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B2B
04/07/2014

Finnland nach Nokia: Umdenken statt Jammern

Nokia galt als das Aushängeschild der finnischen IT-Landschaft. Finnland hat mehr zu bieten als den Handy-Hersteller und hofft auf Unternehmen wie Rovio und Supercell.

Noch prangt an der Fassade des künftigen Microsoft-Headquarters in Espoo das alte Firmenlogo. Von der früheren, Bienenstock-artigen hektischen Betriebsamkeit ist vor dem dunklen Glas- und Stahlkomplex neben der Westautobahn nicht mehr viel übrig. Vom Nokia-Blues ist ansonsten aber wenig zu bemerken, wenn man dieser Tage die finnische Hauptstadt Helsinki besucht.

Es wird gebaut wie nie zuvor, auf den Straßen herrscht trotz des eisigen Spätwinterwetters emsiges Treiben, die Start-up-Szene boomt. Dass das Ende von Nokia als Handy-Riese und als monolithisches, die finnische Gesamtwirtschaft dominierendes Unternehmen für die Entwicklung des Landes letztlich gut war, davon ist unter anderem Valto Loikkanev vom Unternehmer-Service der Stadt Helsinki überzeugt.

Eine positive Sache

"Das Versagen von Nokia war eigentlich eine positive Sache. Es hat die Menschen zum Umdenken gezwungen. Die alte Mentalität war, dass der Wohlstand des Landes aus dem wirtschaftlichen Erfolg von Unternehmen wie Nokia, Finnair, den Papier-Unternehmen oder den Werften geschöpft wird." Diese Einstellung sei innerhalb weniger Jahre einem von der unternehmerischen Basis getragenen und Konsumenten-orientierten Ansatz gewichen, meint Loikkanen.

Beispiele für internationale Erfolge im Kielwasser des Nokia-Untergangs finden sich folglich kaum in der Handybranche, wo der Newcomer Jolla immer wieder als möglicher Nokia-Nachfolger gehandelt wird. Auch Spiele-Entwickler wie Roivo ("Angry Birds") oder Supercell ("Clash of Clans") aus der derzeit wohl am meisten gehypten Zukunftsbranche Finnlands sind, wenn es nach den Hoffnungen der finnischen Wirtschaftsstrategen geht, nur die Spitze eines künftigen Eisbergs aus Erfolgsstorys.

Koopee Hilttunen vom Dachverband der finnischen Spiele-Industrie schätzt den Anteil seiner Branche am Gesamtexport Finnlands auf 1,5 Prozent. Die Entwicklung sei in den vergangen Jahren exponentiell verlaufen. "2013 haben wir mit 850. Mio. Euro mehr verdient als der gesamte Rest des finnischen Kulturexports. Darunter fallen sowohl Musik ("Apocalyptica"; "Him", "Sunrise Avenue"), Film (Kaurismäki-Brüder) als auch Literatur (Sofi Oksanen, Arto Paasilinna und diverse Erfolgskrimi-Autorinnen).

Andere Branchen

Eine andere Branche mit viel Innovationspotenzial ist die Recycling- und Umweltindustrie. Hier haben sich die Finnen in den vergangenen Jahren Meriten erworben, indem sich Unternehmen auf die Bekämpfung von Ölteppichen auf dem Meer oder in der Abwässer-Reinigungsbranche spezialisiert haben.

Ein vielversprechendes Beispiel aus jüngerer Zeit ist die Firma ZenRobotics. Diese wurde 2007 als Startup zweier auf künstliche Intelligenz spezialisierten Wissenschafter gegründet. Das mittlerweile auf rund 40 Mitarbeiter angewachsene Unternehmen will hoch hinaus: "Wir sind nicht das neue Nokia, wir sind das Nokia, Shell und Microsoft der Zukunft in einem", gibt sicher der kommerzielle Direktor der Firma, Rainer Rehn, mehr als selbstbewusst.

Potenzial dürfte die Produktidee der Firma jedenfalls haben: ZenRobotics hat ein Analyse-Hardware-System entwickelt, das mit computergesteuerten Sensoren und Roboter-Greifarmen wertvolle Komponenten aus heillos zusammengewürfeltem Restmüll blitzschnell identifizieren und von Förderbändern herunterklauben kann. Prototypen sind in Mülltrennungsbetrieben in Finnland bereits im Einsatz.

Mithilfe von hoch spezialisierten Fachkräften soll in den kommenden Jahren das Unternehmen international ausgebaut werden. "Wir suchen jetzt schon Leute aus Ländern wie Deutschland und insbesondere aus Österreich", lockt Kommunikationschef Timo Haanpää unter Hinweis auf den hierzulande überdurchschnittlich gut entwickelten Recycling-Sektor heimische Arbeitskräfte nach Helsinki.