"Digital Independence Day": Einmal im Monat gemeinsam weg von Big Tech
Im Internet unterwegs zu sein, ist gefühlt mit immer mehr Ärger verbunden: Google-Suchergebnisse sind voller Werbung oder enthalten KI-Halluzinationen, unzählige Amazon-Bewertungen sind fake und Facebook wird regelmäßig von Desinformations-Skandalen erschüttert. Gleichzeitig stellt sich in Zeiten zunehmender Unberechenbarkeit der USA auch auf EU-Ebene die akute Frage, wie man digitale Abhängigkeiten verringern kann.
Die kürzlich gegründete Initiative „Digital Independence Day“ will vor diesem Hintergrund dazu anregen, sich mit der Problematik auseinanderzusetzen. Die Idee: Jeden 1. Sonntag im Monat zu einer „digitalen Alternative“ wechseln.
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Demokratiefreundlichere Alternativen
Statt mit dem Google-Browser Chrome zu surfen, könnte man etwa Firefox ausprobieren. Der wird von der Non-Profit-Organisation Mozilla betrieben und ist datenschutzorientiert.
Statt per WhatsApp zu chatten, das zum Meta-Konzern gehört, könnte man den nicht-kommerziellen und verschlüsselten Messenger Signal verwenden. Und statt die nächste Lektüre bei Amazon zu bestellen, könnte man dem Buchladen ums Eck einen Besuch abstatten.
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Soziale Netzwerke als demokratische Kraft
„Unser digitales Leben befindet sich in der Hand weniger Überreicher. Mit der Monopolstellung ihrer Unternehmen bestimmen Menschen wie Elon Musk, Jeff Bezos oder Mark Zuckerberg weltweit, wie wir uns online informieren, wie wir diskutieren, kommunizieren oder handeln. Einen solchen unkontrollierten Einfluss sollte kein Mensch und kein Unternehmen besitzen, weil wir dann nicht mehr in Freiheit leben können“, sagt Björn Staschen.
Er ist Geschäftsführer der deutschen NGO „Save Social“, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, soziale Netzwerke als demokratische Kraft zu retten. Save Social koordiniert den Digital Independence Day, an dem über 40 weitere Organisationen beteiligt sind, darunter auch das „Freie Radio Salzkammergut“ und die österreichische Digitalrechts-NGO „epicenter.works“.
Deren Geschäftsführer Thomas Lohninger erklärt auf futurezone-Anfrage: „Aus Sicht des Datenschutzes warnen wir seit Jahrzehnten vor Big Tech. Nicht nur basiert deren Geschäftsmodell auf Überwachung, sie unterliegen auch den Spionagegesetzen der USA. Inzwischen gibt es noch mehr gute Gründe zu wechseln: europäische Wirtschaftsförderung, Rechtsstaatlichkeit oder digitale Souveränität. Die Alternativen haben oft nur Vorteile, wie mehr Selbstbestimmung und weniger lästige Werbung.“
Thomas Lohninger ist Geschäftsführer von epicenter.works.
© CC-by 4.0 Cajetan Perwein
Wechsel-Rezepte für den einfachen Umstieg
„Wir wollen Menschen ermutigen, gemeinsam den Wechsel auszuprobieren mit dem Ziel, möglichst vielen zu zeigen, dass ein Abschied von Big Tech möglich ist“, betont Staschen. Auf der Webseite di.day hat das Bündnis mehrere „Wechsel-Rezepte“ gesammelt, die mit nötigen „Zutaten“ und Schritt-für-Schritt-Erklärungen niedrigschwellig beim Umstieg helfen.
Sie reichen von „sehr einfach“ bis „fortgeschritten“. Ein Wechsel von Google zu einer anderen Suchmaschine, etwa Ecosia oder Startpage, dauere beispielsweise nur 2 Minuten. Um von Gmail zu einem unabhängigen E-Mail-Anbieter zu wechseln, brauche man dagegen mindestens eine Dreiviertelstunde und im Nachgang viel Geduld, die neue E-Mail-Adresse bei allen wichtigen Diensten – von der Bank bis zur Versicherung – zu ändern. Als datenschutzfreundliche Alternativen schlägt das Bündnis posteo.de, mailbox.org oder proton.me vor, die monatlich zwischen einem und 3 Euro kosten, dafür aber auf Werbung verzichten.
Wechsel-Rezept von Gmail zu unabhängiger E-Mail.
© DI.DAY
„Entspannte Rebellion“
Beim Digital Independence Day gehe es nicht um Purismus oder den vollständigen Abschied von großen Plattformen. Statt etwa WhatsApp komplett hinter sich zu lassen, könne man versuchen, parallel auch Signal zu verwenden. Die Initiatorinnen und Initiatoren beschreiben das als „entspannte Rebellion“.
In vielen deutschen Städten finden daher am 1. Sonntag des Monats Veranstaltungen statt, bei denen man Unterstützung zum Wechsel erhalten kann. In Österreich sind derzeit noch keine entsprechenden Events geplant, epicenter.works verweist Interessierte auf die monatlich stattfindenden CryptoParties.
Unterstützung vom Känguru
Erstmals vorgestellt wurde die Idee für den Digital Independence Day beim Kongress des Chaos Computer Clubs Ende Dezember in Hamburg. Autor Mark-Uwe Kling las dort noch unveröffentlichte Passagen aus seinen erfolgreichen „Känguru-Chroniken“ vor. „Sich jeden ersten Sonntag im Monat bei einer Sache ummelden, das ist machbar“, meint das titelgebende Beuteltier, „und natürlich darf man damit sogar angeben, #DIDit.“
Kling, der mit der „QualityLand“-Romanreihe auch eine satirische Digital-Dystopie verfasst hat, warnte, dass die Welt immer mehr zu einer digitalen Kolonie der USA werde. Seinem Känguru legte er ein drastisches Beispiel aus dem Jahr 2025 in den Mund: „Trump hat Sanktionen gegen den internationalen Strafgerichtshof verhängt und deshalb hat Microsoft den E-Mail-Account des Chefanklägers deaktiviert, auch Paypal, Amazon, Kreditkarten – alles geht für die betroffene Person nicht mehr.“
Marc-Uwe Klings Alter Ego diskutiert wieder mit dem Känguru.
© Sven Hagolani
Open-Source-Lösungen
Vergangenen Oktober beschloss der Gerichtshof daher, von Microsoft Office zum deutschen Programmpaket OpenDesk umzustellen. Der epicenter.works-Geschäftsführer mahnt in diesem Zusammenhang: „Auch die öffentliche Verwaltung und große Konzerne sollten aufhören, Milliarden an Lizenzkosten für Microsoft auszugeben und stattdessen in europäische Open-Source-Lösungen investieren. Das Verteidigungs- und Wirtschaftsministerium sind hier vor kurzem mit sehr gutem Beispiel vorangegangen.“
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Doch es könnten eben auch Einzelpersonen mit einfachen Konsumentscheidungen etwas für sich und das digitale Ökosystem tun, betont Lohninger. Die nächste gute Gelegenheit ist schon am kommenden Sonntag, 1. Februar – dem nächsten Digital Independence Day.