Zur mobilen Ansicht wechseln »

Wissenschaft & Blödsinn Fühlt euch nicht so schrecklich überlegen!.

Alltagsszene Straßenverkehr?
Alltagsszene Straßenverkehr? - Foto: /Olaf Speier/iStockphoto
Was macht Menschen rücksichtslos? Psychologische Experimente zeigen Zusammenhänge zwischen Status, Gier und Moral.

Das Auto hinter uns knurrt wie ein missmutiger Löwe in der Midlife-Crisis. Mit zorniger Lichthupe scheucht man uns auf die rechte Fahrspur zurück. Dann werden wir überholt – mit provokant hoher Motorendrehzahl. Immer wieder scheinen es Leute in teuren Luxusautos zu sein, die durch besonders flegelhaftes Verhalten auffallen. Ist das bloß selektive Wahrnehmung? Bilden wir uns das ein, weil wir in Wirklichkeit bloß neidisch sind, oder sind Leute in Oberklassewägen tatsächlich rücksichtsloser?

Der Psychologe Paul Piff beobachtete das Verhalten von Autofahrern auf kalifornischen Straßenkreuzungen und konnte tatsächlich einen Zusammenhang zwischen dem Wert des Fahrzeugs und der Rücksichtslosigkeit der Lenker nachweisen. Wer in einem teuren Auto sitzt, nimmt anderen eher den Vorrang und bleibt seltener stehen wenn ein Fußgänger die Straße überqueren möchte.

Hoher Status ist schlecht für die Moral

Doch was ist der Grund dafür? Macht hoher sozialer Status rücksichtslos? Mit seinem Team führte Paul Piff eine ganze Reihe von Experimenten durch, bei denen sich Versuchspersonen zwischen moralischem und unmoralischem Verhalten, zwischen Kooperation und Egoismus entscheiden mussten. Die Ergebnisse deuteten immer wieder in dieselbe Richtung: Wer sich selbst zu einer höheren sozialen Klasse zählt, hat eine positivere Einstellung zu Gier, ist eher bereit zu lügen und verbiegt die Regeln gerne zum eigenen Vorteil.

Sind reiche Menschen also einfach unmoralischer als arme? Das trifft den Kern der Sache nicht wirklich. Piff analysierte nicht Reichtum und Einkommen der Testpersonen, sondern ließ sie ihren Status selbst einschätzen. Entscheidend ist weniger, was wir haben, sondern wie wir unseren Rang im Vergleich zum Rest der Gesellschaft wahrnehmen – und das ist situationsabhängig. Wer sich gerade sozial überlegen fühlt, zeigt gerne Zähne. Wer sich für erfolgreich hält, findet es in Ordnung, manche Regeln nicht so genau zu nehmen.

Das zeigte sich auch in Paul Piffs Monopoly-Experimenten. Man ließ immer zwei Versuchspersonen gegeneinander antreten, doch eine startete mit deutlich mehr Geld, durfte sich schneller übers Spielfeld bewegen und bekam in jeder Runde noch eine höhere Summe dazu. Die reichen Monopoly-Spieler verhielten sich oft sehr dominant, prahlten mit ihrem Erfolg und machten sich über den unweigerlich unterlegenen Gegner lustig. Es ist egal, dass man den eigenen Sieg bloß einer vom Versuchsleiter vorgegebenen Ungerechtigkeit verdankt. Entscheidend ist bloß, sich besser als der andere fühlen zu können.

Diesen gefühlten sozialen Status kann man sogar ganz gezielt beeinflussen, indem man Leute dazu bringt, sich entweder mit besonders hochgestellten oder besonders niedrig gestellten Personen zu vergleichen. So kann man Leute dazu bringen, sich eher zurückhaltend fair oder eher dominant und unfair zu verhalten. Scheinbar ganz nebenbei stellte man den Versuchspersonen eine Schüssel mit Süßigkeiten hin, mit dem Hinweis, dass die eigentlich für Kinder aus einer anderen Versuchsreihe gedacht waren. Die Testpersonen, die sich gerade erst mit der Unterschicht verglichen hatten, fühlten sich verhältnismäßig reich und überlegen und neigten dann viel stärker dazu, den Kindern ein paar Süßigkeiten wegzuessen. Überlegenheitsgefühl lässt uns Gier eher akzeptieren, und das Gutheißen von Gier ist ausschlaggebend für moralisch fragwürdiges Verhalten.

Getreten wird immer nach unten

Wenn heute Horden wildgewordener Ausländerhasser gegen Flüchtlingsheime demonstrieren, wenn sich erwachsene Leute stark fühlen, indem sie übermüdete Kinder in Autobussen zum Heulen bringen, dann muss ich an Paul Piffs psychologische Experimente denken. Kann es sein, dass aggressives Verhalten gegenüber Leuten, die vom Schicksal geprügelt bei uns in Europa ankommen, oft auch mit diesem fehlgeleiteten Überlegenheitsgefühl zu tun hat?

Endlich ist mal jemand da, dem es noch schlechter geht, endlich kann man sich selbst mal auf jemandem herumtrampeln. So wie es der reifenquietschende Autobahnraser genießt, der Schnellere zu sein, genießt es der fahnenschwenkende Demonstrant, endlich mal zur dominanten Gruppe zu gehören. Man hat zwar nichts dafür geleistet, aber man ist gerade in der Position des Stärkeren, und das muss man kompromisslos zur Schau stellen.

Natürlich ist das keine ausreichende Erklärung dieses Phänomens. Zweifellos ist das Thema komplizierter, und selbstverständlich kann man Ängste und Sorgen nicht einfach mit einer Moralkeule wegprügeln. Aber Piffs Experimente zeigen uns eindrucksvoll, wie das Gefühl von sozialer Überlegenheit hässliche Eigenschaften ans Licht bringt. Das trifft freilich auf den selbstzufriedenen pöbelhassenden Bildungsbürger im Nobelbezirk genauso zu wie auf den radikalen Fahnenschwenker aus dem Gemeindebau.

Die gute Nachricht an Paul Piffs Theorie ist, dass sich Rücksichtlosigkeit und Gier auch gezielt bekämpfen lassen, indem man moralische Fragen zum Thema macht. Wenn man die Versuchspersonen in einem kurzen Video an die Bedürfnisse anderer Menschen erinnerte, benahmen sie sich danach gleich viel netter – und zwar unabhängig von ihrem sozialen Status. Wir müssen uns Zeit dafür nehmen, über moralische Fragen zu diskutieren. Daran führt kein Weg vorbei.

Der Autor

Florian Aigner

florianaigner.jpg
Foto: Florian Aigner
Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.

(futurezone) Erstellt am 08.03.2016, 06:00

Kommentare ()

Einen neuen Kommentar hinzufügen

( Abmelden )

Ihr Kommentar

Antworten folgen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?
    Bitte Javascript aktivieren!