Russland stört mit Satelliten das GPS-Signal in Europa
Europa ist immer wieder von GPS-Störungen betroffen. In unterschiedlichen Regionen fällt das Navigationssystem dann mehrere Sekunden aus. Wissenschaftler und Experten der US Air Force vermuten jetzt, dass russische Satelliten dahinter stecken. Das berichtet die New York Times.
In einer kürzlich erschienenen Studie identifizierte Todd Humphreys vom Radionavigation Laboratory der University of Austin, Texas, eine solche weltraumgestützte Störquelle. Seit Oktober 2019 soll Russland damit GPS und GNSS-Ausfälle in Europa, Grönland und Kanada verursachen. Mindestens 75 Vorfälle wurden seither darauf zurückgeführt, heißt es in der Studie (hier als PDF bei arxiv.org). Der aktuellste Vorfall war im Februar, in der Regel sind Werktage zu europäischen Geschäftszeiten betroffen.
Stör-Events, die von den Studienautoren 2026 und 2021 dokumentiert wurden
© Todd Humphreys
Dabei handelt es sich aber nur um die eindeutig auf russische Satelliten zurückführbaren Störungen. Die Forscher vermuten eine weitaus höhere Dunkelziffer. Auch Mitglieder der US Air Force bestätigten gegenüber der NYT, über diese Vorfälle in Kenntnis zu stehen.
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Russische KOSMOS-Satelliten im Verdacht
Das störende Satellitensystem dürfte demnach das Vereinheitlichte Weltraum System (EKS) sein. Es besteht derzeit aus 6 aktiven Satelliten mit der Bezeichnung KOSMOS-25XX, die seit 2015 im Erdorbit sind. Es handelt sich dabei um ein Frühwarnsystem, u.a. für ballistische Flugkörper und Atom-Explosionen. Sie befinden sich im stark elliptischen Molnija-Orbit.
Die von den Forschern simulierte Flugbahn, auf der sich die störenden Satelliten bewegt haben dürften (blau)
© Todd Humphreys
Der konkrete Grund für die Störungen ist nicht eindeutig erkennbar. Eine Vermutung ist, dass Russland aktiv testet, ob Satelliten als Jammer aus dem All eingesetzt werden können.
Ganzen Kontinent lahmlegen
Die Sorge der Experten ist dabei, dass Satelliten Navigationssignale großflächiger und effektiver stören können, als die heute gängigen boden- bzw. luftgestützten Jammer und Spoofer. Jammer blockieren ein Signal, Spoofer verschieben es, um z.B. die tatsächliche Position eines Bootes zu verschleiern. Die jeweiligen Empfänger müssen aber innerhalb der begrenzten Reichweite dieser Transmitter sein, um manipuliert werden zu können.
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Aus dem All sieht das ganz anders aus. Ramsay Faragher vom Londoner Royal Institute of Navigation erklärte, damit könne täglich ein ganzer Kontinent vom GPS-Signal ausgeschlossen werden.
Die interaktive GNSS-Störungskarte der Stanford University zeigt tägliche Stör-Events an
© Stanford University
Doch es muss sich nicht zwingend um eine absichtlich ausgelöste Störung handeln. Es könnte auch der Fall sein, dass der reguläre Betrieb der Konstellation das GPS-Signal unabsichtlich stört.
Sekundenlange Störungen
So könnte es etwa sein, dass die jeweiligen Satelliten ein Kommunikationssignal in einer Frequenz aussenden, die auch GPS und GNSS nutzen. Jedes Mal, wenn sie senden und dabei in ihrem Orbit über der EU unterwegs sind, fällt das Signal aus, meist in Island oder Italien. Da eine solche Störung nur maximal 10 Sekunden andauert, kam es zu keinen signifikanten Vorfällen. Empfänger überbrückten die Ausfälle, indem sie z.B. auf die letzte bekannte Position zurückgriffen.
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Größere Bedenken äußern die Forscher aber darüber, dass dieses Problem über Jahre hinweg unentdeckt blieb. Russland teilte gegenüber der NYT mit: "Momentan kommentieren wir das nicht". Die EU-Kommission hingegen beteuerte, an einem System zu arbeiten, das solche Störungen erkennt und lokalisiert.
Laut NYT ist es das erste Mal, dass so eine großflächige Störung aus dem All stattfindet. Zwar gab es bereits 2 Fälle, in denen jeweils ein Satellit aus den USA und China das GPS-Signal störte. Beide Male war aber ein technischer Fehler die Ursache.
GNSS- und GPS-Jammer sind am Baltikum ein massives Problem
© Stanford University
Russland jammt GPS-Signale über der Ostsee
Russlands Stör-Satelliten dürften nicht der einzige Weg sein, um das GPS in Europa zu stören. Erst kürzlich berichtete etwa der Norddeutsche Rundfunk davon, dass die Navigation von Flugzeugen und Schiffen im Ostseeraum teils bis zu 5 Mal täglich gestört wird. Forscher vermuten in einer im März in Springer Nature veröffentlichten Studie, dass GPS-Spoofer und -Jammer in der russischen Enklave Kaliningrad zu vermuten sind, da in diesem Gebiet die Ausfall-Dichte besonders hoch ist.
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Um die Region gerade für den Flugverkehr sicherer zu machen, testet man ein System aus den 1990ern: Antennen an Land. Statt sich dort nur auf Satelliten zu verlassen, sollen Sendemasten "oder anderes, was ohnehin schon vorhanden ist" aufgerüstet werden, erklärte Jörg Kaufmann vom Hamburger Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie dem NDR.