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HIMARS Flex verdoppelt Feuerkraft der bewährten Raketenartillerie

Im Angriffskrieg von Russland gegen die Ukraine haben sich einige Waffensysteme als besonders effektiv herausgestellt. Dazu gehört das von Lockheed Martin gebaute und den USA gelieferte HIMARS.

Der Erfolg, den die Verteidiger besonders in den ersten Kriegsjahren damit gegen die russische Übermacht erzielten, bringt die Raketenartillerie zurück in die europäischen Rüstungspläne - nachdem die Waffenkategorie nach Ende des Kalten Krieges eher stiefmütterlich behandelt wurde. Dieses neu entfachte Interesse will Lockheed jetzt zu Geld machen: mit dem HIMARS Flex.

Künstlerische Darstellung des HIMARS Flex.

2 Pods statt einer

Der normale HIMARS kann nur einen Pod aufnehmen. Der HIMARS Flex hat Platz für 2 Pods, genauso wie die schwerere und größere Raketenartillerie MLRS, die einen Kettenantrieb nutzt.

Die Pods von MLRS/HIMARS sind standardisiert und enthalten die Munition. Von den Standard-Raketen mit 227 mm Durchmesser (92 km Reichweite) passen 6 Stück in einen Pod. Die ATACMS-Rakete mit 300 km Reichweite belegt alleine einen gesamten Pod. Von der neueren PrSM (500 km Reichweite) passen 2 Stück in einen Pod.

Agiler als MLRS

Trotz der verdoppelten Feuerkraft, soll HIMARS Flex die Vorteile gegenüber dem MLRS beibehalten. Mit dem XM1140 wird dieselbe Lkw-Basis genutzt, wodurch laut Lockheed die hohe Beweglichkeit der Raketenartillerie beibehalten wird und die Möglichkeit, sie mit einer C-130 Hercules zu lufttransportieren.

Der HIMARS passt in einer C-130 Hercules

Wie sich der zweite Pod auf die Reichweite und Geschwindigkeit des Lkw auswirkt, hat Lockheed noch nicht genannt – üblicherweise sind das 480 km und bis zu 94 km/h auf der Straße. Ein Pod mit 6 Stück 227-mm-Raketen wiegt um die 2,2 Tonnen. Der HIMARS Flex verzichtet aber laut dem Konzeptbild von Lockheed auf die Verkleidung rund um den Pod, wodurch das Gesamtgewicht womöglich nur um eine bis 1,5 Tonnen steigt. Das übliche Kampfgewicht eines regulären HIMARS beträgt 16,25 Tonnen.

Beim normalen HIMARS ist der Pod von einer Hülle umgeben.

Auch zur Luftabwehr

Der Flex kann zudem für die Luftabwehr eingesetzt werden. Dazu ist er mit den Startrohren der Patriot-Raketen PAC-3 kompatibel. Auf dem Konzeptbild von Lockheed ist Flex mit 2 PAC-3-Bündeln zu je 4 Raketen bestückt. Er kann also insgesamt 8 Raketen abfeuern.

Künstlerische Darstellung des HIMARS Flex mit PAC-3.

Die PAC-3-Rakete hat eine Reichweite von bis zu 80 km und kann auch ballistische Raketen abwehren. Die maximale Flughöhe beträgt 24 km. Ob Flex auch die Rohre der PAC-3 MSE aufnehmen kann, ist nicht bekannt – Lockheed spricht lediglich von PAC-3.

Die MSE hat mit bis zu 120 km Reichweite und 36 km Flughöhe eine bessere Performance, ist aber mit 290 mm, im Vergleich zu 250 mm, auch dicker. Deshalb ist bei den Startanhängern für Patriot ein MSE-Bündel mit 6 Raketen normalerweise an der Stelle, an der sonst 2 PAC-3-Bündel mit je 4 Raketen übereinander wären. Die gängigen MSE-Bündel sind also womöglich zu hoch für Flex, weshalb nur 4 Rohre in einer Reihe genutzt werden könnten, was die Schlagkraft reduziert.

Starter für Patriot-Raketen: Links 2 4er-Pods PAC-3, rechts ein 6er-Pod PAC-3 MSE.

Für die Flugabwehr auf kürzere Distanzen kann Flex die Pods von IFPC nutzen. IFPC Increment 2 wird ebenfalls von Lockheed gebaut und kann mit verschiedenen Raketen genutzt werden, wie der AIM-9X Sidewinder (ca. 10 km Reichweite) und AGM-114L Hellfire (ca 6 km Reichweite).

Beide sind weit günstiger als eine PAC-3 (3 bis 4 Millionen US-Dollar): Die AIM-9X kommt auf etwa 500.000 US-Dollar, die AGM-114L auf etwa 200.000 US-Dollar. Der IFPC-Pod, der u.a. 2016 auf einem XM1140 getestet wurde, hat Platz für 15 Sidewinder-Raketen.

Gemischte Bestückung

Theoretisch könnte beim Flex ein MLRS/HIMARS-Pod und ein PAC-3-Pod gleichzeitig montiert werden, auch wenn diese Option nicht von Lockheed explizit genannt wird. Ob das allerdings Sinn macht, ist fraglich: Flex hat nämlich kein eigenes Radar bzw. Feuerleitsystem, muss also im Flugabwehrmodus die benötigten Daten von woanders beziehen. Das ist wie bei einer regulären Patriot-Stellung, bei der das Radar entweder auf einem 4-achsigen Truck oder einem Anhänger semi-stationär aufgebockt wird.

Radar- und Antennenfahrzeug einer Patriot-Batterie.

In der Offensivrolle wird der normale HIMARS aber eben wegen seiner Mobilität hochgeschätzt, um etwa mit Shoot-and-Scoot innerhalb von einer Minute in Stellung zu gehen, die Raketen abzufeuern und wieder die Stellung zu verlassen, bevor der Gegenschlag erfolgt.

Eine Mix-Bestückung könnte vielleicht dann Sinn machen, wenn eine semi-stationäre Flugabwehrbatterie ohnehin eine Artilleriestellung beschützt oder man der Batterie die zusätzliche Fähigkeit geben will, um auf mögliche Bedrohungen durch Panzer- und Truppenverbände zu reagieren. Das setzt voraus, dass diese früh genug aufgeklärt werden, um sie mit den MARS/HIMARS-Raketen zu beschießen, bevor die Flugabwehrbatterie in Feuerreichweite des Feindes kommt.

Autonomie

Lockheed schreibt in seiner Ankündigung von Flex mehrfach von „Autonomie“, ohne Details zu nennen. Lockheed hat schon 2024 einen selbstständig fahrendes XM1140 gezeigt. Ob der Flex das auch können wird, ist aber eben noch nicht bekannt.

Zumindest kann man davon ausgehen, dass ein in einer Luftabwehrbatterie integrierter Flex wie ein üblicher Starter agieren wird. Ein Befehl vom Feuerradar reicht, damit die Rakete abgefeuert wird: Es muss kein Soldat in der Fahrerkanzel sitzen, um das Knöpfchen zu drücken.

Ähnlich könnte das auch für die MARS/HIMARS-Raketen sein. Denkbar ist etwa, dass Flex in gut getarnter Stellung geparkt wird und sich das Personal zurückzieht. Erst wenn der Feuerbefehl aus der Ferne kommt, wird der Pod ausgerichtet und geschossen.

➤ Mehr lesen: Nordkorea kopiert US-Raketenartillerie HIMARS und gibt ihr Atomraketen

Alternativen aus Israel und Südkorea

Um Flex den Armeen dieser Welt schmackhaft zu machen, spricht Lockheed von Modularität. Man könne etwa Flex in der Basisversion mit nur einem Pod nutzen und später auf das Doppel-Pod-Setup aufrüsten. Auch die Autonomie sei nachrüstbar.

Trotzdem könnte Lockheed mit Flex womöglich schon zu spät sein. Mehrere europäische Nationen haben sich nach Alternativen umgesehen und teilweise schon dafür entschieden. Deutschland greift etwa zum israelischen PULS, genauso wie Dänemark, die Niederlande und Griechenland. Die Begründung, warum PULS statt HIMARS gewählt wurde, sind in allen Fällen ähnlich: Schneller verfügbar, günstiger und auch die Munition sei billiger. Nicht offen ausgesprochen, aber auch kein Geheimnis, ist, dass man weniger abhängig von den USA sein möchte.

Ein weiterer Konkurrent für Lockheed auf diesem Gebiet ist K239 Chunmoo aus Südkorea. Polen hat 290 Stück bestellt. Estland und Norwegen lassen es langsamer angehen, mit 9 und 16 bestellten Stück.

Ursprünge der modernen Raketenartillerie

Die Grundidee der Raketenartillerie ist, in kurzer Zeit viele Geschosse abzufeuern. Bei normaler Artillerie muss nach jedem Schuss nachgeladen werden, Raketen können aber im Sekundentakt abgefeuert werden. Zudem ist mit Raketen eine höhere Reichweite als mit regulärer Artillerie möglich.

Der Beginn der modernen Raketenartillerie liegt im Zweiten Weltkrieg. Deutschland setzte hier auf seine Nebelwerfer, die trotz des Namens Raketen abfeuerten.

Die USA montierten Raketenwerfer auf Sherman-Kampfpanzer, wie etwa den T34 Calliope.

Am bekanntesten ist die sowjetische Katjuscha. Aufgrund des pfeifenden Geräuschs, das die Raketen verursachten, bekam sie von den deutschen Truppen den Spitznamen Stalinorgel.

Kalter Krieg: Sowjetunion setzt weiter auf Raketenartillerie

Die Sowjetunion setzte die Entwicklung der Raketenartillerie konstant fort. Eines der bekanntesten Systeme ist das BM-21 Grad, das auch heute noch von Russland eingesetzt wird.

Die aktuelle Version, die Russland nutzt, ist das 9A53 Tornado. Dieses System auf einem Lkw-Fahrgestell gibt mit den 122mm-Raketen des Grad, 220mm-Raketen und 300mm-Raketen. Es wurde 2014 in Dienst gestellt und gilt als die russische Antwort auf HIMARS.

MLRS: Die USA sind Nachzügler

In den 70er-Jahren erkannten die USA, dass weder sie noch andere NATO-Länder mit der sowjetischen Raketenartillerie mithalten konnten. Um für das Nachzügeln wettzumachen, entschloss man sich, die sowjetische Raketenartillerie mit weniger Raketen, aber mehr Reichweite zu schlagen. Dazu wurde das Multiple Launch Rocket System (MLRS) mit 227mm-Raketen entworfen.

Das MLRS kam in den USA unter dem Namen M270 im Golfkrieg und in Afghanistan zum Einsatz. Israel hat damit 2023 Ziele im Gazastreifen beschossen. Neben HIMARS hat die Ukraine auch MLRS geliefert bekommen. Diese kamen aber nicht von den USA, sondern von Großbritannien und Deutschland.

Die neueste Version des MLRS ist das M270A2 der US-Armee. 2019 wurden ältere MLRS mit einem neuen Zielsystem aufgerüstet, um die PrSM abfeuern zu können. Außerdem wurden Motor und Getriebe verbessert, sowie die Panzerung der Kabine.

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Gregor Gruber

Testet am liebsten Videospiele und Hardware, beschäftigt sich leidenschaftlich mit Rüstungstechnologie.

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