„Perversling-Brillen“: Träger von Smart Glasses schämen sich
Träger von Smart Glasses erfahren wegen ihrer Wearables zunehmend soziale Ablehnung. Träger berichten in sozialen Medien, dass sie wegen ihrer Brillen in der Öffentlichkeit beschimpft werden. Sogar von handgreiflichen Auseinandersetzungen ist die Rede. Außerdem werden die Wearables immer öfter als „Perversling-Brillen“ bezeichnet.
Der abwertende Spitzname ist eine Reaktion darauf, dass immer mehr Männer die Brillen missbrauchen, um andere auszuspähen oder heimliche Aufnahmen von ihnen zu veröffentlichen. Seit Monaten kursieren Berichte, wonach Männer Brillen wie die Meta Smart Glasses dazu nutzen, um Frauen zu filmen.
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Pick-up-Content
Besonders sollen die Brillen unter Anhängern der Pick-up-Bewegung sein. Die Aufnahmen stellen sie nachher auf TikTok und anderen Kanälen zur Schau. Dort kommt der Content gut an, in denen sie ihren vermeintlichen „Rizz“ (von Charisma), also ihre Flirtfähigkeiten, demonstrieren.
Einschlägige Kanäle haben teils Hunderttausende Follower. Meta selbst bewirbt die Brillen sogar als Geräte für „mühelose Verbindungen“. Frauen wiederum sind schockiert, Aufnahmen von sich im Netz zu finden, die ohne ihr Einverständnis veröffentlicht wurden und teilen ihrerseits diese leidvollen Erfahrungen.
Die gefilmten Anmachversuche sind nur die Spitze des Eisbergs: Weil Männer damit im Schwimmbad Fremde filmen, sprachen erste Badeanstalten in Deutschland bereits Verbote für Smart Glasses aus. Sogar auf Porno-Websites findet man offensichtlich mit Smart Glasses aufgezeichnete Videos. Oft ist nicht klar, ob die Veröffentlichungen mit dem Einverständnis der Darstellerinnen erfolgten.
Blaues Licht leuchtet nicht immer
Die Brillen von Meta haben ein blaues Licht. Dieses soll anzeigen, dass die Brille gerade eine Aufzeichnung durchführt. Allerdings haben einige User das Licht abgeklebt oder übermalt, wie zahlreiche Tutorials im Netz zeigen. Dadurch geraten Träger von Brillen, die an gängige Smart-Glasses-Modelle erinnern, zunehmend unter Generalverdacht.
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Scham bei Unbeteiligten
Auch Käufer, die ihre Geräte respektvoll einsetzen, müssen sich dafür häufiger rechtfertigen. Viele lassen sie mittlerweile lieber zu Hause, bevor sie damit ungewollte Aufmerksamkeit auf sich ziehen.
„Mein Mann legte sich die erste Generation der Meta-Brillen, die Ray-Bans, zu, damit er Erinnerungen mit unserer Tochter festhalten konnte, ohne ihr ein Handy ins Gesicht zu halten“, erzählt eine Userin namens skeletoorr auf Reddit. „Aber sie haben zunehmend Sorgen bereitet, und jetzt liegen sie in einer Schublade und verstauben.“ Ein User namens uponloss berichtet von ähnlichen Gefühlen: „Ich kaufte sie zum Aufnehmen von Konzerten, aber jetzt trage ich sie nicht mehr, weil alle denken, man sei komisch.“
Grund für Ende von Google Glass
Die Entwicklung war absehbar: Ohne das Einverständnis der Abgebildeten gemachte Aufnahmen sorgen bereits seit der Erfindung des Internets für Debatten. 2012 wurden etwa in Subreddits wie dem später gesperrten r/Creepshot und r/jailbait massenhaft sexualisierte Aufnahmen von Frauen in der Öffentlichkeit gepostet. 2014 hatte eine Facebook-Gruppe, die Frauen beim Essen in der Öffentlichkeit zeigte, 15.400 Mitglieder. KI-Bildgeneratoren wie Grok gerieten unter Beschuss, weil Männer sie dazu nutzen, um Deepfake-Nacktaufnahmen von Frauen herzustellen.
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Auch beim ersten Anlauf für Smart Glasses war Missbrauch der Grund für deren Misserfolg. Im Juni 2012 veröffentlichte Google seine Google Glass, eine Brille mit eingebauter Kamera. Weil Brillenträger mit Fehlverhalten auffielen, erhielten sie den Spitznamen „Glassholes“ (ein Kofferwort aus „Glass“ und „Asshole“). Auch damals wurden unschuldige Träger wegen ihrer Brillen attackiert. Ein Hauptgrund waren sogenannte „Creepshots“, suggestive Aufnahmen, die ohne das Einverständnis der Abgebildeten veröffentlicht wurden.
Das Time Magazine hatte es schon damals auf den Punkt gebracht, dass nicht die Geräte das Problem sind, sondern die Nutzer: „Glass verursacht keine heimlichen Aufnahmen. Heimliche Aufnahmen waren schon vor dem Aufkommen von am Kopf getragenen Computern ein Problem und sie werden es weiterhin bleiben, bis wir uns mit der viel größeren Frage auseinandersetzen, warum jemand überhaupt solche Aufnahmen macht.“
Verantwortung
Dennoch trifft auch Hersteller wie Meta eine gewisse Verantwortung für ihre Produkte. Möglicherweise reichen die Sicherheitsmechanismen nicht, die einen Missbrauch verhindern sollen. Meta hat kürzlich immerhin angekündigt, dass seine Brillen ab der 2. Generation nicht mehr aufnehmen, wenn das Licht verdeckt ist.
Es würde aber weitere Möglichkeiten geben, um stattfindende Foto- oder Videoaufzeichnungen noch deutlicher zu machen. In Japan und Korea verursachen etwa Geräte, die Fotos oder Videos aufnehmen, Geräusche. Diese freiwillige Regelung wurde eingeführt, nachdem Smartphones wiederholt dazu missbraucht wurden, um Frauen unter den Rock zu fotografieren. Möglicherweise würden solche Mechanismen bei smarten Brillen die Privatsphäre anderer Menschen besser schützen.