KNDS Capint
Schlanker Turm und fette Feuerkraft: Kampfpanzer Capint mit 140-mm-Kanone
Mitte Juni hat KNDS auf der Rüstungsmesse Eurosatory seinen neuen Kampfpanzer vorgestellt: Capint. Der Rüstungskonzern hat in Aussicht gestellt, dass dieser eine 140-mm-Kanone nutzen könnte – zu sehen war er aber nur mit dem derzeit üblichen Nato-Kaliber 120 mm.
Capint bei der Eurosatory
© REUTERS / Alice Sacco
Jetzt legt KNDS nach. In einem Video ist „Le Capint“ mit der 140-mm-Kanone in einem überraschend schlanken Turm zu sehen.
Das Video sieht zeitweise wie KI-Slop aus, was am Post-Editing liegt: Farben und Kontrast wirken fast so, als hätte KNDS einen Instagram-Filter über die Aufnahmen gelegt. Dieses „Das ist doch Fake!“-Gefühl kommt aber auch von der ungewöhnlichen Form des Turms.
Der Ascalon Demonstrator Turret (ADT 140) sieht nämlich extrem schlank aus, obwohl er so ein großes Geschütz beherbergt. Das erinnert ein wenig an eine Kreation aus dem Tabletop-Spiel Warhammer 40k: Der Mortian Battle Tank hat auch einen, verglichen mit der Wanne, schlanken Turm mit dicker Kanone.
Mortian Battle Tank aus Warhammer 40K
© Mortian
Unbemannter Turm
Der ADT 140 kann so schlank sein, weil er ein unbemannter Turm ist. Bei den westlichen Kampfpanzern, die derzeit im Einsatz sind, befinden sich der Kommandant, Schütze und Ladeschütze im Turm. Nur der Fahrer ist in der Wanne.
Bei einem unbemannten Turm sitzt die gesamte Besatzung in der Wanne. Der Turm wird von den Plätzen dort „ferngesteuert“. Daher wird dieses Konzept in Englisch „Remote Turret“ genannt. Der Ladeschütze entfällt, weil ein Autolader zum Einsatz kommt – das Geschütz wird also automatisch nachgeladen. Da auch der Kommandant die Aufgabe des Schützen bei Bedarf übernehmen kann, lässt sich ein Kampfpanzer mit unbemanntem Turm im Notfall sogar von nur 2 Personen bedienen.
Vorteile des Remote Turrets
Unbemannte Türme haben mehrere Vorteile. Die Besatzung ist in der stärker gepanzerten Wanne besser geschützt. Außerdem ist sie weiter von der Munition entfernt, sollte es durch einen Treffer zu Sekundärexplosionen im Magazin im Turm kommen.
Sind keine Menschen im Turm, kann dieser kompakter gebaut werden. Das reduziert Gewicht. Außerdem wird der Turm dadurch schwieriger zu treffen. Deshalb, und weil keine Menschen mehr darin geschützt werden müssen, kann theoretisch die Panzerung des Turms reduziert werden, um zusätzlich Gewicht zu sparen.
Die Überlegung der Rüstungshersteller dahinter ist, dass der Turm ohnehin immer die Schwachstelle eines Kampfpanzers ist. Besonders die Oberseite ist dünner gepanzert als der Rest des Fahrzeugs. Und wie der Ukraine-Krieg gezeigt hat, können selbst improvisierte, günstige Kamikaze-Drohnen Kampfpanzer zerstören. Auch moderne Panzerabwehrwaffen durchschlagen problemlos den Turm eines Kampfpanzers.
Um die geringere Panzerung auszugleichen, werden Reaktivpanzerung und automatisierte Abwehrsysteme genutzt, wie etwa das israelische Trophy APS.
Auch angedacht ist die Sekundärbewaffnung, also die Maschinenkanone oder das Maschinengewehr am Dach des Turms, zu automatisieren. Dieses könnte dann anfliegende Drohnen mit Bilderkennung erfassen und schon auf einige Hundert Meter Entfernung beschießen.
Auf dem ADT 140 ist das noch nicht zu sehen, der Turm ist quasi „nackt“. Lediglich das drehbare, elektronische Sichtsystem ist im Video zu erkennen, vorne links auf dem Turm. Es kann also sein, dass die finale Version des ADT 140 durch Auf- und Anbauten merkbar zunehmen wird.
Capint mit 140-mm-Kanone.
© KNDS
140 mm statt 120 mm
Das setzt allerdings voraus, dass sich ein Land zum neuen Kaliber bekennt. Denn der 120-mm-NATO-Standard ist weit verbreitet. Es wird unter anderem vom M1A2 Abrams und dem Leopard 2 genutzt, dem Leclerc und Challenger 2, bis hin zum israelischen Merkava und südkoreanischen K2.
Wenn eine Nation als erstes den ersten Schritt wagt und auf 140 mm umstellt, ist das mit einem hohen Logistikaufwand und hohen Kosten verbunden. Schließlich braucht man auch ausreichend Munition für das neue Kaliber, muss die Infrastruktur anpassen und Erfahrungswerte sammeln. Davon profitieren dann die Nationen, die erst danach umsteigen. Sollten sich also nicht gleich mehrere Länder zusammentun und gemeinsam den Schritt wagen, ist es ein rüstungstechnisches „Schisshase“-Spiel: Wer traut sich zuerst umzusteigen?
KNDS ist sich dessen voll bewusst. Deshalb wird die Ascalon-Familie damit beworben, dass sie untereinander kompatibel ist. Nutzt jetzt ein Panzer einen Ascalon-Turm mit 120-mm-Kanone, soll dieser später einfach durch die 140-mm-Variante ausgetauscht werden können.
Warum ein größeres Kaliber?
Der Vorteil des größeren Kalibers: mehr Reichweite und Durchschlagskraft. Die technischen Fortschritte bei Reaktivpanzerung, die beim Aufprall des Geschosses explodiert, um dieses abzuwehren oder zumindest die Wucht des Aufschlags so stark zu dämpfen, dass die eigentliche Panzerung nicht durchschlagen wird, haben das Kaliberthema angestoßen. Auch in Deutschland wird darüber nachgedacht. Rheinmetall hat etwa für den KF51 Panther eine 130-mm-Kanone vorgesehen.
Ähnlich wie KNDS bietet Rheinmetall auch an, später aufzurüsten. Für Italien wird gerade der New Main Battle Tank (NMBT) auf Basis des KF51 entwickelt, aber mit 120-mm-Kanone. Laut Rheinmetall soll es möglich sein, diesen Panzer in weniger als 12 Stunden auf die neue 130-mm-Kanone umzurüsten.
Der NMBT wird von Rheinmetall gemeinsam mit Leonardo entwickelt.
© REUTERS / Alice Sacco
Capint ist eine Zwischenlösung
Capint steht für Capacité Intérmédiaire. Wie der Name schon sagt, ist er eigentlich als Übergangslösung gedacht. Frankreich will nämlich seine Leclerc-Kampfpanzer bis 2038 in Pension schicken.
Unter dem Namen MGCS (Main Ground Combat System) wird ein Nachfolger entwickelt, zusammen mit Deutschland. Der wird aber voraussichtlich erst Mitte der 2040er-Jahre in ausreichender Stückzahl zur Verfügung stehen, um bei Frankreichs Armee den Leclerc und bei der Bundeswehr den Leopard 2 zu ersetzen.
Und diese Lücke will KNDS mit dem Capint stopfen. Vorausgesetzt, Frankreich entscheidet sich bald für den Panzer, könnten die ersten Stück 2035 ausgeliefert und eine volle Einsatzbereitschaft im Jahr 2037 erreicht werden.
Capint mit 120-mm-Kanone bei der Eurosatory
© APA/AFP/GUILLAUME BAPTISTE / GUILLAUME BAPTISTE
Der Hintergedanke von KNDS: Wenn sich Frankreich und Deutschland beim MGCS nicht auf einen gemeinsamen Fahrplan einigen können, wird der Capint einfach der neue Kampfpanzer der französischen Armee. Da erst Anfang Juni Frankreich und Deutschland beschlossen haben, das gemeinsames Kampfjet-Projekt FCAS wegen Unstimmigkeiten aufzugeben, dürfte auch das seit 2012 laufende MGCS auf wackeligen Beinen stehen.
Mit dem unbemannten Turm, entweder mit 120-mm- oder 140-mm-Kanone, erfüllt Capint jedenfalls schon jetzt eine der wichtigen Anforderungen an MGCS. Außerdem wird Capint weitere Features von MGCS bieten, bzw. soll damit nachrüstbar sein. Dazu gehört eine volle Integration von KI, etwa zur autonomen Navigation und Zielerkennung sowie Erfassung, aktive und passive Abwehrmaßnahmen, Drohnenabwehr, die Möglichkeit Drohnen-Bodenfahrzeuge zu befehligen und die Integration von Waffensystemen, die ohne direkte Sichtlinie ihr Ziel treffen können (z.B. ein Starter für Kamikaze-Drohnen).
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