Das sind die Waffen von Polens Drohnen-Wall gegen Russland
In der Nacht von 9. auf 10. September 2025 drangen mindestens 19 russische Drohnen in den polnischen Luftraum ein. Nach aktuellem Stand wurden lediglich 4 davon abgeschossen – und 3 davon von F-35-Jets der niederländischen Luftwaffe, die im Rahmen einer NATO-Luftraumüberwachung beim Militärflugplatz Poznań-Krzesiny in Polen stationiert waren.
Auch wenn sich Experten einig sind, dass diese Aktion von Russland lediglich ein Abklopfen der NATO-Abwehr bzw. eine Warnung vor echten Militärschlägen war, war es ein Weckruf. Einmal für die EU und einmal für Polen selbst, dessen Streitkräften vorgeworfen wurde, untätig und unfähig gewesen zu sein, russische Drohnen abzuwehren – obwohl der Krieg in der Ukraine seit 3 Jahren andauert und damit klar ist, welche Arten der Bedrohungen aus Russland drohen.
Die EU kündigte als Folge der Vorfälle an, einen Drohnen-Wall errichten zu wollen. Polen hat jetzt einen konkreten Plan dazu und Verträge mit Rüstungskonzernen unterschrieben.
System Antydronowy
Das Projekt läuft unter dem Namen System Antydronowy (SAN) – zu Deutsch: Antidrohnen-System. Dafür werden umgerechnet 3,55 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt. SAN umfasst:
- 18 Anti-Drohnen-Batterien
- 52 Feuerzüge
- 18 Kommandozüge
- 703 Fahrzeuge
Damit sollen an der nördlichen und östlichen Grenze von Polen Drohnen erkannt, identifiziert und bei Bedarf zerstört werden. Die nördliche Grenze zur russischen Enklave Kaliningrad ist etwa 320 km lang, die östlichen Grenze zu Belarus etwa 400 km. Die ersten Systeme für SAN sollen noch heuer eintreffen, die vollständige Einsatzfähigkeit wird für Ende 2027 angestrebt.
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Eine Frage der Kosten
Als Lieferanten für den Drohnen-Wall wurden verschiedene polnische Unternehmen gewählt und Kongsberg. Der norwegische Rüstungskonzern hat eine Ausschreibung gewonnen und damit einen Vertrag im Wert von umgerechnet 1,4 Milliarden Euro.
Der Fokus liegt auf Waffensystemen, die ein günstigeres Zerstören der Drohnen ermöglichen. „Günstiger“ bezieht sich hier auf die Kosten einer Boden-Luft-Rakete, wie etwa eines Patriot-Systems, oder einer Luft-Luft-Rakete, die von einem Kampfjet gestartet wird. Eine einzelne Patriot PAC-3 MSE kostet im Export über 6 Millionen US-Dollar.
Eine Sidewinder AIM-9X, so wie sie die niederländische Luftwaffe auf ihren F-35A verwendet, die im September 2025 Drohnen abgeschossen haben, kostet in der aktuellen Variante im Export um die 900.000 US-Dollar.
Eine Geran-2, Russlands Eigenproduktion der iranischen Kamikazedrohne Shahed-136, kostet hingegen nur etwa 30.000 US-Dollar.
Eine in Kiew ausgestellte Geran-2
© REUTERS / Valentyn Ogirenko
Von fern bis nahe
SAN umfasst ein Spektrum an Waffensystemen, bei denen der „Schuss“ erheblich günstiger sein wird. Diese sind wie Schichten aufgebaut, um Drohnen auf unterschiedliche Distanzen zu bekämpfen. Je kürzer die Distanz zur Drohne, desto billiger wird der „Schuss“. Geordnet nach Reichweite kommen folgende Systeme zum Einsatz:
- 70-mm-Raketen
- 35-mm-Maschinenkanone
- 30-mm-Maschinenkanone
- 12,7-mm-Maschinengewehr
- Elektronische Störmaßnahmen
70 mm: APKWS II
Für die 70-mm-Raketen ist Kongsberg verantwortlich. Die Starter dafür werden in ferngesteuerten Waffenstation (Remote Weapon Station – RWS) untergebracht. Diese sind kompakt genug, um auch auf Geländewagen montiert werden zu können.
Die verwendeten Raketen sind APKWS II - Advanced Precision Kill Weapon System II. APKWS II ist ein Aufrüstkit für die Hydra 70. Die Hydra 70 ist eine ungelenkte Luft-Boden-Rakete mit 70mm-Durchmesser. Die Hydra 70 wurde für Luftunterstützung im Nahbereich konzipiert und wird deshalb vor allem bei Kampfhubschraubern eingesetzt.
APKWS II macht aus der ungelenkten Hydra 70 eine lasergelenkte Rakete. Dazu wird zwischen dem Gefechtskopf und dem Raketenmotor die WGU-59/B Guidance Unit eingesetzt. Diese enthält Lenkflügel und den Lasersucher.
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Das Ziel wird mit einem Laser markiert. Dieser ist für das menschliche Auge nicht sichtbar und meist im Infrarotbereich. Die abgefeuerte APKWS-II-Rakete steuert auf das markierte Ziel zu. Der übliche Gefechtskopf der Hydra ist der M151, der ein Kilogramm Sprengstoff enthält. Der Sprengradius wird mit 10 Metern angegeben, die Splitterwirkung mit bis zu 50 Metern.
Die Reichweite von APKWS II beträgt bis zu 5 km. Theoretisch ließe sich die Reichweite erhöhen, weil der Lasersucher bis zu 14 km weit „sehen“ kann. Dazu ist aber ein anderer Raketenmotor nötig. So einer wird vom norwegisch-finnischen Unternehmen Nammo entwickelt, der die Reichweite von APKWS II auf bis zu 15 km erhöhen könnte. Ob der bei SAN zum Einsatz kommt, oder in Zukunft kommen wird, ist nicht bekannt.
Viele NATO-Länder haben noch alte Hydra-70-Raketen in ihren Arsenalen, was die Anschaffungskosten von APKWS II senkt. In der aktuellen Ausführung kostet das Aufrüst-Kit lediglich 15.000 US-Dollar, wobei die Exportkosten für gewöhnlich 30 bis 50 Prozent höher sind. Selbst, wenn die alten Hydra 70 verbraucht sind, wird ein neu gebauter Gefechtskopf und normaler Hydra-70-Motor die Gesamtkosten einer APKWS-II-Rakete nur auf etwa 22.000 US-Dollar ansteigen lassen.
Grafische Darstellung von APKWS II. Oben die reguläre Hydra 70. Die WGU-59/B Guidance Unit wird zwischen Gefechtskopf und Raketenmotor eingefügt
© Vslv/Wikimedia Commons
35 mm: SA-35
Das SA-35 ist eine Entwicklung des polnischen Rüstungskonzerns PGZ (Polska Grupa Zbrojeniowa). Kernstück ist ein Turm mit einer 35-mm-Maschinenkanone. Diese hat eine effektive Reichweite von etwa 3,5 km und eine Feuerrate von 550 Schuss pro Minute.
Gegen Drohnen wird Airbust-Munition vom Typ AHEAD eingesetzt. Das kamerabasierte Zielsystem misst dazu per Laser die Entfernung zum Ziel, mit der das Projektil beim Abfeuern programmiert wird. Das Projektil explodiert dann kurz vor dem Erreichen der Drohne.
Je nach Munitionstyp werden dabei unterschiedlich viele Subprojektile kegelförmig freigesetzt, ähnlich einer überdimensionalen Schrotladung. Bei der PMD428, die gegen FPV-Drohnen und Quadcopter gedacht ist, sind es 675 Stück. Das erhöht die Trefferchance, vor allem gegen kleine Drohnen und schnell fliegende Ziele.
Ein Stück AHEAD-Munition kostet zwischen 1.000 und 1.500 US-Dollar. Selbst, wenn eine Salve von 10 Schuss auf eine Drohne abgefeuert wird, ist das weit unter den Kosten einer gängigen Luftabwehrrakete.
SA-35
© PGZ
30 mm: MCT30
Der MCT30 von Kongsberg ist ein unbemannter, ferngesteuerter Turm. Ursprünglich wurde er für Schützenpanzer entwickelt, kann aber auch auf anderen Plattformen, wie Lkw und Roboterpanzern, genutzt werden. Kürzlich konnte sich Kongsberg einen Auftrag der US Marines sichern, die den MCT30 auf dem neuen Amphibienfahrzeug ACV-30 nutzen werden.
Der MCT30 nutzt die Maschinenkanone Mk 44 Bushmaster II im Kaliber 30 mm. Mit AHEAD-Munition beträgt die effektive Reichweite gegen Drohnen um die 2 km. Die PMC388, die etwa gegen Geran-2 genutzt werden würde, enthält 162 Subprojektile. Mit PMC455 befindet sich eine weitere 30mm-AHEAD-Munition in Entwicklung, die über 500 kleinere Subprojektile freisetzt und speziell für das Abfangen von FPV-Drohnen und Quadcopters ausgelegt ist.
12,7 mm: WLKM
Das WLKM wird vom polnischen Unternehmen Zakłady Mechaniczne Tarnów gebaut. Es ist eine 4-läufige Gatling Gun im Kaliber 12,7 mm (.50 BMG). Bei Gatling Guns wird nicht gleichzeitig aus allen Rohren gefeuert, sondern die Läufe rotieren und schießen nacheinander. Das erlaubt höhere Feuerraten als bei normalen Maschinengewehren, u. a. weil die Hitzeentwicklung auf die 4 Läufe aufgeteilt wird. Beim WLKM sind so 3.600 Schuss pro Minute möglich. Ein Schuss kostet, je nach Munitionsart, 6 bis 9 US-Dollar.
Die Reichweite der WLKM wird mit bis zu 2 km angegeben. Die effektive Reichweite gegen Drohnen dürfte aber, je nach deren Größe, im Bereich von 1 bis 1,5 km liegen. Ein kamerabasiertes System ermöglicht eine automatische Erfassung und Verfolgung des Ziels.
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Elektronische Kriegsführung
Energiewaffen, wie Laser und Mikrowellen, sind bei SAN nicht vorgesehen, könnten aber in einer späteren Ausbaustufe hinzukommen. Fix integriert soll jedoch elektronische Kriegsführung werden, in der Form von Jammern. Für SAN kommen die Jammer vom polnischen Unternehmen APS.
Jammer schießen den Drohnen Störsignale entgegen. Dadurch soll die Funkverbindung zum Drohnenpiloten und das Signal zur Satellitenpositionsbestimmung verloren werden. Die Drohne kommt dadurch vom Kurs ab und stürzt ab, ohne ihr Ziel erreicht zu haben.
Die Systeme von APS nutzen Kameras und AESA-Radar, um Drohnen zu erkennen und gezielt zu jammen. APS gibt keine effektive Reichweite für seine Jammer an. Üblicherweise haben Systeme in dieser Größe eine Reichweite in der Größenordnung 1 bis 5 km.
Semi-stationär
Wie die 18 Anti-Drohnen-Batterien und 52 Feuerzüge die 700 km lange Grenze überwachen sollen, wurde nicht im Detail erläutert. Anhand der Waffensysteme ist davon auszugehen, dass zumindest ein Teil davon semi-stationär ist. Denn von den 703 Fahrzeugen entfallen gut 400 Stück auf Lkw des polnischen Herstellers Jelcz, wovon wohl einige für die Waffensysteme bestimmt sind. Jelcz liefert bereits einen 6x6-Truck für das SA-35. Auch der MCT30 könnte auf einem Jelcz-Lkw montiert werden.
SA-35
© PGZ
Im Gegensatz zu Panzern sind diese Truck-basierten Systeme nicht gedacht, um schnell auszurücken oder gar während der Fahrt zu feuern, sondern um am Zielort Stellung zu beziehen und dort den Luftraum zu überwachen. Für schnelle Einsätze könnte APKWS II genutzt werden, das auf einigen der 300 Legwan-Fahrzeuge montiert wird. Legwan ist ein für Polen gebauter K151 Raycolt – ein Militärfahrzeug, das von Kia in Südkorea hergestellt wird.
Durch die kleinere Größe als ein Lkw und die mit bis zu 130 km/h höhere Geschwindigkeit könnte ein Legwan schneller einen Ort erreichen, der in der kalkulierten Flugbahn der russischen Drohne, aber nicht in Reichweite der semi-stationären Drohnen-Batterien ist.