Avatar in der Decentraland-Filiale von Adidas.
Allein im Metaverse 2026: Was wurde aus Filialen von Adidas, Post und Co?
Das Metaverse, wie Mark Zuckerberg es sich vorgestellt hat, gibt es nicht mehr. Kleinlaut hat Meta kürzlich verlautbart, dass es seine World-Plattform von der VR-Sparte loslöst. Stattdessen will der Konzern die virtuelle 3D-Welt Horizon Worlds, in die wir alle mit VR-Brillen einsteigen sollten, nun als Mobile Game fortführen. Das ist weit entfernt von der nächsten Version des Internets, die uns Zuckerberg einst versprochen hat.
Das Ende hat auch wirtschaftliche Folgen. Nicht nur für Meta selbst, das durch die strategische Fehlentscheidung mehr als 70 Milliarden US-Dollar in den Sand setzte. Die oft allgemein als „Metaverse“ bezeichneten VR-Welten wurden aber auch als Investment-Möglichkeit angepriesen. Sogar seriöse Finanzmarkt-Akteure sahen Investitionen in computergenerierte VR-Grundstücke und Gebäude als vielversprechend.
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Seriöse Investments?
„Metaverse-Immobilien sind nicht viel anders als Besitztum in der echten Welt“, hieß es etwa in einem Anfang 2021 veröffentlichten Beitrag des Wall Street Journal dazu. Investoren sollten in der neugeschaffenen Computerwelt Land kaufen, Immobilien entwickeln und diese dann sogar vermieten.
Die Möglichkeit zum Investieren wurde ernst genommen. Auch in Österreich bewarben Immo-Portale solche Anlagemöglichkeiten. Wie in der realen Welt sollte auch in der virtuellen 3D-Welt gelten: Manche Lagen sind mehr wert als andere. Als Snoop Dogg etwa mit dem „Snoopverse“ eine virtuelle Kopie seiner Villa im Metaverse The Sandbox schuf, trieb das angeblich die Grundstückspreise rundherum in die Höhe.
Trotz spürbarer Aufbruchsstimmung bei "visionären" Investoren lief es von Anfang an holprig. Trotz der Bereitschaft im Metaverse Imbobilienentwicklung zu starten und dafür Geld in die Hand zu nehmen, kamen kaum Nutzer. Die EU hatte etwa eine Eröffnungsparty für eine EU-Dependence im Metaverse veranstaltet, die laut Medienberichten 387.000 Euro kostete. Zur „24-Stunden-Strandparty“ in der tropeninspirierten Metaverse-Plattform der EU kamen nur 6 Besucher, wie Euronews damals berichtete.
Die Veranstaltung sollte junge, unpolitische Menschen für die EU begeistern. Wie sie dieses Investment in die Zukunft des Internets rückblickend bewertet, konnte die EU-Kommission der futurezone bis Redaktionsschluss nicht mitteilen.
Das Wall Street Journal, das noch 1,5 Jahre zuvor überschwänglich berichtet hatte, zeigte sich aber bereits im Oktober 2022 enttäuscht: „Bei der Hot-Girl-Summer-Rooftop-Pool-Party sind kaum Frauen vertreten, und im Murder Village gibt es oft niemanden zu töten,“ hieß es dort.
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Österreichische Post eröffnete Metaverse-Filiale
Was ist 2026 noch davon übrig? Immobilien im „Metaverse“ zu finden, ist gar nicht so einfach. Das bekannteste Unternehmen aus Österreich, das 2022 eine Niederlassung im Metaverse gründete, war die Österreichische Post. In einer Aussendung bezeichnete sie das Metaverse als „Ort, der bereits von Crypto-Experten und Expertinnen und NFT-Trendsetter und Trendsetterinnen bevölkert wird“.
Als Early Adopter wollte die Post mit stolzem Beispiel vorangehen: „Wir reden nicht nur, wir tun auch. Das gilt auch für das Metaverse, das derzeit bei jeder Branchenveranstaltung als Schlagwort auftaucht, aber von kaum jemandem tatsächlich umgesetzt wird“, erklärte eine Unternehmenssprecherin.
Während Mark Zuckerbergs Meta das Metaverse zwar erst weltberühmt machte, konnte sich seine Horizon Worlds jedoch nie zur Plattform mit nennenswerter wirtschaftlicher Aktivität entwickeln. Im Fokus standen stattdessen die Plattformen The Sandbox und Decentraland. Dort befanden sich auch die virtuellen Gebäude, die Unternehmen meinten, wenn sie sich mit ihren Unternehmungen im Metaverse brüsteten. Das meiste spielte sich im Decentraland ab, wo 2021 etwa ein Grundstück mit 500 m2 sogar für 2.43 Mio. US-Dollar verkauft wurde.
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Komplett allein in der VR-Welt
Die Plattform, auf der man Grundstücke als NFT (Non-Fungible Token) kaufen konnte, gibt es noch. Wer in die merkwürdige Welt einsteigen will, muss zunächst einen digitalen Avatar erstellen und eine Aufnahmeprüfung machen. Danach wird man durch eine Schleuse auf den Hauptplatz gebeamt. Der war bei meinem ersten Besuch menschenleer – genau wie alle anderen Orte, die ich im Metaverse im Laufe der Recherche aufsuchte.
Die virtuelle Postfiliale „Crypto Stamp HQ“ im Decentraland gibt es noch: Beamt man sich dorthin, erscheint ein riesiger durchsichtiger Würfel, auf dessen Dach ein Einhornkopf sitzt. Auf einer Werbetafel steht: „Powered by Austrian Post“. Im Inneren des virtuellen Gebäudes werden Post Krypto-Briefmarken beworben, die Motive waren Teil einer Jahre zurückliegenden Kampagne. In der unmittelbaren Umgebung tut sich kaum was: In der verlassenen Nachbarschaft stehen Werbe-Billboards zum Verkauf. Man ist sich nicht sicher, ob es einfach nur traurig oder fast ein bisschen unheimlich ist.
Lokalaugenschein: Postfiliale im Metaverse 2026
Dolce & Gabbana im virtuellen Ruinendorf
Die Post war aber nicht das einzige Unternehmen, das sich damals als „Trendsetter“ ins Metaverse wagte. Für Furore sorgten etwa auch mehrere international bekannte Fashion-Brands. Sogar eine Fashion Week ging im UNXD Luxury Fashion District über die Bühne, bei der 2023 noch Branchengrößen Entwürfe in VR auf dem Laufsteg zeigten.
Neben Streetwear-Unternehmen wie Adidas und Tommy Hilfiger ist dort auch 2026 noch das illustre italienische Modehaus Dolce & Gabbana vertreten. Das Luxusgeschäft im Metaverse ist optisch an die in Metropolen wie Paris oder New York angelehnt: Am Dach steht in großen Lettern „D&G“, genau wie auf den schwarzen Markisen an den Fenstern sowie im Inneren auf der Tapete und am Boden. Kaufen kann man dort nichts, weder Verkäufer noch andere Avatare sind dort unterwegs. Eine große Tafel macht noch immer auf die Modenschau aufmerksam, die wahrscheinlich 2023 auf dem Grundstück nebenan in der großen Fashion-Arena stattgefunden hat. Die Nachbargeschäfte haben nichtssagende Namen wie „Pink Manta“ oder „Republique“.
Die Luxus-Filiale im menschenleeren Decentraland lässt einen ratlos zurück: Würde ein Luxushaus wie D&G auch eine Filiale in einem verlassenen Dorf in der echten Welt betreiben, wenn keine Kunden kommen? Oder wurde der virtuelle Shop einfach vergessen und deshalb in der leeren VR-Welt zurückgelassen? Eine Anfrage, was sich das italienische Modehaus 2026 noch von der Filiale erhofft, blieb unbeantwortet. Auch Adidas wollte bis zum Redaktionsschluss keine Stellungnahme abgeben.
Lokalaugenschein: Verlassene Geschäfte
Cyberrapper übernahm Samsung-Immobilie
Zahlreiche Brands, die einst mit großem Wirbel ihre Filialen im Metaverse eröffneten, haben die aber wieder aufgegeben. Darunter auch Samsung, das dort eine virtuelle Version ihres New Yorker Flagshipstores unter dem Namen 837X betrieben haben. Bis vor Kurzem führte ein Link in einer alten Presseaussendung noch zum einstigen Standort im Decentraland. Folgte man diesem, stieß man auf eine Überraschung: Ein "Cyberrapper" namens Spottie WiFi hat das virtuelle Grundstück wohl übernommen und nutzt den Standort namens Spottie HQ nun als Werbefläche für seine YouTube-Videos.
Samsung hat den Standort-Link aber zwischenzeitlich entfernt und leitet stattdessen nun auf die eigene Webseite um. Der Rapper dürfte sich aber über die Samsung-Zugriffe gefreut haben: Seine Videos haben offenbar einige Aufrufe generieren können, weil neugierige Besucher wissen wollten, was aus der einstigen Filiale geworden ist.
Lokalaugenschein: Am einstigen Samsung-Standort
Die Postfiliale im Decentraland war nur gemietet - aber niemand wollte das Land zurück.
© Screenshot futurezone
Wie kaufte man Grundstücke im Metaverse?
Im Decentraland kann man virutelle Landparzellen als NFT (Non-Fungible Token) kaufen. Die virtuellen Käufe werden dann auf einer Blockchain aufgezeichnet. Für den Kauf musste man zunächst eine spezielle Kryptowährung namens MANA über eine Kryptobörse kaufen. Dann konnte man direkt in der Decentraland-Plattform das gewünschte Land auswählen und den Kauf abschließen. Am Anfang des Hypes (ca. 2021 bis 2022) kauften viele die Grundstücke, weil sie auf eine Preissteigerung hofften. Doch das ging nicht auf und die Preise sind stetig gesunken. 2024 sollen die Preise im Decentraland etwa um 89 Prozent gefallen sein, auf anderen Metaverse-Plattformen gab es eine vergleichbare Entwicklung. Das Ganze war eine spekulative Blase, die platzte. Der Preis der Kryptowährung MANA sank seit ihrem Allzeithoch 2021 von 5,21 Euro um 98,6 Prozent auf 0,073 Euro.
Warum hält die Post an der Metaverse-Filiale fest?
Die Österreichische Post hat das Grundstück im Metaverse übrigens nicht als NFT erworben, wie sie in der futurezone in einem Statement erklärt. Die virtuelle Niederlassung war nur gemietet. „Unsere Kampagne ist bereits beendet, das Grundstück wurde vom Eigentümer aber bis dato nicht neu vermietet oder überschrieben – und nur aus diesem Grund besteht unsere Präsenz dort noch. Wir bespielen es nicht mehr aktiv“, erklärt ein Unternehmenssprecher der futurezone. Der Standort im Metaverse sei in erster Linie zur Bewerbung der „Crypto Stamp 4.0“ gedacht gewesen.
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„Wir wollten nie einen Standort im Metaverse aufbauen, um dort einfach nur Flagge zu zeigen, sondern immer mit einem konkreten Zweck verknüpfen“, erklärt die Österreichische Post. Auch wenn sich das Metaverse allgemein im Rückblick als Flop erwiesen hat, bereut die Post den Schritt ins Metaverse nicht: „Wir finden es trotzdem wichtig, dass wir uns mit dieser Technologie frühzeitig auseinandergesetzt und – wie schon damals kommuniziert – mit verhältnismäßig einfachen Mitteln einen tatsächlichen Use Case in Österreich umgesetzt haben.“
Von der einst so üppigen Zukunftsvision Metaverse zeugen 2026 kaum mehr als verlassene digitale Ruinen. Anders als Mark Zuckerberg und viele Investoren es sich vorgestellt hatten, nehmen wir dort weder an Teammeetings in VR teil, noch gehen wir dort zu Konzerten oder Sportevents. Zuckerbergs Versuch, seine Plattform Horizon Worlds als Handyspiel am Leben zu erhalten, wirkt dagegen fast wie ein kleiner Akt der Verzweiflung. Manchmal wäre es besser, eine zu große, eindeutig gescheiterte Idee einfach komplett sterben zu lassen.
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