In der EU werden bis zu 3 Kilogramm Wolle pro Schaf jährlich gewonnen.
Wie Schafwolle Europas Böden wiederbeleben soll
Ein gesunder Boden mit ausreichend Wasser und Nährstoffen ist die Grundlage unserer Ernährung. Doch die Qualität der Böden in der EU hat in den vergangenen Jahren stark abgenommen: Rund 60 Prozent sind laut dem „Bodenatlas“ in schlechtem Zustand. Ursache dafür sind intensive Landwirtschaft, Flächenversiegelung und Klimawandel.
Ziel der EU-Bodenstrategie ist es daher, diese lebenswichtige Ressource bis 2050 wiederherzustellen, um sie für die nachkommenden Generationen zu sichern. Eine Lösung könnte ein Abfallprodukt sein, das normalerweise in großen Mengen verbrannt wird oder auf Mülldeponien landet: Schafwolle.
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Natürlicher Dünger
Pro Jahr werden in der EU 200.000 Tonnen Wolle gewonnen, für die es kaum Absatzmärkte gibt. Mit dem Forschungsprojekt „HydroSheepBoost“, das von der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft FFG unterstützt wird, soll damit künftig die Bodengesundheit gefördert werden. Das Projekt wird vom Climate-Tech-Unternehmen Green Legacy koordiniert und gemeinsam mit der Universität für Bodenkultur (BOKU) sowie der TU Graz umgesetzt.
„Schafwolle besteht hauptsächlich aus Keratin, einem natürlichen Eiweiß, das wertvolle Nährstoffe wie Stickstoff und Schwefel enthält. Wird die Wolle in den Boden eingearbeitet, bauen Bodenorganismen sie langsam ab“, sagt Projektleiterin Bianca Beer von Green Legacy der futurezone. Dabei werden die enthaltenen Nährstoffe kontinuierlich freigesetzt und stehen den Pflanzen über einen langen Zeitraum zur Verfügung.
Schafwolle und Biopolymere werden zu Pellets gepresst.
© Green Legacy
Weniger Erreger
Die Wolle enthält zudem ein nährstoffreiches Mikrobiom, welches das Pflanzenwachstum fördert. „Ein Teil der Mikroorganismen und der organischen Substanzen, die beim Abbau der Schafwolle entstehen, wird an Bodenmineralien gebunden. Dadurch entstehen besonders stabile Humusformen, die Kohlenstoff langfristig im Boden speichern und so die Bodenfruchtbarkeit verbessern“, ergänzt Beer.
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Generell könne man die Biodiversität laut Eva Sykacek von der BOKU als eine Art Versicherungssystem verstehen: „Weil viele verschiedene Organismen ähnliche Aufgaben übernehmen, bleiben wichtige Bodenfunktionen auch dann erhalten, wenn einzelne Arten ausfallen oder Umweltbedingungen schwieriger werden.“ Gleichzeitig erschwere eine hohe biologische Vielfalt die Ausbreitung einzelner Krankheitserreger.
Pellets als Dünger
Ein weiterer Vorteil sei die hohe Wasserspeicherfähigkeit der Schafwolle. Laut Sykacek hilft sie, Feuchtigkeit im Boden zu halten, sodass Pflanzen Trockenphasen besser überstehen. „Da die Nährstoffe nur langsam freigesetzt werden, ist das Risiko einer Überdüngung oder Nährstoffauswaschung sehr gering“, sagt sie. Für ein verbessertes Ergebnis der Wasserspeicherkapazität und Nährstoffversorgung setzt das Team auf die Kombination von Schafwolle und Biopolymeren, die zu Pellets gepresst werden. Um sie großflächig in der Landwirtschaft einsetzen zu können, müssen sie sich mit herkömmlicher Landtechnik ausbringen lassen, Wasser zuverlässig speichern und bei Bedarf wieder an den Boden abgeben.
Eine zusätzliche Herausforderung sei die natürliche Variabilität der Schafwolle: Wassergehalt, Faserlänge und Wollfettgehalt unterscheiden sich je nach Herkunft und beeinflussen die Qualität der Pellets. „Zudem muss die Pelletierung so erfolgen, dass das natürliche Mikrobiom der Schafwolle möglichst erhalten bleibt“, sagt TU-Graz-Forscher Samuel Bickel.
Fakten
Bodenerosion
Innerhalb der EU wird die Bodenerosion laut einem Bericht der gemeinsamen Forschungsstelle (GFS) der EU-Kommission und der Europäischen Umweltagentur auf 1 Milliarde Tonnen pro Jahr geschätzt.
Landnutzung
Unter Bodenerosion versteht man den fortschreitenden Verlust von fruchtbarem Boden. Der Großteil der Abtragung geht auf die menschliche Landnutzung zurück – vor allem durch intensive Landwirtschaft.
Textilindustrie
Wolle wird oft entsorgt, weil die Verarbeitungskosten für Textilien wie Reinigung oder Spinnerei oft höher sind als der Erlös. Kunstfasern hingegen sind günstiger und pflegeleichter.
Langfristiger Nutzen
Aktuell arbeitet das Team am Aufbereitungsverfahren und Rezepturen. Bevor die Technologie großflächig eingesetzt werden kann, brauche es aber eine wirtschaftliche und skalierbare Produktion, eine gesicherte Rohstoffversorgung und Versuche unter realen Feldbedingungen. „Sie liefern wichtige Erkenntnisse darüber, wie sich die Pellets unter realen Boden- und Witterungsbedingungen bewähren und welchen Mehrwert sie gegenüber bestehenden Lösungen bieten“, sagt Bickel. Schafwolle eigne sich besonders für Dauerkulturen, Gemüsebeete oder den biologischen Landbau. Für Kulturen mit einem kurzfristigen Nährstoffbedarf würden hingegen meist schneller wirkende Dünger eingesetzt.
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Ob sich Schafwolle für diesen Zweck wirtschaftlich rechnet, hänge laut den Forschern von der Verfügbarkeit, den Aufbereitungskosten und dem jeweiligen Einsatzbereich ab. Werden jedoch neben dem Ertrag auch Bodengesundheit, Wasserspeicherung und Biodiversität berücksichtigt, bietet sie gegenüber vielen herkömmlichen Düngemitteln ökologische und langfristige Vorteile.
Generell könnte HydroSheepBoost zum Ziel beitragen, die Bodengesundheit bis 2050 wiederherzustellen, sei aber keine alleinige Lösung. Vielmehr brauche es eine Kombination verschiedener Maßnahmen, die den Boden langfristig schützen und regenerieren. Dazu gehören eine schonende Bodenbewirtschaftung, der Schutz vor Bodenversiegelung, der gezielte Aufbau von Humus sowie eine bessere Überwachung der Bodenqualität.
Diese Serie erscheint in redaktioneller Unabhängigkeit mit finanzieller Unterstützung der Forschungsförderungsgesellschaft (FFG).
Erdreich speichert überraschend viel Kohlenstoffdioxid
Ein gesunder Boden kann helfen, gegen den Klimawandel anzukämpfen. Denn bei der Speicherung von CO2 spielt er eine wesentliche Rolle, wie aus einem Bericht der Weltnaturschutzunion (IUCN), des Aroura Soil Security Think Tank und der Bewegung Save Soil hervorgeht.
Konkret könnten intakte Böden fast ein Drittel des CO2 speichern, das sonst vermieden oder gebunden werden müsste, damit sich die Erde im Vergleich zur vorindustriellen Zeit um weniger als 2 Grad erwärmt. Werden Böden aber nicht nachhaltig bewirtschaftet, können sie große Mengen der Treibhausgase wieder freisetzen.
Regeneration
Generell geht die Gesundheit der Landoberflächen zurück: Weltweit sind rund 40 Prozent in schlechtem Zustand. Die Welternährungsorganisation FAO schätzt, dass bis 2050 90 Prozent der Flächen degradiert sein könnten. Ein besonders effektiver Ansatz zur Verbesserung der Bodengesundheit ist die regenerative Landwirtschaft. Diese Methode fördert die natürliche Regeneration der Böden, unter anderem durch den Verzicht auf chemische Düngemittel oder durch den Einsatz von Fruchtfolgen.
Dabei werden verschiedene Pflanzenarten in einer festgelegten Reihenfolge auf demselben Feld angebaut. So wird nicht nur die CO2-Speicherung erhöht, sondern auch die Biodiversität verbessert. Eine nachhaltige Bewirtschaftung kommt daher nicht nur dem Klima, sondern auch der langfristigen Ernährungssicherheit zugute.
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