Artemis II: Weiter als je ein Mensch zuvor?
Es wird aus vielen Gründen ein historischer Start, auf den die ganze Welt derzeit mit großer Erwartung hinfiebert. Artemis II soll nach aktuellem Plan am 1. April (Ortszeit, 2. April MESZ) starten. Damit nehmen die USA die nächste große Hürde bei ihrer Rückkehr zum Mond. Erstmals seit 54 Jahren (Apollo 17) verlässt die Menschheit den Erdorbit.
An Bord des Orion-Raumschiffs sind Kommandeur Reid Wiseman, Pilot Victor Glover, die beiden Mission Specialists Christina Koch und Jeremy Hansen. Die Zusammenstellung macht den Flug einzigartig und erinnert an die Ziele, die die NASA ursprünglich mit dem Artemis-Programm verfolgte: „Wir bringen die erste Frau und die erste Person-of-Color zum Mond“ schrieb man bis vor zirka einem Jahr noch auf der Missions-Webseite. Mit der Trump-Administration ist dieses Ziel heimlich still und leise verschwunden.
Artemis II Astronauten und Astronautin (v.l.n.r.): Reid Wiseman, Victor Glover, Christina Koch und Jeremy Hansen von der kanadischen Weltraumagentur CSA
© NASA/Frank Michaux
Victor Glover und Christina Koch halten zumindest während der Mondumrundung in Ehren, dass die NASA sich in den vergangenen Jahren zunehmend diverser präsentiert hat. Schließlich wurde die Crew bereits 2023, noch unter der Biden-Administration, vorgestellt. Dass ein ähnlich diverses Team für die Mondlandung von Artemis III starten könnte, ist weiterhin realistisch. Man redet nur nicht mehr darüber, so als ob man stolz darauf wäre.
Überlebenstest für das Artemis-Programm
Für Artemis II haben diese politischen Diskussionen erstmal keine Relevanz. Auf ihr lastet vielmehr der Erfolgsdruck, der wohl über den gesamten Verlauf des Artemis-Programms entscheiden wird.
Scheitert Artemis II, sieht es für das gesamte Mondprogramm schlecht aus. Das stand im vergangenen Jahr immer wieder kurz davor, abgedreht zu werden. Erst seit Mitte März ist sicher, dass die Rückkehr zum Mond und der Aufbau einer permanenten Basis geplant sind.
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Auf Rekord-Jagd
10 Tage lang wird die Artemis-II-Crew dafür unterwegs sein und sich (wahrscheinlich) weiter von der Erde entfernen als jemals ein Mensch zuvor. Dieser Rekord wird derzeit noch von den Apollo-13-Astronauten gehalten. Bei ihrem Flug 1970 entfernten sie sich 400.171 Kilometer von der Erde. Die Artemis-II-Crew soll das nach derzeitigem Stand knapp übertreffen.
Ob das gelingt, hängt vom tatsächlichen Startdatum ab und wie weit der Mond bei der Ankunft des Orion-Raumschiffs von der Erde entfernt ist. Wird der erhoffte Start am 1. April durchgeführt, beträgt der Abstand zwischen Mond und Erde etwa 405.000 Kilometer (NASA Daily Moon Guide) – und das sind ideale Bedingungen, um den Rekord zu knacken.
Künstlerische Darstellung des Orion-Raumschiffs bei der Mondumrundung
© NASA
Sorge um das Hitzeschild
Ebenfalls rekordverdächtig – allerdings nicht im positiven Sinne – war die Wartezeit auf Artemis II. Bereits der unbemannte Flug Artemis I hatte sich um viele Jahre verzögert, bis er 2022 endlich die neue Mond-Ära einleitete. Die Mission verlief dann aber fast einwandfrei.
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Doch als man das Orion-Raumschiff nach seiner 10-tägigen Mondumkreisung aus dem Pazifik fischte, kam die Ernüchterung: Das Hitzeschild, das die Astronauten und Astronautinnen beim Wiedereintritt in die Atmosphäre vor den enormen Temperaturen schützen soll, war deutlich stärker zerstört, als es die NASA erwartet hatte.
Nach der Landung von Artemis I zeigte sich, wie stark das Hitzeschild beschädigt wurde
© EPA / Mario Tama / POOL
Zwar hätte die Crew überlebt – "überlebt" ist allerdings nicht der Standard, den die NASA seit der Challenger-Katastrophe 1986 und der Columbia-Katastrophe 2003 an ihre Raumschiffe legt. Im Hitzeschild hatten sich Gase gebildet, die nicht entweichen konnten. Dadurch baute sich so viel Druck auf, dass das Avcoat-Material der äußeren Hülle Risse bekam und an mehreren Stellen abbröckelte, teilte die NASA 2024 mit. Das Material wurde bereits für die Apollo-Raumschiffe verwendet und die NASA entschied sich, dieses bewährte Material auch für Orion zu nutzen, statt ein neues zu entwickeln.
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Space Shuttle vererbt Ventil-Probleme
Ohne dieses Problem hätte Artemis II schon 2023 starten können. So musste das Hitzeschild überarbeitet werden und der Start verzögerte sich auf 2026. Im Herbst 2025 flammte kurz die Hoffnung auf, im Februar starten zu können. Doch sowohl das Launch-Fenster zwischen 6. und 11. Februar sowie 6. und 11. März wurden aufgrund von Problemen mit der Betankung verpasst.
Das Space-Launch-System hat immer wieder Probleme mit den Treibstofftanks
© REUTERS / Joe Skipper
Diese Probleme sind keine Seltenheit beim extra für die Artemis-Mondmissionen gebauten Space-Launch-System (SLS). Die riesige Rakete ist derzeit die größte ihrer Art und hat eine 100-prozentige Erfolgsquote – wenn sie einmal gestartet ist. Bisher ist sie genau einmal geflogen. Bis sie abheben konnte, war es damals eine Tortur. Wie jetzt pendelte sie auch 2022 zwischen Startplatz und Garage. Auch damals waren die Treibstofftankventile die Spielverderber.
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Die von Boeing gebaute Hauptstufe wird mit flüssigem Wasserstoff und Sauerstoff betankt. Das ist zwar umweltfreundlicher als Kerosin, aber schwerer zu kontrollieren. So muss der Wasserstoff auf -253 Grad Celsius gekühlt werden, damit er flüssig bleibt. Ein fehlerhaftes Ventil kann sich bei diesen Temperaturen verziehen und möglicherweise undicht werden.
Das überteuerte Space-Launch-System
Das SLS ist imposant. Man spürt die Vibration beim Start fast durch den Bildschirm. Aber die Rakete ist vollkommen überteuert. Deshalb plant der neue NASA-Chef Jared Isaacman, sie so schnell es geht durch eine günstigere Alternative abzulösen.
Laut der Planetary Society beliefen sich die Kosten des SLS-Programms 2022 auf 23,8 Milliarden Dollar (20,65 Milliarden Euro). Pro Start werden nur für die Rakete 2,2 Milliarden Dollar ( 1,9 Milliarden Euro) fällig. Die Komponenten der Rakete sind nicht wiederverwendbar, weshalb dieses Geld buchstäblich verbrannt oder im Ozean versenkt wird.
Zumindest für ein paar Jahre wird die NASA das noch bezahlen müssen, wenn sie wie geplant mit dem Artemis-Programm voranschreiten will. Bis das Starship von SpaceX und New Glenn von Blue Origin Menschen zum Mond bringen können, wird es noch einige Jahre dauern. Sobald sie bereitstehen, wird die SLS wohl ins Museum wandern.
Das Tank-Problem ist vererbt, denn viele Teile, darunter auch die Kernstufe, wurden vom Space Shuttle recycelt. Das sparte zwar theoretisch Zeit und Kosten, brachte aber die gleichen Ventil-Probleme bei Flüssigwasserstofftanks mit, mit denen schon das Space Shuttle zu kämpfen hatte. Zusätzlich wurde im Februar ein Leck beim Helium-Tank der Oberstufe gefunden. Beide Probleme sollen laut NASA inzwischen behoben sein.
Es heißt also Daumen drücken, dass dieses Mal alles rund läuft bei der Betankung und dass das Wetter am Kennedy Space Center in Florida mitspielt. Laut NASA liegt die Chance für gutes Wetter bei zuversichtlichen 80 Prozent. Dann kann das Zeitfenster von 1. bis 6. April für den Start eingehalten werden.
Flug um die Erde
Beim Start wird das Orion-Raumschiff nicht auf direktem Weg zum Mond aufbrechen. Es begibt sich zunächst für 2 Tage in den Erdorbit. Dort wird zum einen Schwung geholt, zum anderen werden die lebenserhaltenden Systeme getestet.
Nur wenn alles wie erwartet funktioniert, wird über das European Service Module nach 2 Umrundungen die „Trans-Lunar-Injection“ eingeleitet. Das Raumschiff wird also in die Flugbahn zum Mond gebracht und aus dem Erdorbit und damit auch dem schützenden Magnetfeld der Erde herausgeschleudert.
Missions-Verlauf von Artemis II
© NASA
Verlauf der Mission
Tag 1 (Start & Erdorbit): Start der SLS-Rakete und erreichen eines elliptischen Erdorbits
Tag 2 (Systemcheck): Die Crew testet die Lebenserhaltung und manuelle Steuerung während Orion die Erde umkreist
Tag 3 (Trans-Lunar Injection): Das Europäische Servicemodul zündet und bringt Orion aus dem Erdorbit auf Kurs Richtung Mond
Tag 4–5 (Reise zum Mond): Reise zum Mond
Tag 6 (Der Rekord-Tag): Hier entscheidet sich, ob der Entfernungs-Rekord geschlagen werden kann, während Orion die Mondrückseite passiert und mit Schwung zurück Richtung Erde fliegt
Tag 7–9 (Rückflug): Die Schwerkraft der Erde bringt das Orion Raumschiff zurück
Tag 10 (Wiedereintritt & Wasserung): Härtetest für das Hitzeschild, wenn Orion in die Erdatmosphäre eintritt und im Pazifik landet
4 Tage lang wird die Artemis-II-Crew unterwegs sein, bis sie den Mond erreicht und die Umrundung beginnt. Erst dann wissen wir, ob der Rekord tatsächlich gebrochen wurde, und die Crew weiter als Apollo 13 von der Erde entfernt ist.
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Sicherheitstests
Die Mission hat mehrere Ziele, allem voran das Prüfen kritischer Systeme. Es werden manuelle Flugmanöver durchgeführt, Gesundheitstests gemacht und Notfall-Prozeduren geprobt, darunter die Strahlenschutzkammer. Kurzzeitig gab es Sorge, dass dieser Strahlenschutz wichtiger wird, als gedacht. Eine heftige Sonneneruption der Stärke X1.4 könnte das Kommunikations- und Navigationssystem stören und Astronauten starker Strahlung aussetzen. Die NASA sieht allerdings keine Gefahr für Artemis II.
Zudem werden Beobachtungen der Mondoberfläche gemacht, die seit 54 Jahren kein Mensch mehr mit freiem Auge gesehen hat. Laut NASA wird der Mond aus Sicht der Crew etwa so groß sein wie ein Basketball in der ausgestreckten Hand.
Nach nur einer Mondumrundung treten die Astronauten den Heimflug an. Dabei nutzen sie das Schwerefeld zwischen Erde und Mond aus. Die Erde (oder vielmehr ihre Schwerkraft) holt das Raumschiff damit ganz natürlich zurück nach Hause. Nach 10 Tagen landet die Crew dann – hoffentlich – sicher im Pazifischen Ozean.
So kann man Start und Flug verfolgen
Derzeit ist der Launch von Artemis II für den 1. April 18:24 Uhr Ortszeit am Kennedy Space Center geplant. Hierzulande kann man ihn also am 2. April um 0:24 Uhr verfolgen. Nicht nur der Start kann dabei live über den NASA-YouTube-Channel und NASA+ verfolgt werden. Die Mission kann anschließend mit der Artemis Real-time Orbit Website (AROW) getrackt werden (hier und über die NASA-App).