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Interview Donald Knuth: "Ich wurde als Geek geboren".

Foto: Gerhard Deutsch
Der berühmte Informatik-Professor und Autor des Standardwerks "The Art of Computer Programming" besuchte anlässlich einer Veranstaltung der TU Wien Österreich. Die futurezone hatte Gelegenheit, sich mit Knuth über die Zukunft des Programmierens, seine manchmal absurden Studien sowie das Veröffentlichungsdatum seines neuen Buchs unterhalten.

Die Informatik hat viele Helden, doch nur wenige haben die Computerwissenschaften dermaßen geprägt wie Donald Knuth. Der mittlerweile 75 Jahre alte emeritierte Stanford-Professor sorgte 1968 mit dem ersten Band seines Standardwerkes "The Art of Computer Programming" für Aufsehen und begeisterte damit viele Menschen für die damals noch junge Wissenschaft. Anlässlich der Eröffnung der Vienna Gödel Lectures an der TU Wien besuchte Knuth Österreich und hielt dort auch eines seiner berühmten "All Questions Answered".

In diesen einstündigen Fragerunden, die er unter anderem auch bereits bei Google abhielt, stellt er sich jeder Frage, egal ob sie etwas mit Informatik zu tun hat. Die futurezone hatte bereits im Vorfeld Gelegenheit, sich mit Knuth ausführlich über seine turbulente Vergangenheit sowie seinen Plänen für die Zukunft zu unterhalten.

Donald Knuth
Foto: Gerhard Deutsch

Als Sie begonnen haben, mit Computern zu arbeiten, gab es die Informatik noch gar nicht - wie haben Sie dazu gefunden?
Es war so ähnlich wie bei einem Jugendlichen, der erkennt, dass er homosexuell ist - ich habe nun einmal entdeckt, dass ich ein Geek bin. Die Dinge, die mir einfach fallen, haben sehr viel mit Computern zu tun, deswegen fiel es mir von Anfang an einfacher, sie zu verstehen. Ich kann ein großes Problem betrachten und es in viele kleine Probleme zerlegen, sodass es irgendwann mathematisch lösbar wird. So ein Verständnis hat vielleicht eine einzige Person in einer Gruppe von 50 verschiedenen Menschen und das habe ich erstmals bemerkt, als ich knapp 20 Jahre alt war.

Kann man ein solches Talent auch lernen?
Es ist schwierig, irgendjemanden von der Straße zu nehmen und aus ihm einen guten Programmierer zu machen. Wenn er jung genug ist, versteht er vielleicht die Grundfunktionen und ich kann ihm ein paar Tricks beibringen, aber all das ist nicht nur eine Frage der Intelligenz, es verlangt vor allem einige seltsame Fähigkeiten.

Nimmt das Interesse am Programmieren ihrer Meinung nach ab?
Ich würde eher sagen, dass das Gegenteil der Fall ist, insbesondere wenn sie sich die Zahl der Informatik-Studenten ansehen. Ein wahrer Programmierer kann nachts nicht schlafen, weil er ständig über neue Ideen für Apps nachdenken muss. Die Zahl solcher Entwickler nimmt heutzutage vermutlich etwas schwächer zu, aber sie wächst dennoch. Solche Leute werden auch dringend benötigt.

Sie haben mit "Literate Programming" versucht, Programmiersprachen einfacher lesbar zu machen - wieso hat das nicht funktioniert?
Es ist nicht unbedingt gescheitert, ich bekomme immer noch E-Mails von Nutzern, die es gerne nutzen. Es wäre natürlich schön, wenn jeder diese Programmiermethode nutzen würde, denn dann wären unsere Systeme deutlich zuverlässiger, aber die derzeitigen Methoden funktionieren ebenso. Es fehlt einfach der Anreiz zum Wechsel, denn herkömmliches Programmieren ist vielen gut genug. Ein gutes Beispiel ist die Sprache Esperanto: Jeder, der diese künstliche Sprache spricht, sagt, dass sie deutlich logischer aufgebaut ist, als Sprachen wie Englisch oder Deutsch. Dennoch wechselt niemand auf Esperanto, weil der Wechsel aufwändiger wäre als der längerfristige Nutzen von Esperanto.

Sie bezeichnen sich auch selbst offen als Geek und gehen sehr humorvoll mit dem Thema um - was ist ihre liebste Erinnerung als Informatiker?
Das müsste wohl mein 64ter Geburtstag gewesen sein. In der Informatik gibt es ja das Binärsystem, in der Zahlen mit Hilfe von 0 und 1 dargestellt werden und in der Binärschreibweise wäre 64 exakt 1000000 - es war als mein millionster Geburtstag. Das sind die Zahlen, die wir Informatiker lieben und es freut mich auch besonders, dass die Beatles einen Song haben, der "When I`m Sixty-Four" heißt.

Einen ähnlichen mathematischen Scherz erlauben Sie sich auch, wenn jemand einen Fehler in ihren Büchern findet: Sie stellen dann einen Scheck über 2 Dollar 56 aus, einen sogenannten "Hexadezimal-Dollar".
Ja, ich habe gerade erst vor meiner Reise nach Österreich wieder 18 Schecks geschrieben. In meiner gesamten Karriere habe ich Belohnungsschecks in der Höhe von 30.000 bis 40.000 US-Dollar ausgestellt - aber viele Leute haben sie nicht eingelöst, weil sie sie als Trophäe behalten.

Suchen die Leute aktiv nach Fehlern oder passiert das meist zufällig?
Einige wollen einfach nur einen Scheck, aber sie wissen auch, dass ich meine Bücher gerne so genau wie möglich haben möchte. Ich bin also im Grunde genommen froh, wenn jemand einen neuen Fehler entdeckt. Und auch ihnen macht das Freude, denn sie konnten, obwohl die Bücher bereits von so vielen Leuten gelesen wurden, als Erste den Fehler entdecken.

Sie haben seit mehr als 60 Jahren mit Computern zu tun - hätten Sie sich zu Anfangszeiten der Informatik so etwas wie das Internet vorstellen können?
Ich war nie gut in Voraussagen, aber als das World Wide Web in den 90er Jahren aufkam, habe ich erkannt, dass es wohl Subkulturen zusammenbringen würde - also Gruppen, die die selben Interessen aufweisen, aber einander noch nicht kennen. Das habe ich bereits 1995 in einem Interview mit einem japanischen Journalisten so erzählt. Er hatte vermutlich keine Ahnung wovon ich rede, ich wahrscheinlich auch nicht, aber im Grunde genommen habe ich so etwas wie Facebook gemeint.

Donald Knuth
Foto: Gerhard Deutsch

In der Subkultur, die Sie als die Geeks bezeichnen, sind sie sehr bekannt - werden Sie auch manchmal auf der Straße erkannt?
Gelegentlich, aber ich brauche keine Security. Es ist nett, dass viele Menschen der Meinung sind, dass das was ich tue, nützlich ist, aber ich würde es auch so tun. Es ist auch ein wenig beängstigend, denn als ich jünger war, war ich mir dessen bewusst, dass ich ein wenig intelligenter als die meisten Menschen war und das gab mir Sicherheit. Mittlerweile hat sich das gedreht, ich bin bei weitem nicht so intelligent, wie die Leute es von mir erwarten und muss gelegentlich das Genie spielen.

Sie sind wohl auch einer der wenigen Wissenschaftler, die im Mad Magazine publiziert wurden und haben zeitweise recht kuriose Themen bearbeitet.
Ich versuche an mathematischen Themen zu arbeiten, die zu einem Muster führen, das nett anzusehen ist - etwas, das man sich auch an die Wand hängen würde. Es ist vergleichbar mit Musikern, die großartige Melodien lieben. Letztes Jahr habe ich ein Buch zu Weihnachten geschenkt bekommen, in dem einige Artikel des Mad Magazine zusammengefasst wurden und ich habe mich so gefreut, als ich meinen Namen auf der langen Liste der Autoren gefunden habe, neben so berühmten Namen wie Ernie Kovacs.

Eine ihrer ungewöhnlichsten Arbeiten war eine "statistische Analyse, welche Klopapier-Rolle auf öffentlichen Toiletten verwendet wird."
Ein Wissenschaftler muss überall nachdenken, wo er auch sitzen mag und dadurch lag die Frage geradezu auf der Hand, als ich in eine Toilette mit zwei Rollen Klopapier gekommen bin. In meiner Arbeit gibt es zwei verschiedene Gruppen, die "big chooser" und die "little chooser", also Personen, die entweder die größere oder die kleinere Rolle nehmen. Angenommen 51 Prozent der Leute sind "big chooser", dann bleiben die beiden Rollen bis zum Ende hin in etwa auf dem gleichen Niveau. Wenn allerdings die Mehrheit zu den "little choosern" zählt, ist eine Rolle recht schnell leer und die andere ist nahezu unberührt. Die mathematisch faszinierende Frage ist nun, wie dieser "Big Bang" in der Mitte entsteht. Meist treibt mich die reine Neugierde an und nicht etwa irgendein mögliches Anwendungsgebiet, aber oft genug haben solche Arbeiten Probleme gelöst, die tatsächlich irgendein industrielles Anwendungsgebiet haben.

Gab es jemals eine Situation, in der Sie sich schwer getan haben, Begeisterung zu zeigen?
Natürlich gibt es Bereiche, die auf den ersten Blick einfach nur langweilig sind und die scheinbar keinen Spaß machen, beispielsweise Programme für eine Bank zu schreiben, die Konten verwaltet. Aber selbst in solch einer Situation gibt es einen Weg, die Dinge auf eine kreative Art und Weise zu lösen, die einem Freude bereitet. Es ist ihre eigene Aufgabe nicht gelangweilt zu sein und herauszufinden, was der interessante Aspekt an einer bestimmten Aufgabe ist. Wer sich über Langeweile beklagt, gibt einfach nur zu, dass er nicht fähig ist, die Schönheit der Situation zu erkennen.

Es muss also nicht zwingend einen Nutzen bringen, solange es ihnen Freude bereitet?
Ich begeistere mich viel mehr für das Interesse an einem Thema als die möglichen Absatzzahlen eines Produkts, aber ich dürfte da etwas merkwürdige Ansichten haben. Als Wissenschaftler sind die intellektuellen Freuden viel wichtiger als jene klassische Freude, die durch chemische Vorgänge im Gehirn ausgelöst wird.

Donald Knuth
Foto: Gerhard Deutsch

Wenn es in den nächsten Jahren einen Durchbruch im Bereich der Quantencomputer geben würde, würden Sie ein neues Buch dazu verfassen?
Sollte das passieren, dann wären Menschen wie ich nicht sehr gut darin. Ich bin ein Geek, aber auf eine Weise, die sich mit der Programmierung von Quantencomputern nicht verträgt. Da muss eine andere Person durch. Ich könnte es versuchen, aber meine Denkweise unterscheidet sich einfach zu stark davon.

Einige Leute träumen von der Singularität, dem Zeitpunkt, ab dem sich Maschinen selbstständig verbessern und lernen können - halten Sie das für möglich?
Viele meinen es sei unmöglich, aber ich halte es durchaus für denkbar. Es gibt natürlich all diese paradoxen Szenarien, aber lassen Sie mich kurz einmal spekulieren: Angenommen diese wundervolle, künstliche Intelligenz kommt tatsächlich zustande, wäre das ein Beweis für das Konzept von Intelligent Design, denn es wäre möglich, dass diese künstlichen Lebewesen ebenso uns entworfen haben.

Sie sind für einen Wissenschaftler überraschend religiös.
Ich sehe keinen Konflikt in meinen Ansichten und meiner Arbeit. Es gibt Dinge, die auf ewig ein Geheimnis bleiben werden und ich gebe mich nicht der Illusion hin, dass ich alles wissen werde - aber das stört mich auch nicht. Ich würde ein Leben hassen, in dem es keine Geheimnisse mehr gäbe. Ich betrachte Religion nun einmal als diesen Versuch, einem unerreichbaren Ziel immer näher zu kommen, es aber nie endgültig einzukreisen. Andererseits finde ich es auch schön, dass ich wenigstens einige Dinge beweisen und erklären kann.

Sie selbst haben den Turing Award, der als Nobelpreis der Informatik bezeichnet wird, 1974 erhalten. Sollte die Nobel-Stiftung auch einen Preis für Informatik verleihen, wo sie doch jetzt ein so großer Teil unseres Lebens ist?
Preise sind etwas Gutes, auch wenn viele Leute meinen, dass es keine Form von Rangliste geben sollte. Es ist nett, wenn jemand gefeiert wird, der eine große Entdeckung gemacht hat, doch die Wahrheit ist schlussendlich, dass tausende Personen an diesen Dingen mitwirken. Das macht die Informatik so großartig, dass so viele zu dieser Wissenschaft beitragen. Doch auch wenn es die Leistung vieler ist, ist es dennoch schön, einige wenige hervorzuheben. Es gibt bereits genügend Preise für Informatiker, ich hoffe einfach nur, dass die Menschen die Informatik sowohl als Wissenschaft als auch als wirtschaftlichen Trend sehen.

Die wohl wichtigste Frage für viele ist: Wann kommt Ihr nächstes Buch?
Ich habe rund 150 Seiten geschrieben und hoffe, dass ich auf rund 900 kommen werde. Ich weiß nicht, wie viele Seiten ich noch schreiben kann. Ich hoffe, dass es rund 250 pro Jahr werden, aber es ist recht schwierig auf mein ursprüngliches Tempo zu kommen, denn ich habe ziemlich hohe Standards. Ich fühle mich sehr gut, aber irgendwann werde ich wohl nicht mehr in der Lage sein Bücher zu schreiben.

Einige ihrer Fans spekulieren damit, dass Volume 5 2020 erscheinen wird.
Das wäre schön, aber ich habe bereits mit mehreren Freunden über mögliche Strategien gesprochen. Derzeit gibt es zwei Modelle. Das erste Modell sieht vor, dass ich mich Thema um Thema vorarbeite und zunächst ein Kapitel fertigstelle, bevor ich mit dem nächsten beginne. Sollte ich dann einmal nicht in der Lage sein, meine Arbeit fortzusetzen, dann lasse ich jemand anderen übernehmen. Ich nenne dies das "Oxford Dictionary-Modell". Beim anderen Modell würde man auf meine zahlreichen Notizen zurückgreifen, die ich in den letzten Jahren angesammelt habe. So hätte ich statt einigen fertigen Kapiteln viele Einzelteile einer kompletten Geschichte, von denen ich mir die wichtigsten Kapitel aussuchen könnte und diese zuerst abarbeite. Es wäre zunächst ein Buch voller Lücken, aber vermutlich derzeit meine beste Strategie. Zur Zeit betreibe ich eine Mischung aus beiden Modellen, aber ich glaube fast, ich sollte mich etwas beeilen.

An Ruhestand denken Sie nicht?
Nein, nein, ich weigere mich, nichts zu tun. Das ist für mich keine Erholung. Ich kann mein Leben nur dann genießen, wenn ich auch etwas tue, das anderen nützt.

Donald Knuth (75) ist einer der renommiertesten Informatiker und gilt als "Vater der Analyse von Algorithmen". Er wurde vor allem durch den ersten Band seines Standardwerkes "The Art of Computer Programming" bekannt, das 1968 erstmals erschien und bisher in drei weiteren Bänden fortgesetzt wurde. Für seine Arbeit wurde er 1974 mit dem Turing-Preis, dem "Nobelpreis der Informatik", ausgezeichnet. Des weiteren entwickelte er das Textsatzsystem TeX, das sich zum Standard für wissenschaftliche Arbeiten entwickelt hat. Derzeit arbeitet Knuth an den kommenden Bänden von The Art of Computer Programming, das auf insgesamt sieben Bände ausgelegt ist.

(futurezone) Erstellt am 12.06.2013, 06:00

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