Skeptischer Arzt
Wissenschaftliches Gaslighting: Vom Arzt für verrückt erklärt
Manche Gesundheitsprobleme lassen sich ziemlich schnell diagnostizieren. Knochenbrüche etwa, oder Einschusslöcher. Aber was macht man mit schwierigen, unspezifischen Symptomen? Müdigkeit, Erschöpfungszustände, Konzentrations- und Gedächtnisprobleme – das sind typische Anzeichen von ME/CFS, dem chronischen Fatigue-Syndrom. „Ist das wirklich eine Krankheit?“ wird dann gefragt. Das haben doch alle Leute manchmal! Ist das nicht einfach nur eingebildet? Vermutlich ist das nur psychisch! Nehmen Sie es einfach nicht so schlimm, gehen Sie an die frische Luft und reißen Sie sich ein bisschen zusammen!
Man kann sich vorstellen, was es in Menschen anrichtet, die vielleicht seit Monaten oder Jahren leiden und verzweifelt nach einer hilfreichen Diagnose suchen, wenn man Ihnen einfach sagt: „Sie sind doch gar nicht krank!“ Manchmal wird dann sogar das eiskalte Wort „Krankheitsgewinn“ verwendet. Es bezeichnet den Vorteil, der sich aus einer Krankheit ergibt – etwa, weil man dann umsorgt wird, bemitleidet wird, nicht arbeiten muss. Es gibt kaum etwas Zynischeres, als Menschen, deren Leben durch eine Krankheit aus der Bahn geworfen wurde, zu unterstellen: „Du machst das doch nur, um einen Vorteil zu erschwindeln!“
Psychosomatik – ein kompliziertes Feld
Natürlich stimmt es, dass manche Leiden ohne äußere Ursache nur in unserem Kopf entstehen. So dürfte etwa Elektrosensibilität kein physisches Leiden sein, das Problem entsteht nicht durch elektrische Strahlung, sondern bloß durch die Angst vor elektrischer Strahlung. Auch das „Havanna-Syndrom“, angeblich eine Gesundheitsstörung, die durch eine geheimnisvolle, unbekannte High-Tech-Waffe ausgelöst wird, dürfte nach heutigem Wissensstand keine äußere Ursache haben.
Es ist also durchaus berechtigt, die Frage zu stellen: Haben wir es hier wirklich mit einem physischen Leiden zu tun, das man physisch behandeln kann, oder muss man eher an psychischen Faktoren arbeiten? Doch im Fall von ME/CFS ist die Sache längst offensichtlich: Bei längerfristigen Belastungstests zeigt sich ein spezifischer Leistungsabfall, der bei gesunden Menschen nicht beobachtet wird, Gehirnscans zeigen veränderten Gehirnstoffwechsel, man hat Veränderungen im Immunsystem, im Nervensystem und in den Mitochondrien entdeckt. Wie das alles zusammenhängt, ist bis heute nicht klar. Aber fest steht: Hier ist etwas. Es handelt sich um eine körperliche Störung, der man mit mehr Forschung begegnen muss – nicht mit abschätzigen Relativierungen.
Eine lange Geschichte medizinischer Irrtümer
Die Gaslighting-Strategie, Menschen mit echtem Leiden als psychisch krank abzustempeln, hat in der modernen Medizin nichts verloren. Wir müssten es längst besser wissen: Auch Magengeschwüre wurden durch „Stress“ und „Persönlichkeitsmerkmale“ erklärt – bis der Arzt Barry Marshall das magengeschwürverursachende Bakterium Heliobacter pylori entdeckte, und sich in einem mutigen Selbstversuch absichtlich eine Gastritis verpasste, wofür er dann den Medizin-Nobelpreis bekam.
Von Migräne über Parkinson bis zur Fibromyalgie, einer diffusen, schwer zu diagnostizierende Nervenstörung – es gibt eine lange Liste von Krankheiten, die anfangs unterschätzt und auf psychische Effekte geschoben wurden, bis sie sich dann doch klar als physische Erkrankungen herausstellten. Besonders Frauen hatten unter solchen Vorurteilen zu leiden: Multiple Sklerose, die Frauen deutlich häufiger trifft als Männer, wurde anfangs oft als „weibliche Hysterie“ abgetan. Endometriose-Symptome wurden als „normale Menstruationsbeschwerden“ kleingeredet.
Die Sichtweise „eine Krankheit, die ich nicht als Zahl im Laborbefund sehen kann, die gibt es wahrscheinlich gar nicht“ ist nicht wissenschaftlich und rational, sie ist gefährlich und empathielos. Menschen sind keine Präzisionsmaschinen, die man mit einem objektiven Diagnose-Check für funktionstüchtig erklären kann. Menschen, die leiden, haben zuallererst mal das Recht, ernst genommen zu werden.
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