Weltweit erstes Bodeneffektfahrzeug für Privatkunden besteht Erstflug
Navee ist eigentlich für seine E-Roller bekannt. Mit dem WaveFly 5X begibt sich der chinesische Hersteller jetzt auf neues Terrain – ins Wasser und in die Luft gleichzeitig.
Der WaveFly ist ein Bodeneffektfahrzeug. Diese werden auch Ekranoplane oder Wing-in-ground (WIG) genannt und als „fliegende Boote“ bezeichnet. Sie nutzen den Bodeneffekt, um mit hoher Geschwindigkeit knapp über der Wasseroberfläche zu fliegen. Beim Bodeneffekt entsteht durch die komprimierte Luft unter den Tragflächen eine Art Luftpolster, auf dem das Flugzeug schwebt.
Wie Navee berichtet, hat der WaveFly jetzt seinen Erstflug bestanden. Dabei wurde der sogenannte Skim-Flight in niedriger Höhe ausprobiert und das gemütlichere Fahren auf der Wasseroberfläche.
Bis zu 85 km/h schnell
Der Rumpf des WaveFly besteht aus Kohlenstofffaser. Er fliegt bis zu 85 km/h schnell und hat eine Reichweite von bis zu 80 km. An Bord ist Platz für 2 Personen, die maximale Traglast beträgt 140 kg.
Laut Navee ist der WaveFly das weltweit erste Bodeneffektfahrzeug, das für Endnutzer gedacht ist. Wie viel er kosten soll und wann er verfügbar ist, wurde noch nicht verraten.
Zudem müssen potenzielle Kunden die Rechtslage am Einsatzort klären. Technisch gesehen fliegt der WaveFly zwar, aber weil das nur über Wasser möglich ist, könnte er als Boot eingestuft werden. In Österreich bräuchte man dann ein Schiffsführerpatent 10M und muss auf Seen und Flüssen die jeweiligen Tempolimits einhalten. Diese liegt bei Tag üblicherweise bei maximal 50 km/h.
Bodeneffektfahrzeuge im Laufe der Zeit
1920er-Jahre: Das Phänomen des Bodeneffekts wurde bekannt, da Piloten feststellten, dass ihre Flugzeuge im niedrigen Landeanflug effizienter zu sein schienen.
1960er-Jahre: Die Technologie wurde weiterentwickelt, hauptsächlich in der Sowjetunion. In diese Zeit fällt auch die Entwicklung des „Kaspischen Seemonsters“. In den USA forschte der deutsche Ingenieur Alexander Lippisch an den Fahrzeugen.
1970er-Jahre: Das Modell Rhein-Flugzeugbau X-113 basierte auf einem Entwurf von Lippisch und flog 1970 erstmals über den Bodensee. Günther Jörg sah Fehler beim Design und entwarf das Tandem Airfoil Flairboat, das seiner Meinung nach besser war. Bis 2004 hatte er 16 Prototypen gebaut.
1979: Das erste Modell der sowjetischen A-90 Orljonok wurde in den Dienst gestellt.
1987: Die sowjetische Lun-Klasse wurde in den Dienst gestellt. Nur ein Exemplar wurde gebaut.
1993: Die letzten Exemplare des Modells A-90 Orljonok wurden außer Dienst gestellt.
1996: Das US-Unternehmen Universal Hovercraft präsentierte sein Bodeneffektfahrzeug „Hoverwing“.
2001: Basierend auf der Arbeit von Lippisch entwickelte Hanno Fischer den Airfish 3 und den Airfish 8, der 2001 seinen Jungfernflug antrat. Später übernahm ST Engineering die Airfish-Fahrzeuge.
2011: Das Bodeneffektfahrzeug WSH-500 von Fischer Flugmechanik führt Tests in Korea durch. Es kann bis zu 50 Passagiere transportieren.
2021: Regent beginnt mit der Entwicklung seines „Seagliders“.
2022: Das Liberty-Lifter-Projekt des US-Militärs beginnt.
2024: Sea Cheetah will ein wasserstoffbetriebenes Fahrzeug entwickeln.
2025: In China wird das „Bohai Seemonster“ gesichtet.
Comeback der fliegenden Boote
Bodeneffektfahrzeuge feiern gerade ein kleines Comeback. Das liegt u.a. an neuen Antriebsformen, also Elektromotoren, die mit Akkus oder Brennstoffzelle und Wasserstoff betrieben werden. Weil Akkus schwer sind und damit die Reichweite von Schiffen reduzieren, machen Bodeneffektfahrzeuge als Alternative zu normalen Booten Sinn, weil der Flug knapp über der Oberfläche effizienter ist, als das Pflügen durch das Wasser.
Mehrere Unternehmen und Start-ups arbeiten deshalb an neuen WIGs. Die sind aber für den Gütertransport oder Passagierbetrieb gedacht, nicht fürs Privatvergnügen. Der Airfish von ST Engineering soll beispielsweise für den Fährbetrieb eingesetzt werden.
Wegen der besseren Effizienz und weit höheren Geschwindigkeiten als von Schiffen – sie können bis zu 500 km/h erreichen – sind sie auch für die militärische Nutzung interessant. Die USA arbeiten derzeit etwa an dem Liberty Lifter.
In China wurden Tests eines Ekranoplans beobachtet, das bisher noch nicht offiziell angekündigt wurde. Es hat den Spitznamen „Bohai Seemonster“ bekommen.
Kürzlich wurde es mit Hardpoints unter den Flügeln gesichtet. Das könnte darauf hindeuten, dass es mit Sensoren bestückt werden kann, um etwa nach U-Booten zu suchen. Aber auch eine Bewaffnung, etwa mit Torpedos, könnte möglich sein.
Kaspisches Seemonster
Der Spitznamen des chinesischen WIG ist eine Anlehnung an das „Kaspische Seemonster“. Das 100 m lange Gefährt hatte eine Flügelspannweite von etwa 40 m. Das Leergewicht betrug 240 Tonnen, das maximale Startgewicht 544 Tonnen.
Es konnte Geschwindigkeiten von über 500 km/h erreichen und war für eine Flughöhe von 5 bis 10 m ausgelegt. Durch diesen Gleitflug in Bodennähe konnte es zur damaligen Zeit nicht durch feindliches Radar erfasst werden.
Es wurde in den 1960er-Jahren als Einzelstück gebaut und mehrfach modifiziert. 1980 sank es bei einem Unfall. Auf das Kaspische Seemonster folgte die Lun-Klasse mit ebenfalls nur einem Exemplar und die A-90 Orljonok, von der immerhin 5 Stück gebaut wurden. Die letzten davon wurden 1993 außer Dienst gestellt.