In Aphelion muss man sich unter anderem mit einem mysteriösen Alien herumschlagen
Aphelion im Test: Die letzte Hoffnung der Menschheit scheitert beim Klettern
Im Jahr 2060 wird die Erde unbewohnbar sein – zumindest in der fiktiven, Nahzukunft-Dystopie von Aphelion. Deswegen brechen die Astronautin Ariane Montclair und der Astronaut Thomas Cross zum Planeten Persephone am Rande des Sonnensystems auf, um die letzte Chance der Menschheit auf Überleben zu finden: ein neues Zuhause.
Das Sci-Fi-Adventure des französischen Life-is-Strange-Entwicklers Don’t Nod erzählt eine fesselnde Geschichte von Hoffnung und Zerstörung. Dabei ist meine Meinung zweigeteilt: Story top, Spielmechanik flop. Das Planetendesign und die Erzählung sind aber stark genug, um mich bis zum Schluss über das zuweilen miserable Gameplay zu retten.
Hope-01 auf der Suche nach einer neuen Erde
Der 2028 neu entdeckte und damit 9. Planet im Sonnensystem (sorry, Pluto) Persephone ist die große Hoffnung für den Fortbestand der Menschheit. Er hat Ringe und eine Atmosphäre aus Stickstoff und CO2 mit Spuren von Sauerstoff. Die Oberflächentemperatur liegt zwischen -143 und -28 °C und ein Tag dauert 16 Stunden.
Auch wenn Persephone eine Eiswelt ist, konnten Forscher eine Hitzequelle finden, die flüssiges Wasser möglich macht. Das klingt nicht gemütlich, könnte aber zu einer neuen Erde werden, nachdem die Menschheit die alte zerstört hat.
Die Mission Hope-01 der Europäischen Weltraumagentur (ESA) soll diese mysteriöse Quelle untersuchen. Findet man heraus, wie sie den Planeten beeinflusst, weiß man auch, ob die Menschheit dort überleben könnte. Doch die Landung geht schief, ihr Raumschiff stürzt ab und Ariane und Thomas werden getrennt. Bevor sie ihre Mission verfolgen können, müssen sie nicht nur zueinander finden, sondern auch gegen die harsche Umwelt und eine mysteriöse Gefahr bestehen.
➤ Mehr lesen: Suche nach Außerirdischen: Wo es im Sonnensystem Leben geben könnte
Kooperation mit der ESA
Die ESA hat Don't Nod nicht nur beim Design des Missions-Patches geholfen. Man orientierte sich an echten Missionen und echter Technologie, z.B. beim Raumschiffdesign. Es ist weder vollkommen realistisch noch vollkommen futuristisch. Don't Nod nennt es "eine Brücke" zwischen der Gegenwart und der Zukunft. Die ESA hat auch eine eigene Webseite für den fiktiven Planeten Persephone angelegt.
Die ESA kooperiert nur selten mit Videospiele-Entwicklern, weshalb man normalerweise ein NASA-Branding gewohnt ist - das darf man nämlich rechtefrei nutzen, während die ESA selektiver ist. Offizielle Kooperationen gab es bisher nur mit Mars Horizon und Kerbal Space Program, sowie einen Werbedeal mit Bethesdas Starfield. Aphelion ist damit eines der ersten Games, bei dem die Europäische Raumfahrtagentur so präsent ist.
Das Planetendesign von Persephone ist eine Wohltat für die Augen. Don’t Nod hat es geschafft, ihn gleichermaßen realistisch und romantisiert darzustellen.
Immer wieder bin ich stehen geblieben, um in die Ferne zu sehen und die Aussicht zu genießen. Sowohl die eisigen Landschaften als auch die abgetauten Bereiche, die eher an den Mars erinnern, sind durchzogen von skulpturartigen Gesteinsformationen, die irgendwie unnatürlich wirken.
3 Bilder
Eine nähere Untersuchung der Umwelt mit einem elektromagnetischen Scanner ermöglicht es zudem, die Magnetfeldlinien des Planeten zu sehen. Sie dienen häufig als Leitlinien und können so manipuliert werden, dass sie neue Wege freigeben. Immer wieder tauchen auch korrupte Magnetfeldlinien auf, die bereits darauf hinweisen, dass etwas mit dem Planeten nicht stimmt.
4 Bilder
Klettern bis zur Frustgrenze
In 10 Kapiteln wechseln wir zwischen Ariane und Thomas und haben dabei mit unterschiedlichen Herausforderungen zu kämpfen. Ariane muss vor allem klassische Kletterpassagen meistern. Die erinnern an eine abgespeckte Variante von Jusant (2023), dem sehr gelungenen Kletterspiel von Don’t Nod.
Ich habe eine Vorabversion von Aphelion getestet, die noch einige Bugs hatte. Deswegen kann ich nur unter Vorbehalt sagen: Ich habe eine Trophäe bekommen, weil ich 20-mal in den Abgrund gestürzt bin. Ich behaupte mal, 90 Prozent davon waren nicht mein Fehler, weil wiederholt einfach Kanten nicht gegriffen wurden.
Es ist zu hoffen, dass solche Fehler ausgebessert werden. Bei mir hat das jedenfalls enorme Frustration ausgelöst, insbesondere wenn der letzte Speicherpunkt relativ weit entfernt liegt. So musste ich mehrere Kletter- und Rutschpassagen eine halbe Stunde lang immer und immer wieder machen, bevor ich das Spiel neu gestartet habe und Ariane beim ersten Versuch endlich die verdammte Kante gegriffen hat.
5 Bilder
Übrigens muss man mit Ariane auch ständig balancieren, was ähnlich nervig ist, aber wenigstens funktioniert. In den Einstellungen gibt es aber die Möglichkeit, das Gameplay ein wenig einfacher zu machen, indem man z.B. beim Balancieren mehrfach ein Quick-Time-Event zur Rettung aktivieren kann, statt nur einmal, bevor man in den Abgrund stürzt. Zum Schluss des Spiels hatte ich die meisten Hilfsmittel aktiviert, weil ich einfach keine Lust mehr auf unnötige Tode hatte.
Thomas muss sich wiederum schwer verletzt in Sicherheit bringen. Sein Sauerstofftank ist darüber hinaus beschädigt. Doch [Achtung Spoiler] er findet menschgemachte Technologie, die darauf hinweist, dass schon vor Hope-01 unbemerkt ein Team auf Persephone war. Mit dieser Technik kann er den beschädigten Tank aufladen [Spoiler Ende]. Er hangelt sich so von Sauerstoffquelle zu Sauerstoffquelle. Das ist abwechslungsreich, aber nicht fordernd.
Ein Alien auf Astronauten-Jagd
Beide Astronauten müssen sich zudem einer mysteriösen außerirdischen Kreatur stellen. Sie reagiert nur auf Geräusche, weshalb man sich an ihr vorbeischleichen oder sie ablenken muss. Erstmal das Positive: Das Schleichen erzeugt ein beklemmendes Gefühl und das Alien ist vor allem durch seine Sounds, ein bedrohliches Klicken, hervorragend designt. Die Passagen sind für 2/3 des Spiels in der exakt richtigen Länge, um abwechslungsreich zu sein und ein Aufatmen zu garantieren, wenn man entkommt.
Leider passiert dann das Übliche: Man streckt diese Spielmechanik zum Finale hin schier endlos in die Länge. Zu dem Zeitpunkt weiß man aber schon sehr gut, wie man diese Situationen meistert und ich bin hauptsächlich daran gescheitert, dass ich manchmal nicht wusste, wo ich eigentlich hinschleichen soll.
Viel schlimmer ist, dass man es mit der spielinternen Logik nicht ganz so ernst zu nehmen scheint. Während das Vieh an einer Stelle durch die kleinsten Geräusche auf einen hetzt, sind laute Ausrufe, Sprünge oder das Entfernen von Hindernissen mit dem Grappling-Haken und einem lauten Rumpeln gar kein Problem.
5 Bilder
Einige Bereiche kann das Alien nicht erreichen, weil… das ist so. Andere Male geht man einfach von Schleichen zu Rennen über, weil dadurch eine coole rasante Ausweichmechanik für mehr Abwechslung sorgt. Das kann man so machen, das ist beim ersten Mal auch noch nachvollziehbar, kommt dann aber völlig unmotiviert in Bereichen, in denen man wohl auch hätte schleichen können. So ist aber der Weg zumindest kürzer.
Fazit: Schön, aber sicher nicht für jeden geeignet
Das klingt alles nicht so gut und ich bin mir sicher, es wird viele Spieler und Spielerinnen geben, denen das zu langweilig ist. Das verstehe ich. Und an jene Intelligenzbestien, die sich in einem der ersten Support-Forum-Einträge bei Steam lange vor Erscheinen des Spiels beschweren, dass Ariane nicht "heiß" genug ist und Aphelion deswegen ein Scheißspiel sei: Vielleicht ist das Game nix für euch.
Für mich war das Spiel aber insgesamt trotzdem etwas und das hat viele Gründe. Zum einen ist es mitreißend geschrieben und ebenso stark von den beiden Sprechern zum Leben erweckt. Sie geben den Protagonisten eine emotionale Tiefe, die ich spüren konnte – so, wie man es von einem Don’t-Nod-Spiel gewohnt ist.
Zum anderen will ich bis zum Schluss mehr wissen: Über den Planeten, die Kreatur, die Beziehung zwischen Astronautin und Astronaut, die Hybris der Menschheit und ob alles irgendwie gut werden kann. Ich wollte das so sehr wissen, dass ich die 12 Stunden Spielzeit an nur 2 Tagen geschafft habe. Gameplay ist bei Aphelion ein Mittel zum Zweck und für mich ist das trotz meiner harten Kritik in Ordnung. Und das sagt ja auch schon einiges darüber aus, wie gelungen der Rest ist.
Die gute Balance zwischen realistischen Überlegungen, fantastischen Elementen und der nötigen Gesellschaftskritik gelingt Don’t Nod mit Bravour. Insbesondere die sehr deutliche Kritik an der Skrupellosigkeit kapitalistischer, privater Raumfahrtunternehmen und der menschlichen Arroganz, rücksichtslos in die Natur einzugreifen und dabei eine Schneise der Verwüstung zu hinterlassen, setzt ein deutliches Zeichen.
Aphelion kostet 29,99 Euro für PC (Steam) und 34,99 Euro auf den Konsolen Playstation 5 und Xbox Series X/S. Es ist außerdem im Xbox-Abo Game Pass Ultimate enthalten.
Kommentare