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Reportage Philips: "Am Anfang steht immer ein Problem".

Foto: Claudia Zettel
In Klagenfurt betreibt Philips einen seiner wichtigsten Innovationsstandorte. Der Schwerpunkt liegt auf dem Bereich Consumer und Lifestyle: Geräte wie der Jamie-Oliver-Homecooker, die hier entwickelt werden, sind für den Weltmarkt bestimmt. Die futurezone hat für einen Tag hinter die Kulissen der Ideenschmiede geblickt.

In der Koningsbergerstraße 11 in Klagenfurt wird auf Sicherheit geachtet, der Zutritt zum Philips-Gelände ist nicht so ohne weiteres möglich. Nur mit Anmeldung, ausgestattet mit einem Besucherschildchen und in Begleitung eines Mitarbeiters darf man eintreten. Woran hier gearbeitet wird, ist streng geheim.

Am Innovationsstandort für den Bereich "Consumer Lifestyle", wie Philips es nennt, werden laufend neue Ideen und Konzepte für Produkte wie den im September vorgestellten Jamie-Oliver-Homecooker, Epiliergeräte oder Laser zur Hautverjüngung entwickelt. "Wir sind hier zuständig für kleine Küchengeräte und Beauty-Produkte für Frauen. Die Produkte, die wir entwickeln, werden nur hier gemacht - für den gesamten, weltweiten Markt", sagt Roland Waldner, Innovationschef bei Philips in Klagenfurt. 2012 wurde 50-jähriges Bestehen gefeiert, angefangen habe damals alles mit "einer bestimmten Art von Herren-Rasierern", erzählt Waldner.

Der Standort ist im Wesentlichen in zwei Bereiche unterteilt: Produktentwicklung und Produktionsbereich - wobei keine kompletten Geräte mehr gebaut, sondern nur noch bestimmte Einzelteile gefertigt werden. 70 Prozent der Komponenten - hergestellt werden etwa Schneideelemente für Barttrimmer oder Epilierköpfe - gehen nach China. Dort will Philips vor allem damit punkten, höhere Qualität als die Konkurrenz zu bieten. Insgesamt hat die Produktion in Klagenfurt 13 Abnehmer, teilweise werden Teile - etwa 40 Millionen Komponenten pro Jahr - auch zu anderen Philips-Produktionsstätten geliefert.

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Foto: Philips

Zurzeit sind insgesamt mehr als 350 Mitarbeiter in Klagenfurt beschäftigt. "Davon arbeitet etwa die Hälfte im Bereich der Innovation, die andere Hälfte im Bereich der Produktion", sagt Ferdinand Sereinig, Site-Manager bei Philips Klagenfurt, der den Standort leitet. "Unser Entwicklungsbudget umfasst 20 Millionen Euro jährlich", so Sereinig weiter. Meist laufen an die 30 Projekte parallel.

Vom Problem zum Produkt
Am Anfang einer Produktentwicklung steht immer ein "Problem", sagt Waldner. "Es gibt grob gesagt zwei Auslöser für den Start eines Projekts: Entweder gibt es ein noch nicht ideal erfülltes Kundenbedürfnis, oder es gibt ein technisches Problem." Das heißt, dass nicht jedes Produkt, das in Klagenfurt in der Entwicklungsabteilung Thema ist, zwingend ein ganz neue Idee sein muss. Manchmal gebe es daher auch den Auftrag, etwas, das technisch noch nicht ideal gelöst ist, weiterzuentwickeln, sagt Waldner.

In jedem Fall aber starte die überwiegende Mehrheit - 95 bis 98 Prozent - der Projekte mit Analysen von Kundenbedürfnissen und der Frage, wo ein Produkt noch verbessert werden kann. Als Beispiel nennt der Innovationschef das Thema Gesundheit, das sich über die Jahre zu einem wichtigen Aspekt auch für den Bereich der Küchengeräte entwickelt habe. "Leute wollen schnell und bequem, aber gleichzeitig auch gesund kochen. Wir müssen darauf reagieren, welche Trends sich in der Welt entwickeln."

Kreative Prozesse
"Wenn du eine Idee hast, dann schreib sie sofort nieder", lautet das Credo bei Philips. "Die Mitarbeiter im Innovationsbereich haben eigene Ideenbücher, in denen sie ihre Gedanken festhalten", erklärt Waldner. Danach gehe es erst einmal darum, diese Ideen wieder zu vergessen, sie seien ohnehin im Ideenbuch vermerkt. "Später, wenn man diese Idee dann möglicherweise wieder braucht, kann man das Buch zur Hand nehmen und die Idee wieder hervorkramen. Zuerst einmal aber muss man versuchen, das Problem zu verstehen"; sagt Waldner.

Ist ein Projekt einmal angelaufen, wird vieles in intensiven Workshops erarbeitet, die sowohl intern mit den Mitarbeitern als auch mit Kunden, externen Beratern und Experten stattfinden können. Außerdem, gibt Waldner zu bedenken, komme es nicht darauf an, wie viele Ideen geboren werden, sondern von welcher Qualität diese sind. "Wenn mir jemand sagt, er hätte 5000 Ideen generiert, dann sag ich: Mein Beileid, wer schaut sich 5000 Ideen noch an?" Fixe Vorgaben, wie lange an einem Projekt arbeitet gibt es zwar nicht, aber es gebe natürlich schon bestimmte Deadlines, die anvisiert werden. "In der Regel dauern Projekte bis zur Fertigstellung ein Jahr", sagt Waldner.

Jährlich werden um die 80 Projekte bei Philips in Klagenfurt bearbeitet - das umfasst wirklich große Innovationen ebenso wie kleine Verbesserungen, etwa wenn es um Farbänderungen oder Design-Anpassungen gehe. Ernüchternd: Aus extrem wenigen angefangenen Projekte entsteht am Ende tatsächlich ein fertiges Produkt, das auch auf den Markt kommt. "Tatsächlich sind von 9127 niedergeschriebenen Ideen über 13 Jahre hin letztlich nur 15 Produkte wirklich auf den Markt gekommen", rechnet Waldner aus Aufzeichnungen in seiner Dissertation vor. Das sind umgerechnet also nur  0,14 Prozent aller Ideen. Nur weil etwas in Klagenfurt entwickelt wird, heißt das natürlich nicht, dass es auch in Österreich auf den Markt kommt. "Das tut uns oft tatsächlich leid, wenn hier Produkte entstehen, und sie dann gar nicht bei uns erhältlich sind", sagt Sereinig. Diese Entscheidungen werden allerdings auf anderen Managementebenen über die Zentrale in Amsterdam gefällt.

Externe Experten
Die Beschäftigten am Standort Klagenfurt kommen aus aller Welt, aus dem Ausland ebenso wie von Fachhochschulen und Unis in der näheren Umgebung. Philips befindet sich bei der Entwicklung aber auch in ständigem Austausch mit externen Experten und Forschungseinrichtungen. "Will man einen Entsafter bauen, muss man erst einmal auch über grundlegende Dinge wie die Beschaffenheit einer Karotte Bescheid wissen", sagt Waldner. Insbesondere, wenn es in den Bereich der Gesundheit geht, sind Fachleute gefragt und werden auch Ärzte und Dermatologen zu Rate gezogen. Teilweise werden Projekte auch an HTLs oder an FHs gegeben, wo sich dann Schüler- oder Studentengruppen damit befassen. "Open Innovation ist heute gar nicht mehr wegzudenken", sagt Waldner, man könne einfach nicht in jeder Hinsicht up to date sein, also würden selbstverständlich auch externe Experten miteinbezogen.

Fachkräftemangel und Werbung im Ausland
Prinzipiell hat man dennoch Schwierigkeiten, wirklich gute Fachkräfte und kreative Köpfe zu finden, räumt Sereinig ein. "Wir haben in den letzten Jahren bewusst darauf geachtet, auch Personen aus dem Ausland für unseren Standort zu bekommen", sagt Sereinig. "Wir entwickeln Produkte für den Weltmarkt, also hätten wir auch gerne internationale Teams." Allerdings sei es nicht einfach, Leute für den Standort zu begeistern, daher werden auch aktiv dafür geworben. "Was aber für uns spricht, ist, dass wir Teil eines großen Konzerns sind, und somit auch eine internationale Karriere in Aussicht stellen können", so Sereinig weiter. In der Regel bleiben internationale Mitarbeiter zwischen drei und fünf Jahren in Klagenfurt.

"Für viele ist es schwer, auf Dauer mit den Unsicherheiten umzugehen, die unser Bereich mit sich bringt", ergänzt Waldner. Es könne eben sein, dass man monatelange Arbeit in etwas investiere, woraus am Ende trotzdem nichts Konkretes entstehe. "Man muss hartnäckig sein und lernen, einen Bauchfleck zu machen und wieder aufzustehen. Das können nicht alle", sagt Waldner. Als Vorgesetzter habe er die Aufgabe, den Leuten im Team das Gefühl zu geben, dass es auch ok ist, wenn aus einem Projekt eben nichts wird.

Konsumentenforschung
Philips Klagenfurt betreibt auch ein eigenes Kundentestzentrum. Dabei steht ein Pool an 4000 bis 4500 Testpersonen zur Verfügung, die regelmäßig für Produkttests eingeladen werden. Grundsätzlich kann sich jeder zur Teilnahme melden. Die Leute erhalten dann Fragebögen und danach wird bestimmt, ob bzw. auch für welche Tests sich die Personen eignen. Die Auswahl erfolge anlassbezogen, so Philips. Die Testräume sehen aus, wie man es aus Film und Fernsehen kennt: Durch sogenannte Einwegspiegel, also Spiegel durch die man von einer Seite hindurchschauen kann, werden die Testpersonen beim Ausprobieren der Produkte beobachtet. Das bringe zusätzliche Erkenntnisse, etwa wie jemand mit einem Gerät hantiert. Davon abgesehen wird jeder Testperson ein Betreuer zur Seite gestellt, während die Tests laufen.

Nicht immer wird aber mit Einzelpersonen getestet, die Methoden sind vielfältig. So kommen auch Gruppendiskussionen zum Einsatz, ebenso gibt es Fälle, in denen Produkte Testpersonen nach Hause geschickt werden, um sie im Alltag auszuprobieren. Auch die Komplexität der Tests hat unterschiedliche Ebenen, es kann um die technische Handhabung gehen, ebenso aber auch um Farbe und Design. Natürlich werde auch länderspezifisch abgetestet. "Ein Produkt muss in Brasilien vielleicht anderen Kritierien entsprechen als es bei uns in Österreich der Fall ist", heißt es seitens Philips.

Da die Geräte aus dem Beautybereich, die in Klagenfurt entwickelt werden, hauptsächlich auf Frauen ausgelegt sind, wird auch hauptsächlich mit Frauen getestet. "Wir haben aber auch Männer mit dabei, es kommt natürlich auf das Produkt an. Tests mit dem Hautverjüngungslaser `ReAura` wurden beispielsweise auch mit Männern durchgeführt", erfährt man im Testcenter von Philips.

Zukunftspläne in schwierigen Zeiten
"Wir sind als Standort immer gefordert", sagt Sereinig. Eine Garantie, dass die Entwicklung auch in Zukunft dauerhaft in Klagenfurt bleiben wird, könne es natürlich nie geben. Dennoch zeigt sich der Manager zuversichtlich, man sei es auch gewöhnt, aufgrund der Entfernung zur niederländischen Zentrale "immer noch ein bisschen mehr zu tun". Das habe sich bisher ausgezahlt. In der Vergangenheit hat es schon mehrmals Auf-und-ab-Entwicklungen gegeben, die auch mit Kürzungen verbunden waren. "Gerade in den letzten Jahren sind wir aber wieder signifikant gewachsen", sagt Sereinig. Die Situation zurzeit sei stabil, wenngleich auch Philips von den wirtschaftlich schwierigen Zeiten betroffen sei und teilweise auch bei der Entwicklung spare. Einen allzu weiten Zukunftsausblick wagt Sereinig daher nicht, "für das nächste Jahr ist der Ausblick aber gut, unsere Budgets stehen".

In Zukunft steht der Kurs bei Philips in Klagenfurt jedenfalls weiter auf Richtung Internationalisierung. "Wir arbeiten immer stärker grenzüberschreitend", sagt Sereinig. So sei speziell auch die Nähe zu Slowenien und Italien bzw. die Zusammenarbeit in der Region ein wesentlicher Punkt. Demnächst wird sich Philips auch am Projekt einer internationalen Schule beteiligen, dieses wird gemeinsam mit der Firma Infineon umgesetzt.

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(futurezone) Erstellt am 23.11.2012, 06:00

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