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Dieser Helm lässt Stürze einfach „abperlen“

Man könnte meinen, dass ein Fahrradhelm ein relativ simples Produkt ist. Ein bisschen Plastik, Styropor und ein paar Riemen, fertig. Doch wer so denkt, hat weit gefehlt. In den Entwurf und die Konstruktion der Helme fließen viel Forschung und Ingenieursarbeit. Mit gutem Grund, denn im Ernstfall kann die Qualität eines Fahrradhelms darüber entscheiden, ob man bei einem Unfall mit ein paar Schrammen wieder aufsteht oder schwere Verletzungen erleidet. 

Eine neue Technologie, die mehr Schutz bieten soll, ist RLS. Von außen ist sie kaum zu erkennen. RLS-Helme schauen mehr oder weniger genauso aus wie andere Fahrradhelme. 

Um zu verstehen, was RLS bringt, muss man zuerst die möglichen Gefahren bei Radunfällen verstehen. Die einfachste und unmittelbare Form des Schutzes, die ein Helm bietet, ist die vor einem direkten Aufprall. Also die Kraft, die auf den Kopf wirkt, wenn man gerade mit dem Kopf auf den Asphalt knallt. 

Gefährliche Rotationskräfte

Da man am Rad bei einem Sturz in der Regel in der Vorwärtsbewegung unterwegs ist und dann im schrägen Winkel mit dem Kopf auf den Boden aufschlägt, entstehen zusätzliche Rotationskräfte. Wird diese Energie an den Kopf und somit an das Gehirn weitergegeben, droht eine Gehirnerschütterung oder noch schwerere Verletzungen. 

Ein Helm, der lediglich vor dem direkten Aufprall schützt, fängt nur die direkt einwirkende Kraft ab. MIPS und RLS sollen hingegen auch die Rotationskräfte abmildern. Während es MIPS bereits seit Längerem gibt, ist RLS relativ frisch am Markt. 

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Entkoppeln

RLS steht für Release Layer System. Simpel heruntergebrochen kann man sagen, dass sich bei einem Sturz die Außenschale des Helms ablöst, um die Rotationskräfte so abzufangen. 

Damit das möglich wird, befinden sich an der Außenseite Panels, die auf einer Schicht aus kleinen Polycarbonat-Kugeln liegen, ähnlich wie bei einem Kugellager. Schlägt man dann auf den Boden (oder ein anderes Hindernis auf), setzen sich die Panels in Bewegung, indem sie auf den Kugeln „rollen“. Das funktioniert in jede Richtung. Damit wird die Bewegungsenergie abgefangen und nicht direkt auf den Kopf übertragen. 

Die Erfinder sprechen von den 3 Schritten des Schutzsystems, „React“, „Roll“ und „Release“. Bei „React“ reagiert das System auf den Aufprall. Durch das Rollen der äußeren Schicht auf den Kugeln, wird Energie abgeleitet. „Release“ ist dann der letzte Schritt, wo die Panels weggleiten. 

In Tests reduzierte das System die Rotationsgeschwindigkeit um bis zu 66 Prozent und senkte das Risiko für Hirnverletzungen damit um bis zu 86 Prozent. Auch unabhängige Tests bescheinigen dem System gute Wirksamkeit. Die Virginia Tech University gilt als die Goldinstanz für unabhängige Helmtests. Dort wird auch explizit das Risiko von Gehirnerschütterungen bewertet. Aktuell finden sich in der Bestenliste 2 Helme mit RLS in den Top-3-Modellen.

Hintergrund

Die Technologie dahinter wurde vom gleichnamigen britischen Unternehmen entwickelt. Ausgangspunkt war ein schlimmer Fahrradunfall in London, dessen Zeuge Gründer Jamie Cook in London wurde, wie er im Gespräch mit der futurezone erzählt. „Ich realisierte, dass die meisten Helme im Grunde alle gleich sind und es seit Jahrzehnten keine nennenswerten Innovationen gegeben hat“, so Cook. Er ist auch Mitgründer von Hexr, einem Unternehmen, das 3D-gedruckte Helme herstellt.

„Wir haben an 3D-Druck-Strukturen geforscht, um den herkömmlichen Schaumstoff in Helmen zu ersetzen. Dabei stellten wir eher zufällig fest, dass sich die Außenschale beim Aufprall ablöste. Das war ein völlig neuer Denkansatz, um gefährliche Kräfte zu reduzieren“, erzählt Cook. Genau das war der Ausgangspunkt der Idee. 

„Wenn ein schwerer Aufprall erfolgt, reagiert das System sofort: Die Platten lösen sich, die Lager rollen frei in jede Richtung und die Energie wird vom Gehirn weggelenkt“, erklärt Cook das Prinzip von RLS. Laut Studien liegt das Risiko einer Gehirnerschütterung bei einem Fahrradunfall mit 23 km/h mit einem herkömmlichen Helm bei etwa 60 Prozent. Mit der Technologie reduziert sich diese auf etwa 15 Prozent

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Was ist MIPS?

Eine etablierte Alternative zu RLS ist MIPS - Multi-directional Impact Protection System. Der große Unterschied zu RLS ist, dass die Rotationskräfte nicht über die Außen-, sondern über das Innere abgeleitet werden. Das System besteht im Kern aus einer beweglichen, meist gelben Kunststoffschale im Inneren des Helms, die direkt unter der Polsterung liegt. 

Diese sogenannte Gleitschicht ist über elastische Halterungen mit der Helmschale verbunden und erlaubt es dem Kopf, sich im Moment des Aufpralls um etwa 10 bis 15 Millimeter in alle Richtungen zu bewegen. Durch dieses minimale „Mitgehen“ wird die Rotationsenergie umgeleitet und absorbiert, bevor sie das Gehirn erreicht.

Helme verschiedener Hersteller

Das Unternehmen hinter RLS stellt mit Hexr selbst Helme im 3D-Druck-Verfahren her, die die Technologie implementiert haben. Gleichzeitig wird sie auch an andere Hersteller lizenziert. So verfolge man laut Cook das „Ingredient Business Model“. Vergleichbar etwa mit „Gore-Tex“ bei Bekleidung, soll RLS bei Helmherstellern anderer Marken implementiert werden. Der populäre deutsche Fahrradhersteller Canyon hat etwa bereits einen RLS-Helm im Sortiment

Wer aktuell einen Helm mit RLS möchte, muss dafür noch relativ viel Geld auf den Tisch legen. Die wenigen Helme, die damit ausgestattet sind, starten bei mindestens 160 Euro. Viel Geld, wenn man bedenkt, dass man gewöhnliche Fahrradhelme heute schon ab etwa 20 Euro bekommt. 

Auch Cook gibt offen zu, dass solche Systeme oft in teuren Premium-Helmen starten. Er betont jedoch explizit: „Wir gehen davon aus, dass diese Lösungen in naher Zukunft billiger und sogar noch effektiver werden.“ Bis dahin bleibt die Technologie ein Sicherheits-Upgrade für jene, denen ihr Kopfschutz ein Investment wert ist.

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Thomas Prenner

ThPrenner

KURIER-futurezone Chefredakteur. Beschäftigt sich viel mit Dingen, die man täglich nutzt und schreibt darüber. Sitzt außerdem gerne am Fahrrad.

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