US-Datencenter von AWS

US-Datencenter, wie hier von AWS, sind momentan das Rückgrad der europäischen Kommunikation.

© REUTERS / Noah Berger
Wählen Sie FUTUREZONE als bevorzugte Google-Quelle

Netzpolitik

Europa will weg von US-Technologie: So soll es gelingen

Egal, ob WhatsApp, Facebook oder Online-Banking. All diese Dienste verdanken wir derzeit in erster Linie amerikanischen Unternehmen, die dafür notwendige Services und Infrastrukturen wie Cloud-Server und Satellitennetzwerke bereitstellen. Während chinesische Abhängigkeiten im Tech-Bereich (Stichwort Huawei und ZTE bei 5G-Infrastruktur) schon für sehr kritische Diskussionen sorgten, zeigt sich nun, dass wir uns möglicherweise auch auf unsere amerikanischen Verbündeten nicht mehr verlassen können, wenn es um unsere moderne Infrastruktur geht.

Mit seinen Grönland-Begehrlichkeiten hat Donald Trump ein neues Doomsday-Szenario der EU hervorgerufen: Was wäre, wenn europäische Staaten oder sogar ganz Europa Sanktionen für US-Software und Datencenter auferlegt bekommen? Nach derzeitigem Stand würde dann sehr viel nicht mehr funktionieren: Behörden, Unternehmen und Krankenhäuser könnten dann etwa nur mehr sehr eingeschränkt auf ihre Services zugreifen. Das EU-Parlament hat vergangene Woche deshalb mit großer Mehrheit für einen Aktionsplan abgestimmt, der Europas Tech-Ökosystem unabhängiger und resilienter machen soll. 

➤ Mehr lesen: Trump ordnet LinkedIn-Check bei Visa-Bewerbung an

Lippenbekenntnis "digitale Souveränität" 

Neu ist das Thema nicht. Aber lange war die “Digitale Souveränität” eher eine Art Lippenbekenntnis, das man nur in politischen und akademischen Kreisen wirklich ernst nahm. Trumps überraschende Ankündigung, dass er Grönland haben will, hat nun aber klargemacht, dass sich wirklich rasch etwas ändern muss. 

Im Fokus des neuen EU-Berichts stehen kritische Technologien wie Cloud-Infrastruktur, Halbleiter, KI und Cybersicherheit. Man will weniger Abhängigkeit, bessere EU-Wertschöpfungsketten und mehr Innovation, die aus Europa kommt. 

Die futurezone hat sich angesehen, was die EU konkret in Angriff nehmen will, damit diese plötzliche Kehrtwende gelingt.

Mann mit Handy in Dublin.

Mobilfunknetz der Zukunft: Das EU-Parlament will den Ausbau von Glasfaser-, 5G- und 6G-Netzen beschleunigen.

Bessere und schnellere Mobilfunknetze

Die EU will etwa dafür sorgen, dass alle Regionen bis 2030 schnelleres Internet haben. Dazu sollen Hürden beim Ausbau von 5G, 6G und Glasfaser abgebaut werden. Man will außerdem dafür sorgen, dass verschiedene Funkstandards wie 5G/6G, WLAN und Satellit nahtloser als bisher zusammenspielen. Offene Funknetz-Lösungen sollen Kosten senken. Mit Technologien im Bereich KI, Cloud, Edge-Computing und ähnlichem will man das Netz zusätzlich verbessern. Im nächsten Haushaltsbudget der EU sollen dazu umfassende Mittel für den Netzausbau zur Verfügung gestellt werden. 

Außerdem will man mehr private Investitionen für den Netzausbau gewinnen und die Zuteilung neuer Frequenzen harmonisieren. Mittelfristig will das EU-Parlament auch Mobilfunk direkt über Satellitennetzwerken übertragen und damit die Abhängigkeit von terrestrischen Netzwerken reduzieren. 

➤ Mehr lesen: Was Geruchsfernsehen mit 6G und Marsreisen zu tun hat

Starship von SpaceX

Während die Amerikaner mit Raketen wie dem Starship gedanklich schon am Mars sind, überlegt man in Europa, wie man im All aufholen könnte.

Verteidigungsfokus auch im All

In Zeiten, in denen der Großteil neuer Satelliten zu US-Netzwerken wie Starlink gehört, erkennt die EU in dem Bereich auch großen Handlungsbedarf. Vor allem bei der Verteidigung gebe es hier Aufholbedarf. 

Europa habe zwar in einigen Bereichen, wie der Erdbeobachtung bereits gute Dienste (Galileo, EGNOS, GOVSATCOM und IRIS2) in den Orbits. Aber man sei noch immer viel zu stark von Daten aus dem EU-Ausland abhängig, wenn es um die Verfolgung von Objekten im Weltraum geht. Solche Fähigkeiten spielen im militärischen Kontext allerdings eine wachsende Rolle. 

Hier will die EU die eigenen Kapazitäten massiv ausbauen, heißt es in dem neuen Bericht. Man sieht daher auch eine dringende Notwendigkeit, gute Bedingungen für die europäischen Weltraumindustrie zu schaffen. 

➤ Mehr lesen: Tech-Chef der ESA: „Ohne Weltraumkapazitäten kann Europa nicht souverän sein"

Europäischer Supercomputer für Wetter-Berechnungen in Bologna.

Europäischer Supercomputer für Wetter-Berechnungen in Bologna.

Supercomputer und KI-Datencenter

Auch im Bereich der Hochleistungsrechenzentren (HPC) soll Europa einen Zahn zulegen. Denn solche Datenzentren seien laut dem EU-Parlament eine extrem wichtige Grundlage für das Training eigener KI-Modelle. 

Ein Vorschlag lautet, dass man ein neues europäisches Supercomputer-Netzwerk schafft, an dem sowohl öffentliche Einrichtungen als auch Unternehmen beteiligt werden. KMU und Start-ups sollen einfacher Zugang zu solchen Netzwerken erhalten. Darüber hinaus sollen neue “KI-Fabriken” entstehen, die die EuroHPC-Supercomputer aufrüsten und Spezial-Rechenkapazitäten speziell fürs KI-Training bereitstellen. 

Außerdem will die EU hier zu mehr Teilen von Daten anregen, ein heikles Thema angesichts unserer strengen Datenschutzgesetze. Man will eigene branchenweite Netzwerke zum Datenaustausch aufbauen, bei denen Unternehmen verschiedener Größen Daten teilen. 

➤ Mehr lesen: Österreichische "KI-Fabrik" in den Startlöchern

Nvidia CEO Jensen Huang mit der Rubin GPU, die Teil eines neuen Supercomputers ist, bei der CES 2026.

Nvidia CEO Jensen Huang mit der Rubin GPU, die Teil eines neuen Supercomputers ist, bei der CES 2026.

Chips "Made in Europe"

Während immer mehr KI-Rechenzentren auf die Chips von NVIDIA, AMD und Co. angewiesen sind und China bereits eifrig an eigenen Alternativen arbeitet, erkennt auch die EU, dass man eigene Alternativen braucht. Man will die Halbleiterproduktion in der EU insgesamt steigern, Rohstofflieferketten stärken und mehr Geld für neue Halbleitertechnologien wie Breitband- und Photonikchips bereitstellen. 

Weil gerade bei KI-Chips die Abhängigkeit besonders groß ist, hätten diese laut dem EU-Parlament höchste Priorität. Schnellstmöglich soll es Notfallpläne für den Fall geben, dass US-Sanktionen für diesen Chip-Typ verhängt werden und die USA die Ausfuhr solcher Chips in bestimmte EU-Länder einschränken. 

Gleichzeitig will man hier gemachte Versäumnisse aufholen und zunächst in Forschung und Entwicklung investieren, dann sollen KI-Chips “Made in Europe” so schnell wie möglich in Produktion gehen. 

Unterseekabel stellen Internetverbindungen zwischen Kontinenten her.

Unterseekabel stellen Internetverbindungen zwischen Kontinenten her.

Reparaturflotte für Unterwasser-Seekabel 

Sehr wichtige Infrastrukurknotenpunkte liegen am Meeresgrund: zum Beispiel in der Ostsee, wo es in den vergangenen Monaten immer wieder zu Ausfällen wegen Sabotage kam. Hier will die EU die gemeinsamen Schutzmaßnahmen hochfahren und Schäden damit möglichst verhindern. Außerdem sollen neue Seekabel verlegt werden, damit es im Falle von Störungen genug Alternativen für den Datenverkehr gibt. 

Man will eine eigene Reparaturflotte aufbauen, die in Sabotagefällen rasch ausrücken und erforderliche Reparaturen durchführen kann. Ein eigener Aktionsplan für Kabelsicherheit soll wichtige Stakeholder an den Tisch bringen, die sich dann überlegen, wie man sabotagebedingte Ausfälle verhindern kann - wegen der geopolitischen Situation sieht man hier eine besondere Dringlichkeit. 

➤ Mehr lesen: Meta will 40.000 Kilometer langes Seekabel-Netzwerk aufbauen

2024 legte ein Software-Ausfall weltweit IT-Systeme lahm.

2024 legte ein Software-Ausfall weltweit IT-Systeme lahm. Flughäfen und andere wichtige Infrastrukturknoten können aber auch zum Ziel für Cyberangriffe durch feindliche Staaten werden. 

Besserer Schutz vor Cyberattacken

Auch die Cybersicherheit der EU ist dem EU-Parlament ein Anliegen: Man will kritische Infrastruktur wie Atomkraftwerke, Flughäfen, Ministerien oder Krankenhäuser besser vor Angriffen schützen. 

Dazu sollen beschlossene EU-Gesetze wie die NIS-2-Richtlinie möglichst rasch in allen Mitgliedstaaten umgesetzt werden. Außerdem sollen in allen Ländern Beschränkungen für 5G-Anbieter mit hohem Risiken eingeführt werden, weil sie große Sicherheitslücken darstellen. 

➤ Mehr lesen: Blackouts, Fake-Bürgermeister: Wenn Cyberterroristen Städte angreifen

Quantenindustrie für Europa

Das EU-Parlament will ihre erfolgreiche Quantenforschung aus den Forschungslaboren herausholen und endlich einen klaren Fahrplan für praktische Anwendungen dieser Technologien sehen. Unternehmen in dem Bereich sollen EU-weit verstärkt zusammenarbeiten. 

Außerdem will man aus sicherheitstechnischen Überlegungen auch einen besonderen Schwerpunkt auf Verschlüsselungstechnologien legen, die auf Quantenwissenschaften beruhen und sich mit diesen in Zukunft insbesondere gegen Cyberangriffen wappnen. 

➤ Mehr lesen: Quanten-Industrie soll in Österreich Tausende Arbeitsplätze schaffen

Die genannten Änderungen sind nur die wichtigsten Punkte in dem neuen EU-Bericht. Es geht dabei nicht nur darum, sich auf die extremen US-Abhängigkeit in digitalen Fragen zu konzentrieren, sondern auch um mögliche Störungen durch Russland oder China. 

Es geht dabei nicht nur um Verteidigungsfragen, sondern auch neue wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Diese sollen sicherstellen, dass eine europäische Tech-Industrie besser wachsen kann, wie es manche Experten bereits seit langem fordern. Dazu soll etwa Bürokratie abgebaut werden, eine bessere Vorhersehbarkeit für Unternehmen gegeben und damit ihre Risikobereitschaft erhöht werden. Man will Europa außerdem für ausländische Investoren attraktiver machen. 

Hat dir der Artikel gefallen? Jetzt teilen!

Jana Unterrainer

Interessiert sich nicht nur dafür, was Technologie kann, sondern auch was sie mit uns macht. Sie schreibt am liebsten über KI, Digitale Trends und Wissenschaft.

mehr lesen
Jana Unterrainer

Kommentare