Blaulicht bringt die genetisch modifizierten Bierhefen zum Fluoreszieren.
Virologe entwickelt „Bier-Impfung” zum Trinken
Eine Impfung bedeutet meistens eine Spritze in den Oberarm. Gegen Pocken wurde man früher in die Haut geritzt, gegen Polio schluckte man einen Zuckerwürfel mit einem Tropfen Impfstoff. Der US-amerikanische Virologe Chris Buck schlägt eine neue Art der Verabreichung vor: Biertrinken.
Was zunächst nach einem Scherz klingt, ist durchaus ernstgemeint, auch wenn es sich dabei explizit um ein Freizeitprojekt abseits seines Jobs beim US-amerikanischen National Cancer Institute handelt. Bucks Impfung ist gegen Polyomaviren gedacht, die in Zusammenhang mit verschiedenen Krebsarten stehen und sehr gefährlich für Menschen mit geschwächtem Immunsystem sind.
Virus nach Organ-Transplantationen besonders gefährlich
Buck und seine Forschungsgruppe untersuchen, wie diese Viren Zellen infizieren und welche Arten es davon gibt. Außerdem arbeiten sie an einer klassischen Injektions-Impfung gegen das BK-Virus, das zu den Polyomaviren gehört.
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Laut Deutschem Zentrum für Infektionsforschung sind 80 bis 90 Prozent der Bevölkerung ab dem Kindesalter damit infiziert. Das BK-Virus bleibt dann im Körper, insbesondere in den Nieren. Bei immunsupprimierten Patientinnen und Patienten – z.B. nach einer Organtransplantation“ – kann es reaktiviert werden und zu schmerzhaften Symptomen führen. Polyomaviren werden auch von gesunden Menschen in großen Mengen mit dem Urin ausgeschieden und z.B. bei jeder Toilettenspülung millionenfach in der Luft verteilt, sagt Buck gegenüber Science News.
Bierhefe für Labormäuse, Bier für Buck
Buck schreibt in seinem Blog, dass er daheim seit 30 Jahren immer wieder Bier gebraut habe. „Als ich sah, dass die Fütterung von Labormäusen mit gentechnisch veränderter Bierhefe eine schützende Antikörperreaktion gegen das Virus auslösen konnte, das ich untersuche, war mein erster Gedanke: ‚Das kann ich definitiv zuhause auch machen.‘“
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Der Virologe nahm also den gentechnisch veränderten Germ und braute in seiner Privatküche ein „Lithuanian Farmhouse Ale“ – ein trübes, fruchtiges Bier nach litauischer Art – daraus. Um die „Impf-Bierhefe“ von gewöhnlicher zu unterscheiden, wurde sie mit der Fähigkeit versehen, grün zu fluoreszieren. Sie produziert keine lebendigen Polyomaviren, sondern nur leere Hüllen, die keine Infektionen auslösen können.
Selbst-Experiment mit der Bier-Impfung
Das Ethikkomitee seines Arbeitgebers urteilte, dass er nicht an sich selbst experimentieren dürfe, indem er das Bier trinkt, wie Science News berichtet. Der Forscher selbst argumentiert allerdings, dass das Komitee nicht darüber bestimmen könne, was er in seinem Privatleben unternimmt.
Also verabreichte er sich ab Mai 2025 systematisch mehrere Bier-Impfungen. Zunächst trank er 5 Tage lang jeweils ein Pint (etwa ein Krügerl). Mit 7 Wochen Abstand wiederholte er dies noch 2 Mal.
Wirksamkeit nicht generalisierbar
Während seines Selbst-Experiments nahm Buck regelmäßig Blutproben. Demnach stieg die Anzahl der Antikörper gegen 2 Typen des BK-Virus nach dem Biertrinken zu. Details zu dieser Beobachtung hielt er gemeinsam mit sechs Kolleginnen und Kollegen vom National Cancer Institute und der Vilnius University in einem Fachartikel fest.
Er ist überzeugt davon, dass sein Impf-Bier sicher ist und keine signifikanten Nebenwirkungen hat. Ob es die erhoffte Wirkung bringt, ist allerdings unklar. Nur weil es bei ihm offenbar die Antikörperproduktion anregte, heißt das noch lange nicht, dass das bei jemand anderem genauso funktionieren würde.
Indie-Wissenschaft und Hobby-Bierbrauerei
Davon lässt sich Buck allerdings nicht entmutigen. Er sieht es als seine moralische Pflicht, Bierhefe-basierte Impfungen weiterzuentwickeln, wie er gegenüber Science News betont.
Er hat deshalb die Gusteau Research Corporation gegründet, eine Non-Profit-Organisation, die den freien Ideen- und Wissensaustausch in dem Bereich verschrieben ist. Benannt ist sie nach Chef Gusteau, einer Figur im Animationsfilm Ratatouille, dessen Motto „Jeder kann kochen“, ihn inspiriert habe.
Er ruft andere Indie-Wissenschaftler aktiv dazu auf, seine Experimente zu reproduzieren. Außerdem hofft er, dass Bierbedarfs-Hersteller seine gentechnisch veränderte Hefe in ihr Sortiment aufnehmen, damit Hobby-Bierbrauer ebenfalls damit experimentieren können.
Kritik aus dem Wissenschaftsbetrieb
In seinem wissenschaftlichen Umfeld sehen allerdings nicht alle die Bier-Impfung so positiv wie Buck selbst, wie Science News ausführlich nachzeichnet. Einerseits ist da die Frage nach angemessenen medizinischen Trials: Buck hat seine Entwicklung nur an sich selbst und ein paar wenigen Leuten aus seinem Umfeld ausprobiert. Damit eine Impfung als sicher gilt und zugelassen werden kann, sind jedoch jahrelange Versuchsreihen mit hunderten Patientinnen und Patienten nötig. In den USA sind dabei andere Zulassungsverfahren notwendig als in der EU bzw. in Österreich.
Andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler warnen, dass eine Bier-Impfung der Glaubwürdigkeit von Impfungen im Allgemeinen schaden könnte. In einem wissenschafts- und impfskeptischen Klima, wie es in den USA unter Gesundheitsminister Robert F. Kennedy derzeit herrsche, müsse man alles tun, um Impfquoten hochzuhalten.
Lebensmittel, nicht Medikament
Ein Medikamenten-Trial, das zu einer offiziellen Zulassung als Impfung führen könnte, schätzt Buck derzeit als nicht machbar ein. In seiner Vision ist das Impf-Bier zunächst einfach ein Lebensmittel.
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Denn in den USA müssen Lebensmittel bzw. Nahrungsergänzungsmittel nicht unzählige Tests durchlaufen. Es genügt, darzulegen, dass das Produkt sicher ist und keine irreführenden Werbeversprechen zu machen. Gerade weil die US-Gesundheitspolitik derzeit so mit den Säbeln rassle, müsse man Menschen, die sich gegen Krankheiten schützen wollen, andere Optionen geben, findet der Virologe.
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