Science

Rücken-Wearables: Per Vibrationsalarm zur besseren Haltung

Wer im Büro arbeitet, wird sie wohl früher oder später kennenlernen: Verspannungen und Schmerzen im Nacken und Rücken. Was zunächst harmlos klingt, kann die Lebensqualität enorm einschränken. 

Nicht selten führen die Beschwerden auch zu Arbeitsunfähigkeit: 2025 gab es österreichweit mehr als 650.000 Krankschreibungen aufgrund von Nacken- oder Rückenschmerzen, heißt es von der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK). Etwa ein Viertel der Bevölkerung leide sogar chronisch daran.

Kein Kausalzusammenhang zwischen Sitzen und Schmerzen

„Unser Körper kann sich vielschichtig bewegen und unser Berufsalltag ist oft sehr stark sitzend, 6 bis 8 Stunden lang. Wenn der restliche Alltag nicht von Bewegung geprägt ist und keinen Ausgleich bietet, kann es zu Beschwerden kommen“, erklärt Physiotherapeut Lukas Berger-Maul

Er ist am Forschungszentrum Digital Health and Care der Hochschule Campus Wien (HCW) und als Netzwerkkoordinator Digitalisierung und Technologie beim Berufsverband Physio Austria tätig und verbringt daher selbst viel Zeit im Sitzen und vor Bildschirmen. Aber: „Es ist kein Kausalzusammenhang, dass man durch Schreibtischtätigkeiten alleine Nacken- oder Rückenschmerzen bekommt“, betont er.

Lukas Berger-Maul ist Physiotherapeut und forscht an der Hochschule Campus Wien. Beim Berufsverband Physio Austria ist er für Digitalisierung zuständig.

Dauer und Monotonie der Belastung

Das größte Problem am klassischen Schreibtischjob sei die Dauer und Monotonie der Belastung, sagt Richard Crevenna, Vorstand der Universitätsklinik für Physikalische Medizin, Rehabilitation und Arbeitsmedizin in Wien. Wenn man durchgehend auf dem Bürosessel sitzt, ohne sich zu bewegen, werde die Wirbelsäule einseitig belastet. 

Die Durchblutung und die muskuläre Aktivität vermindern sich. Langfristig begünstige dies unspezifische Rückenschmerzen und Nackenbeschwerden. Anspannung, Stress und vorhergehende Verletzungen erhöhen das Risiko zusätzlich.

Mythos „gute Haltung“

Die eine „richtige“ beziehungsweise „gute“ Haltung, die einen beschwerdefrei hält, ist jedoch ein Mythos. „Es gibt keine dauerhaft ideale Haltung. Entscheidend ist hier eher die Variabilität statt der Perfektion“, sagt Crevenna. Ein guter Arbeitsplatz muss seiner Einschätzung nach deshalb adaptierbar sein. 

Beim Sessel sollte man etwa Sitzhöhe, Rückenlehne und Lordosenstütze individuell einstellen können. Die Höhe des Tischs sollte zur Ellenbogenhöhe passen und im Idealfall so zu verändern sein, dass man auch im Stehen arbeiten kann. Den Bildschirm sollte man auf Augenhöhe positionieren, um eine zu starke Vorneigung des Kopfes zu vermeiden.

Univ. Prof. Dr. Richard Crevenna ist Vorstand der Universitätsklinik für Physikalische Medizin, Rehabilitation und Arbeitsmedizin in Wien.

Ziel ist das sogenannte „dynamische Sitzen“, denn auch eine vermeintlich „korrekte“, „gerade“ Haltung kann eben auf Dauer schaden. Diese sei ohnehin nicht generalisierbar, meint Physiotherapeut Berger-Maul: „Jeder Mensch ist in sich individuell, was Haltung und Bewegung betrifft.“

Bewegung in den Arbeitsalltag einbauen

Statt von „Fehlern“ beim Sitzen zu sprechen, will er lieber positive Verhaltensweisen hervorheben. Dazu zählt allem voran die Möglichkeit, die eigene Haltung auch an einem Computerarbeitsplatz häufig zu wechseln. Daneben schlägt er vor, wo immer möglich Bewegung einzubauen – also die Stiegen statt den Lift zu nehmen, in der Mittagspause mal spazieren zu gehen oder für den Kaffee mit den Kolleginnen und Kollegen vom eigenen Platz aufzustehen. Vor allem Letzteres sei nicht zu unterschätzen, denn psychosoziale Faktoren spielten ebenfalls eine große Rolle, betont der Physiotherapeut. 

Arbeitsmediziner Crevenna empfiehlt Bewegung zur Routine zu machen, zum Beispiel immer beim Telefonieren aufzustehen. Mittlerweile gibt es auch allerlei technische Hilfsmittel, die einen an die eigene Haltung bei der Schreibtischarbeit erinnern sollen. Dazu zählen zum Beispiel Apps für Smartphone oder Computer, die einen in regelmäßigen Abständen auffordern, sich doch mal zu bewegen.

➤ Mehr lesen: Selbsttest: Kann eine Ergo-Maus bei einer Sehnenscheidenentzündung helfen?

Digitale Haltungstrainer

Wem das nicht reicht, der könnte einen digitalen Haltungstrainer ausprobieren. Diese Gadgets versprechen, die eigene Haltung zu erfassen und per Vibrationsalarm oder App Feedback zu geben.

Upright Go kann man sich zwischen die Schulterbläter kleben.

Der US-amerikanische Hersteller Upright brachte bereits 2017 sein erstes Wearable auf den Markt: Upright Go ist ein kleines weißes Kästchen, das man sich per Silikonpad zwischen die Schulterblätter klebt. 

Der integrierte Sensor erfasst, wenn man in eine bucklige Haltung fällt und vibriert, um den Träger oder die Trägerin darauf aufmerksam zu machen. Es ist ab umgerechnet 64 Euro erhältlich und damit unter den günstigsten Wearables in diesem Bereich. Die futurezone hat ihn 2018 getestet.

➤ Mehr lesen: Gadget erinnert ans Geradesitzen: Upright Go im Test

Der PostureControl Haltungstrainer von 8sense by beurer (etwa 110 Euro) funktioniert nach demselben Prinzip, nur klebt man ihn nicht auf die Haut. Stattdessen kann man ihn per Clip am Hemdkragen fixieren.

PostureControl von 8sense by beurer kann man sich an den Kragen clippen.

Sensorstreifen fürs Unterhemd

Diese beiden Wearables haben allerdings einen Nachteil: Sie messen nur an einem Punkt der Wirbelsäule und können die Haltung damit bloß begrenzt abbilden. Das Startup MinkTec aus Braunschweig hat deshalb FlexTail entwickelt, einen Sensorstreifen für die Wirbelsäule, der in ein enganliegendes Shirt integriert wird. „Das ist ein präziser Alltagsbegleiter, mit dem man in der ‚Rectify‘-App die eigene Körperhaltung tracken kann“, erklärt Mitgründer und Geschäftsführer Benjamin Holmer.

Benjamin Holmer ist Mitgründer und Geschäftsführer von MinkTec, das Rectify entwickelt hat.

Die Auswertung in der App biete explizit keine Diagnose, allerdings schlägt sie Nutzerinnen und Nutzern ein individuelles Präventionstraining vor. Holmer, der den 30 Gramm leichten Sensorstreifen im Alltag immer trägt, demonstriert beim Interview wie das funktioniert. 

Übungsvideos

Er macht einen Buckel, und sein Avatar in der App tut es ihm gleich: „Mir wird angezeigt, dass ich mit den Schultern viel durchhänge. Da sollte ich meine Brustwirbelsäule aufrichten und die Schultern nach hinten bringen.“ Die Rectify-App schlägt ihm außerdem Übungsvideos von einer, 2 oder 5 Minuten Länge vor. „Bei dieser Übung hier zeigt mein Kollege, Sportwissenschaftler Ramin Waraghai, wie ich mich auf eine Matte legen und meine Finger hinter dem Kopf in die Matte hineingraben soll“, beschreibt Holmer.

Einen Vibrationsalarm, der an den Haltungswechsel erinnern soll, gibt es auch bei Rectify. Das Ziel sei allerdings, die Nutzerinnen und Nutzer zu regelmäßigen Bewegungsübungen anzustiften. Dafür enthält die App auch spielerische Elemente, man kann Punkte sammeln und mit anderen um die Wette trainieren. 

In Deutschland von Krankenkassen unterstützt

In Deutschland wird Rectify von vielen Krankenkassen bezuschusst, auch einige Arbeitgeber mieten den Sensorstreifen, um Angestellte zu mehr Bewegung im Job anzuregen. Einzelkunden können das Gerät mit Shirt und App-Zugang um 249 Euro für 8 Wochen ausleihen

ISA von Deep Care (ab 22 Euro pro Monat) verfolgt einen anderen Ansatz. Es versteht sich als ganzheitlicher Gesundheitscoach für den Schreibtisch. Das Gerät mit großem Display misst u. a. die Luftqualität und Lärmbelastung am Arbeitsplatz, erfasst aber per Kamera auch die Körperhaltung und wie oft man für Pausen aufsteht.

Kein Ersatz für Physiotherapie

Arbeitsmediziner Crevenna findet Haltungs-Gadgets potenziell nützlich: „Solche Systeme können hilfreich sein, wenn sie als Verhaltensfeedback eingesetzt werden“, denn sie könnten das Körperbewusstsein schärfen. Allerdings müsse man aufpassen, sich nicht zu sehr auf die Haltung zu fokussieren, sondern die Bewegung im Blick zu behalten.

Berger-Maul, der in seiner Forschung an der HCW selbst viel mit Sensortechnologien zu tun hat, betont, dass es auf die individuellen Nutzerinnen und Nutzer ankommt: „Das kann für manche sehr hilfreich und bewegungsunterstützend sein. Es ist immer die Frage, ob das eine Person motiviert, sich mehr zu bewegen.“ 

➤ Mehr lesen: Die besten Lauftraining-Apps für iOS und Android

Unabhängig davon, welche App oder welches Gadget man zur Unterstützung der eigenen Gesundheit ausprobiert, sollte man immer darauf achten, was mit den erhobenen Daten passiert: „Sind das Daten, die ich für mein eigenes Wohlbefinden sammle, oder hat vor allem irgendein Unternehmen etwas davon?“ Und: Bei der tatsächlichen Krankenbehandlung brauche es eine solide Diagnosegrundlage und professionelle Hilfestellung im Genesungsprozess, also etwa Physiotherapie, unterstreicht Berger-Maul.

Klicken Sie hier für die Newsletteranmeldung

Hat dir der Artikel gefallen? Jetzt teilen!

Jana Wiese

interessiert sich besonders für die gesellschaftlichen Auswirkungen von Technologie und Wissenschaft. Mag das offene Web, Podcasts und Kuchen, (food-)bloggt seit 2009.

mehr lesen