, oder einzukaufen. Hier scheint die Fan-Strategie also nicht aufgegangen zu sein.

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Der Begriff stammt aus dem Roman „Snow Crash“ von Neal Stephenson, der 1992 auf Englisch und 1994 erstmals auf Deutsch erschien. Das Metaverse ist im Buch ein virtueller Ort, an den man sich vor der trostlosen hyperkapitalistischen Realität flüchten kann. Das passiert über eine Art VR-Brillen und Kopfhörer mit Noise-Cancelling-Funktion. Diese beiden Technologien kommen heute immerhin tatsächlich im Alltag vieler Menschen vor.

Technologie und Magie

Was Technologie sei, und was Magie, sei irgendwann nicht mehr zu unterscheiden, sagt Grillmayr mit Verweis auf den britischen Science-Fiction-Schriftsteller Arthur C. Clarke. Das versuchen sich Technologieunternehmen zu Nutze zu machen, etwa der 2003 gegründete US-Konzern Palantir Technologies, der u. a. „Palantir Gotham“ vertreibt. 

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Diese umstrittene Polizei-Software verweist gleich auf zwei verschiedene fiktionale Vorlagen: „Palantíri sind weissagende Steine aus Herr der Ringe. Man verspricht damit, Fantastisches zu leisten – man sieht die Schrauben und Zahnräder nicht, und es funktioniert alles so einwandfrei, dass es magisch wirkt“, erklärt die Kulturwissenschaftlerin.

„Gotham“ stammt aus dem DC-Comicuniversum, in dem Batman auf eigene Faust auf Verbrecherjagd geht. Das Unternehmen positioniert sein Produkt damit nicht eindeutig auf der Seite des Rechtsstaats.

Elon Musk und Grok

„Man muss schon sagen, Science-Fiction ist nicht automatisch imaginativ, toll und emanzipativ. Es gibt auch faschistische und höchst reaktionäre Science-Fiction“, sagt Grillmayr. Robert Heinleins Klassiker „A Stranger in A Strange Land“ (auf Deutsch „Fremder in einer fremden Welt“) von 1961 geht wegen sexistischer Frauendarstellungen und latentem Rassismus in diese Richtung: Bei einer Mars-Mission wird Valentine Michael Smith geboren. Weil seine Eltern und alle anderen Besatzungsmitglieder ums Leben kommen, wird er von Mars-Lebewesen aufgezogen, bis ihn eine zweite Mars-Mission auf die Erde holt. 

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Hier tut er sich schwer, seine neue Umgebung und die „verkommene“ menschliche Gesellschaft zu „grokken“, d. h. tief zu verstehen. Dass sich Mars-Fan Elon Musk, der regelmäßig mit rassistischen und misogynen Aussagen auffällt, für den Namen seines KI-Chatbots „Grok“ gerade bei Heinlein bedient, überrascht da nicht. „Musk setzt sich da in einen Bezug von ‚früher war alles besser, da musste man die emanzipativen Bewegungen noch nicht mitdenken‘“, meint Grillmayr.

Geschichten aus dem Silicon Valley

Dass Rückgriffe auf Literatur und Film in der Tech-Branche so beliebt sind, liegt nicht zuletzt an den Geschäftspraktiken im Silicon Valley. Oftmals haben Start-ups bei der Gründung noch kein konkretes Produkt. Um an Finanzierung zu kommen, greifen sie auf Fiktionen zurück, die Investoren begeistern sollen.

Man müsse dabei bedenken, dass gerade diese Geschichten fest in unserem Wirtschaftssystem verankert sind: „Warum ist das Metaverse realistisch, aber eine kompostierende Gesellschaft in einer fröhlichen Solarpunk-Welt nicht? Weil unsere Fiktionen sich auch nach dem ‚business as usual‘ richten.“ Es lohnt sich, nach Erzählungen mit anderen Gesellschaftsentwürfen Ausschau zu halten, meint Grillmayr. Gerade feministische Science-Fiction, etwa von Ursula K. Le Guin oder Octavia Butler, finde wenig breite Öffentlichkeit.

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Jana Wiese

interessiert sich besonders für die gesellschaftlichen Auswirkungen von Technologie und Wissenschaft. Mag das offene Web, Podcasts und Kuchen, (food-)bloggt seit 2009.

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Jana Wiese

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