Bunte Regenschirme (Symbolbild)
Können wir Sonne und Regen bald per App bestellen?
Es ist ein heißer Julitag im Sommer 2050 in Wien. Auf einem Dashboard sehen sich Wetterplaner viele Werte an: Sonnenstrahlung, Wolkenbildung und Schadstoffbelastung. Eine KI gibt genaue Empfehlungen: Die Zeit für einen Regenguss sei gekommen. Abends würde sie noch extra Sonnenstrahlung für Solarparks anfordern.
Dieses hypothetische Zukunftsszenario klingt nach Märchen wie „Frau Holle“. Amerikanische Start-ups wollen aber schon bald ähnliche Services anbieten. Rainmaker schickt Drohnen in Wolken und bringt diese zum Regnen, um Landwirten in Dürreperioden zu helfen. Pilotversuche laufen bereits in den US-Bundesstaaten Utah und Oregon.
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Nächtliche Sonne für Solarparks
Die Firma Reflect Orbital arbeitet an einer Art „Sonne auf Bestellung“: Mit Spiegeln im All will sie Sonnenstrahlung umlenken und so auch zu dunklen Zeiten bereitstellen. Per App soll man einen Radius angeben, der dann bestrahlt wird. Die Firma sagt, dass man damit Solarparks, Straßen und Rettungseinsätze nachts beleuchten könnte.
Kontrolle der Atmosphäre
Sogenanntes „Cloud Seeding“, wie es Rainmaker macht, wird seit Jahrzehnten angewandt. „Das machen wir auch in Österreich bei Gewitterwolken zur Hagelunterdrückung“, sagt Andreas Schaffhauser, wissenschaftlicher Direktor der Geosphere Austria. „Man fliegt z. B. mit einem Flugzeug durch eine Wolke und bringt ein Aerosol ein. Dadurch formen sich Tröpfchen oder Eiskristalle, die größer werden,“ erklärt die Atmosphärenphysikerin Andrea Stöllner vom Institute of Science and Technology Austria (ISTA). Viele Forscher sind dennoch skeptisch, was die Methode tatsächlich bringt, weil Atmosphärenvorgänge so komplex sind.
Die technische Beeinflussung von Sonnenstrahlen nennt man auch „solares Strahlungsmanagement“. Meistens geht es aber darum, Sonnenlicht von der Erde wegzulenken. - „Die Sonne zu dimmen, damit die Erderwärmung aufgehalten wird“, erklärt Stöllner. Was Reflect Orbital macht, ist eher die Ausnahme.
Überlegt wird etwa, die Atmosphäre zu stabilisieren oder Wolken aufzuhellen. Die Wirkung sei aber unklar. „Die Atmosphäre ist ein komplexes System. Das heißt, wenn ich irgendwo die Bedingungen ändere, dann ändere ich auch ein sensibles Gleichgewicht,“ erläutert Schaffhauser.
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KURIER Live SPEAK OUT
Das Event bringt Nachhaltigkeit und Innovation auf eine Bühne und versammelt Menschen, die Wandel aktiv mitgestalten wollen. Denn die Zukunft ist kein Trend, sondern ein gemeinsames Projekt, das frische Ideen, Dialog und konkretes Handeln braucht.
Freuen Sie sich auf inspirierende Keynotes, spannende Workshop-Sessions und wertvolle Networking-Möglichkeiten. Ein Panel thematisiert Geoengineering, Wetterbeeinflussung und künstliche Regenmacher.
Die Veranstaltung findet am 9. Juni 2026 zwischen 9.30 Uhr und 17 Uhr statt. Tickets und weiterführende Informationen finden Sie auf speakout.kurier.at.
Überheblichkeit passt zum Zeitgeist
Ideen, wie die von Rainmaker und Reflect Orbital, klingen zwar innovativ, werfen aber gleichzeitig viele Fragezeichen auf. Der Sachbuchautor und Physiker Florian Aigner beobachtet solche „Geoengineering“-Projekte seit Jahren. „Die Leute wollen ihr Unternehmen als etwas hinstellen, das übermächtig ist und in die Gegebenheiten der Natur eingreifen kann. Es ist ein Marketing-Gag“, meint er. Es gehe darum, Investoren zu überzeugen. „Es ist auch ein Symptom unserer Zeit, dass man sich maximal überhöhen und als Superstar darstellen kann, der Macht über Wetter und die Naturgesetze hat“, sagt Aigner.
„‘Schnipp und jetzt verschwinden alle Wolken’ zu sagen, ist nicht möglich“, sagt Schaffhauser. Die österreichische Wetterorganisation Geosphere Austria wird auch 2050 kein Wetter nach Wunsch erzeugen können.
Klimaveränderungen abmildern
In der Forschung interessiere man sich weniger für solche kleinräumigen Wetter-Eingriffe, sagt Stöllner. „Wenn dann ist es Klimabeeinflussung, über die geredet wird. Und von allen Klimaforschenden, die ich kenne, ist eigentlich niemand dafür.“
Es gibt etwa die Idee, Gletscher, in Gegenden wo viele Rußpartikel auf dem Eis landen, mit reflektierendem Material abzudecken. Auch die maschinelle Entfernung und Speicherung von CO2 aus der Atmosphäre wird in der Forschung ernsthaft diskutiert. Das Ziel derartiger Ideen wäre es, die Folgen der Erderwärmung abzumildern.
Streiten um Wasser und Sonne
Während Geoengineering zur Bewältigung der Klimakrise ernsthaft untersucht wird, wäre eine individuelle Wetterbestellung etwas anderes: Wenn Gemeinden, Bauern oder Unternehmen Sonne und Regen nach Bedarf bestellen könnten, wären Konflikte vorprogrammiert. Man stelle sich vor, der Nachbar beleuchtet seinen Weingarten um 23 Uhr mit Sonne aus dem All. „Es gebe Interessenskonflikte: Der eine hätte es gern dunkel, der andere hell“, meint Schaffhauser.
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Das Wasser aus den abgeregneten Wolken würde wiederum andernorts fehlen. „Ich glaube, dass wir auch politische Probleme kriegen würden, wenn wir das Wetter bestellen könnten,“ sagt Aigner. Man müsste sich viele Fragen stellen: Wer entscheidet, wo es regnet? Wer haftet für Schäden? Oder welches Land darf einem anderen das Regenwasser wegnehmen?
Geoengineering-Projekte stehen allgemein auch deswegen in der Kritik, weil sie als politische Ausrede gesehen werden. „Man muss aufpassen, zu sagen, solche Technologien lösen alle Probleme. Quasi als Lizenz zu sagen, wir machen weiter wie bisher“, meint Schaffhauser. „Aber wir müssen schauen, dass wir möglichst rasch zur Netto-Null bei der CO2-Emission kommen.“
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