Zur mobilen Ansicht wechseln »

Peter Glaser: Zukunftsreich Eine Lebenshaltung namens Linux.

Foto: Uli Deck dpa/lsw
Es ist nicht einfach nur ein Betriebssystem, das den Zugang zum Computer verbessern will. Wie Missionare sind enthusiastische Linux-Menschen beseelt von dem Glauben, dass eine Linux-verwendende Welt eine bessere Welt wäre. Linux ist das Betriebssystem reinen Herzens.

Die Betreiber des Projekts Spacewatch an der Universität von Arizona sind auf das Aufspüren von Kleinplaneten spezialisiert. Am 12. Oktober 1994 entdeckten sie einen neuen Asteroiden und gaben ihm den Namen „(9885) Linux". Bereits 1992 waren die prominente freie Software GNU und ihr Initiator Richard Stallman an den Sternenhimmel versetzt worden (mit dem Asteroiden „(9965) GNU" und „(9882) Stallman" ). Am 16. Januar 1996 folgte schließlich mit „(9793) Torvalds" auch Linux-Begründer Linus Torvalds hinauf ans Firmament. Die Ehrungen vermitteln eine Vorstellung von der Bedeutung, die diese Software-Projekte und ihre Schöpfer haben.

Ein kometenhafter Aufstieg
Anfang der neunziger Jahre - zu der Zeit, als die vier Asteroiden getauft wurden - vollzog sich auch ein kosmisches Ereignis digitaler Natur: der Urknall des Internet in die Öffentlichkeit. Die Vorbereitungen dazu hatten ein Vierteljahrhundert gedauert. 1969 waren drei Dinge gleichzeitig losgegangen: in den USA bildeten zwei online verbundene Rechner die Urzelle des Internet; in den legendären AT&T Bell Laboratories begann die Entwicklung eines Betriebssystems namens Unix; und in Helsinki kam Linus Torvalds zur Welt.

Die Firma AT&T durfte damals als staatlich kontrollierter Telefon-Monopolist nicht in neue Geschäftsbereiche wie etwa die Softwarebranche vorstoßen. Also wurde Unix kostenlos verbreitet und war bald als freies Betriebssystem beliebt. Es fügte sich perfekt in die Welt der Universitäten und Forschungsstätten, in der Wissenschaftler, idealerweise ebenfalls frei und offen, neue Erkenntnisse zu gewinnen versuchen. 1979 begann AT&T das Programmbündel dann doch zu vermarkten – darunter auch viele Erweiterungen, die von idealistischen Programmierern hinzugefügt worden waren. Die Community war nicht erfreut.

Beim LinuxTag 2005 im Karlsruher Kongresszentrum ist am Mittwoch (22.06.2005) auf einem Monitor im dortigen Internet Cafe der Pinguin Tux abgebildet. Dieser ist die Symbolfigur des Linux Betriebssystems. Die Messe ist nach Angaben der Veranstalter europaw
Foto: Uli Deck dpa/lsw

Rufer in der digitalen Wüste
Zur selben Zeit entstand das Unix User Network („Usenet"). Es war als Alternative zu dem damals recht strikt regulierten Arpanet gedacht, dem Vorläufer des heutigen Internet. Anfang der achtziger Jahre wurde Richard Stallman zum Rufer in der digitalen Wüste. In der Absicht, ein Betriebssystem wie Unix zu erschaffen, aber eines, das reinen Herzens war – also frei und jenseits kommerzieller Beschränkungen –, rief er das GNU-Projekt ins Leben (GNU steht für „GNU`s Not Unix"). Er gründete die Free Software Foundation und verfaßte mit der GNU General Public License (GPL) eine rechtliche Handhabe zur Verbreitung freier Software. Die Ideen fanden großen Anklang. Zu einem vollständigen Betriebssystem fehlte GNU aber das wichtigste: ein Kernel.

Im Frühjahr 1991 hatte der 22-jährige Informatikstudent Linus Torvalds begonnen, den Code einer Unix-Variante namens Minix aufzubohren. Nach einer Weile merkte er, dass er angefangen hatte, ein Betriebssystem zu schreiben. Am 26. August schrieb er in einem Usenet-Posting, es sei „nur ein Hobby, wird nicht groß und professionell werden wie GNU" – eine Einschätzung, mit der er auf grandiose Weise danebenlag.

Ein vernetzter Schwarm macht den Giganten Microsoft nervös
Die Entwicklung von Linux wurde zum Paradebeispiel für weltumspannendes, selbstbestimmtes Teamwork im Internet. Und Linux wurde zu einer digitalen Erweckungsbewegung. Ein Betriebssystem, das sich nicht nur als Funktionsgrundlage für Computerhardware versteht, sondern als Ausdruck einer geistigen und moralischen Erneuerung. Linux ist eine Lebenshaltung, die zu tun hat mit Gemeinsinn, Transparenz und Selbstverantwortung.

Am 1. November 1998 – einen Tag nach Halloween – brachte der amerikanische Autor und Programmierer Eric S. Raymond auf seiner Website die sogenannten „Halloween-Papiere" an die Öffentlichkeit. In diesen internen Memos von Microsoft ging es um Strategien, mit denen der Open-Source-Bewegung Einhalt geboten werden sollte. Es zeigte sich, dass ein Schwarm über die Welt verstreuter Leute, die ohne Chef und ohne Bezahlung codierten, durchaus in der Lage waren, dem größten Softwareunternehmen des Planeten Respekt einzuflößen.

Was man nicht besitzt, kann einem nicht genommen werden
Es hatte keine sieben Jahre gedauert, aus einem freakigen Programmierprojekt die Softwareproduktion einer digitalen Weltgemeinschaft hervorgehen zu lassen, die in vielen Punkten sowohl technisch als auch ethisch den Angeboten der herkömmlichen Softwareindustrie ebenbürtig oder überlegen war. Ein kommerziell nicht angreifbares Projekt wie Linux ist für Unternehmen, die sich an rein marktwirtschaftlichen Prinzipien orientieren, tatsächlich eine aufrührerische Gefahr. Die üblichen Strategien gegen Konkurrenten - kaufen oder killen - funktionieren hier nicht. Was man nicht besitzt, kann einem nicht genommen werden.

Bei nicht-nerdigen Normalanwendern hat Linux immer noch den Ruf, etwas sperrig und kompliziert zu sein – inzwischen allerdings unverdient. Längst gibt es Linux-Distributionen, die easy going sind. Wo es im Christentum verschiedene Bekenntnisse wie das katholische oder das evangelische gibt, kennt Linux verschiedene Distributionen. Linux auf seinem Rechner zu installieren, bewahrt einen vor Höllenpein wie Datenverlusten, Viren oder Malware.

Und so wie die herkömlichen Religionen Erlösung verheissen, ohne dass man dafür mehr als eine gelegentliche Spende entrichten muß, ist auch Linux, abgesehen von Aufwendungen für Versandkosten oder Support, kostenlos. In jedem Fall sieht man sich in eine bemerkenswerte Gemeinschaft aufgenommen. Überall im Netz gibt es Hilfe, Informationen und News, für Einsteiger ebenso wie für Alpha-Geeks. Mit Linux zeigt das Internet, was es drauf hat.

Mehr zum Thema

Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin und begleitet seit 30 Jahren die Entwicklung der digitalen Welt. Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs, Träger des Ingeborg Bachmann-Preises und Blogger. Für die futurezone schreibt er jeden Samstag eine Kolumne.

(Peter Glaser) Erstellt am 20.10.2012, 06:00

Kommentare ()

Einen neuen Kommentar hinzufügen

( Abmelden )

Ihr Kommentar

Antworten folgen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?
    Bitte Javascript aktivieren!