Science

Forschen in der Freizeit: 6 Citizen-Science-Projekte zum Mitmachen

Viele wissenschaftliche Fragen lassen sich am besten beantworten, wenn Forscherinnen und Forscher auf eine große Menge an Daten zurückgreifen können. Diese zu erheben sprengt aber oft ihre Möglichkeiten, weshalb sie die Öffentlichkeit miteinbeziehen: Citizen-Science-Projekte laden Bürgerinnen und Bürger explizit ein, an Forschungsprojekten mitzuwirken. 

Meistens braucht man zum Mitmachen nur ein Smartphone, mit dem man etwa Pilze oder Wildtiere fotografiert, oder in Weltraum-Teleskop-Aufnahmen sogenannte Einsteinringe oder Kometen ausfindig macht und markiert. Wir stellen 6 Projekte vor.

Für Schwammerlsucher: Pilzdaten-Austria.eu

Wer gern Pilze sucht oder regelmäßig durch den Wald spaziert, könnte mit Pilzdaten-Austria.eu seine Freude haben. Das Projekt dokumentiert das Vorkommen verschiedener Pilze im Land. Daraus entsteht eine dynamische Karte von derzeit über 17.000 Arten und über 80.000 Fundorten.

Screenshot der Verbreitungskarte für Eierschwammerl in Österreich.

Diese Verbreitungskarte sowie die dahinterliegende Datenbank helfen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern bei der Überwachung der Biodiversität. Zusätzlich lässt sich damit nachvollziehen, wie sich verschiedene Arten an die Erderwärmung anpassen, also ob bestimmte Pilze im Jahresverlauf später oder länger auftauchen. In Zukunft soll mithilfe der Daten ein interaktives Pilzbestimmungstool entwickelt werden.

Interessierte können eigene Funde auf Pilzdaten-Austria.eu eintragen – idealerweise mit genauem Fundort und Begleitbäumen. Wer sich bei der Bestimmung gesammelter Exemplare unsicher ist, kann jeden Montag von 17 bis 19 Uhr zur Pilzauskunft der Österreichischen Mykologischen Gesellschaft (Rennweg 14, 1030 Wien) kommen. Alle Fundmeldungen auf der Webseite werden vor Veröffentlichung geprüft, um die Qualität der Daten zu sichern.

Für Gourmets: Historische Kochbücher entziffern

Kochrezepte werden heute oft in Videos weitergegeben – vor 300 Jahren waren dagegen handgeschriebene Bücher das Medium der Wahl. Sie helfen heute dabei, historische Speisen originalgetreu nachzukochen und geben Historikerinnen und Historikern Aufschluss über Essgewohnheiten, verfügbare Zutaten und kulinarisches Wissen der Vergangenheit.

Das Wien Museum hat 44 handgeschriebene Kochbücher aus dem 18., 19. und frühen 20. Jahrhundert in seiner Sammlung. Deren über 7.700 Seiten stehen derzeit eingescannt auf der Plattform crowdsourcing.wien zur Verfügung. Damit sie auch einfach lesbar und verstehbar werden, sind Citizen Scientists gefragt.

Auf der Plattform crowdsourcing.wien kann man die historische Forschung unterstützen.

Nach der Registrierung kann man auf der Plattform Kochbuchseiten transkribieren, sowie die Transkriptionen anderer Nutzerinnen und Nutzer prüfen. Eine Buchstabentabelle hilft beim Entziffern der Kurrentschrift.

Für Stadtstreuner: StadtWildTiere

Auch in der Stadt kann es passieren, dass man Wildtiere quasi vor der Haustür trifft – vor allem nachts. Das Projekt StadtWildTiere will ihr Vorkommen tracken, um diese heimlichen Siedlungsbewohner besser schützen zu können. Unter www.stadtwildtiere.at/melden kann man eine Sichtung mit Fotos und weiteren Informationen einreichen. Hier prüfen Expertinnen und Experten ebenfalls jede Einreichung, um die Datenqualität zu sichern.

Hin und wieder wagt sich auch ein Fuchs in urbanes Gebiet (Symbolbild).

Auch tote Tiere sind für die Forscherinnen und Forscher interessant. Insbesondere interessieren sie sich für die Beutetiere von Hauskatzen. Wenn einem die Mieze also mal wieder eine Maus auf die Türschwelle legt: Smartphone zücken und eintragen. Wer sehr motiviert ist, bringt den Kadaver zum Ludwig Boltzmann Institut für Wissenschaftsvermittlung und Pandemievorsorge der MedUni Wien. Hier wird das tote Nagetier auf Krankheitserreger untersucht, sodass deren Verbreitung im urbanen Raum genauer bestimmt werden kann.

Für scharfe Augen: Gravitationslinsen-Suche

Das europäische Weltraumteleskop Euclid kartografiert seit 2023 das Universum. Dabei werden detaillierte Bilder aufgenommen, in denen sich sogenannte Einsteinringe verstecken. Sie entstehen, wenn die Schwerkraft eines massiven Objekts das Licht biegt und somit ein dahinterliegendes Objekt vergrößert. Das sieht ein wenig so aus, als würde man Licht durch den Boden eines Weinglases beobachten. Das Phänomen nennt sich Gravitationslinseneffekt. Und genau danach kann man jetzt im Projekt Space Warps suchen. 

➤ Mehr lesen: “Extrem seltenes Phänomen”: Forscher finden "zufällig" Einstein-Ring

Im Projekt sind alle aufgefordert, die hochauflösenden Bilddaten genauestens auf solche Einsteinringe zu untersuchen. 300.000 Aufnahmen wurden bisher mithilfe von KI vorausgewählt, in denen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich mehr als 10.000 neue Linsen erhoffen. Über die Website klickt man sich durch diese Vorauswahl und markiert auf den Bildern, wo man einen Einsteinring vermutet.

500 starke Gravitationslinsen wurden bereits gefunden. Sie waren in den ersten 0,04 Prozent der Euclid-Daten verborgen. Das Teleskop sammelt täglich etwa 100 GB an neuem Material und damit die Chance auf neue Einsteinringe.

Für Himmelsgucker: Kometenjagd

Kleinere Himmelskörper im All unterscheiden sich durch ihre Zusammensetzung. Während Asteroiden oft aus Gestein und Metallen bestehen, bestehen Kometen meist aus Eis und Staub. Aus der Ferne unterscheidet man sie am leichtesten am Schweif, den Kometen hinter sich herziehen. Er entsteht, wenn sie sich der Sonne so weit nähern, dass das Eis schmilzt. Mit dem Projekt Rubin Comet Catchers der Vera C. Rubin Sternwarte, kann jetzt jeder auf Kometenfang gehen. 

Das Objekt in diesem Bild hat einen Schweif - und dürfte somit ein Komet sein.

Teilnehmer und Teilnehmerinnen suchen auf Schwarzweiß-Bildern nach einem Schweif oder einer sogenannten Koma. Das ist eine nebelhafte Hülle aus geschmolzenem, ionisiertem Material, die sich um einen Kometen legt. Dabei gilt es zu vergleichen, ob tatsächlich eine Koma oder ein Schweif zu sehen ist, oder es sich stattdessen z. B. um einen Aufnahmefehler oder kosmische Strahlung handelt. Das Projekt hilft den Astronomen dabei, diese Objekte in den Aufnahmen zu finden, um sie künftig tracken und untersuchen zu können.

Für Wolken-Beobachter: Suche in der Marsatmosphäre

Die NASA-Sonde MAVEN wurde zwar kürzlich abgeschaltet, nachdem die Verbindung abbrach, doch sie hinterlässt eifrigen Forscherinnen und Forschern ein großes Erbe. Ihr Instrument IUVS erfasste die Marsatmosphäre in ultraviolettem Licht, um ihre Bestandteile zu untersuchen. Seit 2014 sammelte MAVEN täglich 4,5 Stunden an Aufnahmen. Um in diesem riesigen Datenschatz verschiedene Wolkenformen zu finden, können alle beim Projekt Cloudspotting mithelfen. 

Die bunten Marker lassen sich auf der Mars-Aufnahme platzieren, wo man die jeweilige Wolkenart entdeckt hat.

Gefragt ist das Identifizieren von Wassereiswolken und ihrer Form. Dafür macht man sich nicht nur besser mit der Oberfläche des Roten Planeten und seiner Krater vertraut, sondern lernt auch Wolkenformationen wie z.B. Scheiben oder Wirbel zu unterscheiden. Entdeckt man auf einer Aufnahme eine oder mehrere der vorgeschlagenen Wolken-Typen, setzt man seinen Marker auf die jeweilige Stelle. 

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Jana Wiese

interessiert sich besonders für die gesellschaftlichen Auswirkungen von Technologie und Wissenschaft. Mag das offene Web, Podcasts und Kuchen, (food-)bloggt seit 2009.

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Franziska Bechtold

frau_grete

Liebt virtuelle Spielewelten, Gadgets, Wissenschaft und den Weltraum. Solange sie nicht selbst ins Weltall kann, flüchtet sie eben in Science Fiction. Co-Host des Podcast "Raumfahrtgeschichten".

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