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Wissenschaft & Blödsinn Homöopathie können Sie sich sonst wo hinmalen.

Malen Sie sich einfach ein "S" auf die Stirn.
Malen Sie sich einfach ein "S" auf die Stirn. - Foto: Florian Aigner
Für die „neue Homöopathie“ braucht man keine Zuckerkügelchen. Ein Stift genügt - vorausgesetzt, es stört Sie nicht, dass die Wirkung ausbleibt.

Wenn jemand mit seltsamen Streifen am Gesicht herumläuft, dann ist er eventuell ein Anhänger altertümlicher Riten. Vielleicht ist er auch einfach nicht besonders gut darin, sich nach dem Essen die Tomatensoße abzuwischen. Es kann allerdings auch sein, dass es sich um einen Anhänger der neuen Homöopathie handelt.

Der Wiener Techniker Erich Körbler hat nämlich vor Jahrzehnten mit Hilfe seiner Wünschelrute herausgefunden, dass man praktisch alle Krankheiten ganz einfach heilen kann. Man muss sich nur geometrische Symbole auf die Haut malen. Diese Idee, die heute als „neue Homöopathie“ verkauft wird, ist so verquer, dass man sie schon fast wieder charmant finden muss. Mit der gewöhnlichen Homöopathie hat sie eigentlich wenig gemeinsam – bloß den Glauben, mit Effekten zu heilen, die es wissenschaftlich betrachtet gar nicht gibt.

Die neue Homöopathie sagt, dass wir alle nicht bloß einen materiellen Körper haben, sondern auch einen Energiekörper, den wir pflegen müssen. Ich finde das ärgerlich. Das Zähneputzen, Haarewaschen und Zehennägelschneiden an meinem materiellen Körper nimmt schon genug Zeit in Anspruch, und jetzt soll ich mich um meinen Energiekörper auch noch kümmern? Aber gut, was tut man nicht alles für einen jugendlich-frischen Ätherleib.

Die Argumentation der neuen Homöopathie lässt sich rasch zusammenfassen: Die Quantenphysik sagt, dass alles irgendwie mit Information und Schwingung zu tun hat, und Schwingungen wiederum können mit Sendeantennen zu tun haben, und Sendeantennen können einfache geometrische Formen haben. Daraus folgt natürlich messerscharf, dass man mit einfachen geometrischen Formen quantenphysikalische Effekte erzeugen kann. Und wenn Sie das nicht glauben, dann malen Sie sich einfach ein „S“ auf die Stirn, das ist nämlich das Umkehrsymbol, und das wird Ihre Meinung schneller umbiegen als Sie „om mani padme hum“ sagen können.

Aufgemalte Zeichen, behauptete Erich Körbler, wirken wie kleine Antennen und verändern Strahlungsfelder. Diese Strahlungsfelder hängen mit verschiedenen Krankheiten zusammen, daher muss man sie mit aufgemalten Linien zurechtbiegen. Eine Kreuzform wirkt als Blockade, eine Y-Form kanalisiert positive Energie, und eine S-Form transformiert Positives in Negatives und umgekehrt. Erkannt wurde das nicht durch langweilige wissenschaftliche Arbeit, sondern durch intuitive Eingebung. Das ist praktischer, spart Zeit und Forschungsgeld.

Auf welche Weise die seltsamen Linien Strahlung, Schwingung oder Ströme erzeugen, welche geheimnisvollen unmessbaren elektromagnetischen Felder hier im Spiel sind und was das Ganze mit Quantenphysik zu tun haben soll, wird leider nirgendwo erklärt. Es handelt sich um die in der Esoterik so beliebte Gleichnis-Taktik: Wenn zwei Dinge irgendwelche ähnlichen Eigenschaften haben, dann erlaubt man sich einfach, vom einen aufs andere schließen, einfach so, ohne logische Begründung. Wenn in der Quantenphysik und in der Antennentechnik Schwingungen vorkommen, und eine Wünschelrute auch schwingen kann, dann muss man das eine mit dem anderen messen können. Ganz klar.

Ebenso gut könnte man behaupten: Elektronen drehen sich aufgrund ihrer elektrischen Ladung um den Atomkern. Ein tanzendes Paar dreht sich auch, also müssen die Tanzpartner elektrisch geladen sein. Oder: Atome senden manchmal Licht aus, genau wie meine Taschenlampe, also kann man auch Atome aufschrauben, um ihre Batterien zu wechseln. Man konstruiert eine Gemeinsamkeit zwischen ganz unterschiedlichen Dingen und klebt sie verbal zusammen. Nach einer echten logischen Kausalkette dazwischen wird gar nicht erst gesucht.

Um erklären zu können, wie man die Symbole am Menschen anwenden muss, borgt man sich in der neuen Homöopathie die Chakrenlehre aus dem fernen Osten aus. Je nach Krankheit werden entlang der Energie-Meridiane am Körper passende Symbole aufgemalt. Das funktioniert angeblich nicht nur bei Menschen, sondern auch bei Pflanzen und Tieren. Die Wirkung der Symbole ist nicht bloß auf den Körper beschränkt. Man kann auch symbolbedruckte Homöopathie-Bettwäsche kaufen, Fensterkreuze sorgen dafür, dass Häuser nicht einstürzen, und das christliche Kruzifix wird energetisch durch einen Y-förmig hängenden Jesus verstärkt. Ein Glück für das Christentum! Wäre Jesus linienförmig umgebracht worden, hätte er antennentechnisch weit schlechtere Eigenschaften, und seine Lehre hätte sich wohl niemals durchgesetzt.

Bemerkenswert ist, dass die neue Homöopathie seit Körblers Tod in den 1990erjahren weiterhin große Fortschritte machte. Man hat nämlich auch noch die sogenannte „Wasserübertragung“ erfunden. Dabei schreibt man eine Beschwerde oder einen Wunsch einfach auf einen Zettel, verziert ihn mit den nötigen Symbolen und hält ihn dann in der Hand, während man in die andere Hand ein Glas Wasser nimmt. Die Information vom Zettel wird dann durch den Körper in das Wasser übertragen.

Beweise bitte!

Würde die neue Homöopathie das tatsächlich funktionieren, wäre das großartig für die Wissenschaft. Es gäbe unzählige neue Forschungsfragen zu untersuchen: Leben Zebras länger, weil sie von Natur aus mit Streifensymbolen ausgestattet sind? Werde ich klüger, wenn ich meine Stirn Y-förmig runzle? Kann man im Superman-Anzug fliegen, weil vorne ein „S“ draufsteht?

Gerade weil in der neuen Homöopathie so oft von Schwingungen die Rede ist, die man angeblich mit der Wünschelrute messen kann, böte sie unzählige Möglichkeiten für saubere wissenschaftliche Untersuchungen. Es wird behauptet, dass man mit dem Rutenstab ganz einfach zwischen gesunden und ungesunden Nahrungsmitteln, zwischen passenden und ungeeigneten Medikamenten, zwischen gesunden und kranken Körperteile unterscheiden könne. Es wäre ganz einfach, das in sauberen klinischen Tests zu prüfen. Zeigt doch, was ihr könnt, liebe Wunderheiler!

Doch diesen Mut scheint die Neue Homöopathie nicht wirklich aufzubringen. Vielleicht ist sie energetisch noch ein bisschen blockiert. Ich schlage vor, sie in „neue HomöYopathie“ umzubenennen. Das zusätzliche „Y“ sorgt sicher für Kraft und Zuversicht – vielleicht klappt es ja dann auch mit der Wissenschaftlichkeit.

Der Autor

Florian Aigner

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Foto: Florian Aigner
Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.

(futurezone) Erstellt am 24.03.2015, 06:00

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