KC-135
Air Force will Tankflugzeuge mit Mini-Raketen bewaffnen
Tankflugzeuge sind die heimlichen Helden großer Luftstreitkräfte. Sie sorgen dafür, dass Kampfjets und Bomber ihre Ziele erreichen und danach auch wieder genügend Sprit haben, um nachhause zu kommen.
Um etwa die globale Reichweite der B-52 Bomber demonstrieren, flogen 3 Stück 1957 nonstop rund um die Welt – 39.165 km in 45 Stunden. Möglich war das nur durch mehrere Luftbetankungen durch KC-97s.
Diese strategische und taktische Wichtigkeit macht Tankflugzeuge zu prioritären Zielen für die Feinde: Denn ohne sie bricht die Logistik zusammen und schränkt die Einsatzreichweite und -häufigkeit massiv ein. Daher werden Tankflugzeuge besonders geschützt und halten sich meist weit außerhalb der Reichweite feindlicher Luftabwehr auf. Wegen neuer Luftabwehrraketen und Stealth-Fighter schwindet der Schutz aber.
Die Air Force überlegt deshalb, wie Lufttanker zukünftig geschützt werden könnten. Eine Option dafür sind Mini-Raketen.
KC-135 betankt eine F-16
© US Air Force
Die letzte Verteidigungslinie
Kevin Stamey, leitender Program Officer für die Tank- und Transportflugzeuge der US Air Force, sprach diese Woche darüber in einem Interview. „Eine Technologie, die wir uns gerade sehr genau ansehen, ist die kinetische Selbstverteidigung für unsere Tankflugzeuge. Wir sehen das als eine Art letzte Verteidigungslinie. Wenn alle Stricke reißen und die Bedrohung die Kill Chain durchbrochen hat, haben wir damit immer noch die Möglichkeit, unsere Tankflugzeuge zu beschützen“, sagt Stamey.
Er ergänzt, dass die Abwehrmöglichkeit unabhängig davon sein soll, ob die anfliegende Rakete einen Infrarot- oder Radarsuchkopf hat. „Wenn wir die Rakete kinetisch ausschalten können, müssen wir uns außerdem nicht auf elektronische Kriegsführung und Täuschkörper verlassen, die zwar gegen manche Raketen funktionieren, aber nicht gegen alle.“
Kinetische Waffensysteme
Stamey geht nicht ins Detail, was für ihn eine kinetische Verteidigungswaffe ist. Prinzipiell wird im Militärjargon von kinetisch gesprochen, wenn ein physisches Objekt, also ein Projektil oder eine Rakete, eingesetzt wird. Non-Kinetic-Maßnahmen wäre etwa elektronische Kriegsführung, wie Jammer oder Infrarotstrahlen, um den Hitzesuchkopf einer Rakete zu blenden. Energiewaffen, wie Laser und Mikrowellen, sind ebenfalls nicht-kinetisch.
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Ein Projektil-basiertes Abwehrsystem macht bei einem Flugzeug eher wenig Sinn. Aufgrund der hohen Geschwindigkeit von Flugzeug und anfliegender Rakete müsste eine Art Schrot- bzw. Richtsplitterladung eingesetzt werden, damit die Abfangwahrscheinlichkeit hoch genug ist. Diese haben aber eine zu geringe Reichweite. Wird die anfliegende Rakete zu nahe am Tankflugzeug zerstört, können Splitter und Trümmer dieses beschädigen und zum Absturz bringen.
KC-135
© US Air Force
Miniature Self-Defense Munition
Damit bleiben als Option Raketen. Die Air Force arbeitet bereits seit über 10 Jahren an so einem Konzept. 2015 ist erstmals die Miniature Self-Defense Munition (MSDM) öffentlich gemacht worden. Die Air Force beschrieb das Projekt damals als „extrem-agile, schnell reagierende Mini-Rakete, mit einem sehr günstigen, passiven Suchkopf“.
Air-Force-Dokument zeigt das Projekt MSDM
© US Air Force
Die angestrebte Gesamtlänge der Rakete sollte in etwa einen Meter betragen. Zum Vergleich: Die amerikanische Kurzstrecken-Luft-Luft-Rakete AIM-9X Sidewinder ist 3 Meter lang.
Die Rüstungskonzerne Raytheon und Lockheed bekamen Aufträge, um an MSDM zu arbeiten. 2020 bekam Raytheon einen Folgeauftrag für MSDM. Dafür wurde der Programmname geringfügig angepasst. Das M steht jetzt für Missile statt Munition.
Dieser Vertrag sieht vor, dass eine Rakete für Flugtests entwickelt und gebaut wird. Ob das bereits passiert ist, weiß man nicht: Bisher hat Raytheon keinerlei Informationen zu den Arbeiten an MSDM öffentlich gemacht. Dass Stamey das Konzept jetzt in einem Interview erwähnt hat, könnte aber ein Zeichen dafür sein, dass Flugtests bevorstehen oder zumindest signifikante Fortschritte beim MSDM-Programm gemacht wurden.
Northrop patentierte Schutzsystem
Northrop Grumman ist zwar nicht offiziell im Programm involviert, will aber anscheinend auch mitmischen. 2017 hat der Flugzeughersteller ein Patent für ein kinetisches Flugzeug-Schutzsystem erhalten. Dies sah einen ausfahrbaren Launcher mit mehreren Mini-Raketen vor, um anfliegende Raketen abzuschießen.
Grafiken im Patent von Northrop Grummans Abwehrsystem
© U.S. Patent Office
Die Patentzeichnungen zeigen ein futuristisches Kampfflugzeug. Womöglich wollte Northrop mit dem System seine Einreichung für die F/A-XX aufwerten. Die F/A-XX ist die Navy-Variante des NGAD-Projekts der Air Force. Bei NGAD gewann Boeing mit der F-47. Der Sieger von F/A-XX wurde noch nicht verkündet. Nach aktuellem Stand sind nur noch Boeing und Northrop im Rennen.
© Northrop Grumman via The War Zone
2018 hat die Navy eine eigene Ausschreibung für ein Schutzsystem für Transport- und Tankflugzeuge gestartet. Für das HKSPCS (Hard Kill Self Protection Countermeasure System) brachte die Navy die Option ins Spiel, dass nicht nur einzelne Mini-Raketen gestartet werden, sondern mehrere gleichzeitig, um die anfliegende Rakete zu zerstören.
Drohnen statt Raketen?
Diese Idee einer Abwehrsalve könnte womöglich auch eine Alternative für die Air Force zu MSDM sein. Denn seit mindestens 2023 wird am KC-135 Drone Delivery Mechanism (DDM) gearbeitet. Damit sollen KC-135 Tankflugzeuge die Möglichkeit bekommen im Flug Drohnen zu starten, etwa zur Aufklärung oder mit Jammern, um mittels elektronischer Kriegsführung eine Art Schutzschirm rund um das Einsatzgebiet des Tankflugzeugs aufzubauen.
Die Basis von DDM ist die Common Launch Tube (CLT). Das sind genormte Rohre, um von Flugzeugen und Drohnen aus kleinere Drohnen oder Lenkwaffen zu starten. Bei der KC-135 kann etwa das System nachgerüstet werden, indem die Tür links hinten ausgetauscht wird. Einige Varianten der AC-130 wurden auf ähnliche Art nachgerüstet. Dort wird der Mechanismus „Derringer Door“ genannt.
Links die Derringer Door mit Abschussvorrichtungen für 2 CLTs. Rechts daneben das unbestückte Aufbewahrungsgestell für 10 CLTs
© US Navy
Mit dem System könnten von der KC-135 mehrere Drohnen gleichzeitig bzw. in kurzer Folge gestartet werden, die dann versuchen, die anfliegende Rakete auszuschalten. Ein Vorteil des Derringer-Door-Systems ist, dass CLTs vom Flugzeuginneren nachgeladen bzw. ausgetauscht werden können.
CLTs, die bei der Rampe einer AC-130 installiert wurden
© US Air Force
Der Nachteil: Die daraus gestarteten Drohnen haben womöglich nicht die nötige Geschwindigkeit und Beweglichkeit, um etwa eine chinesische PL-17, die mit mehr als Mach 4 (5.000 km/h) fliegt, verlässlich abzufangen. Zum Beispiel erreicht eine Raytheon Coyote Block 2, die aus CLTs gestartet werden kann und zur Drohnenabwehr gedacht ist, nur 600 km/h.
Die normale Reisegeschwindigkeit der KC-135 ist aber schon 850 km/h. Um eine frontal zufliegende Rakete abzufangen, müsste die KC-135 also rechtzeitig abdrehen und dann die Drohnen starten, weil die Drohnen nicht die KC-135 überholen können. Und jedes nötige Manöver ist eines zu viel, wenn man versucht einer Rakete zu entkommen, die sich jede Sekunde um 1,4 km nähert.
Abwehrraketen mit 1.600 km Reichweite
Die beste Möglichkeit wäre natürlich gar nicht erst beschossen zu werden. Außerhalb der Reichweite der Feinde zu bleiben, ist aber bald keine Option mehr. Denn die zuvor erwähnte PL-17 soll eine Reichweite von über 400 km haben und das Stealth-Flugzeug J-36, das China gerade testet, könnte einen internen Waffenschacht haben, der groß genug für diese fast 6 Meter lange Rakete ist.
Das heißt, China könnte damit nicht nur aus großer Entfernung die US-Tankflugzeuge anvisieren, sondern würde auch bis zum Start der Rakete unbemerkt bleiben. So können US-Kampfjets die J-36 nicht vor dem Start der PL-17 abfangen. Andere Verteidigungslinien, wie etwa mit Luftabwehrraketen bewaffnete US-Zerstörer, die auch Flugzeugträger vor Luftangriffen schützen, haben weniger Zeit zum Reagieren.
Auch vom Boden gestartete Luftabwehrraketen werden laufend weiterentwickelt. Die Raketen von Russlands S-500 Prometheus sollen eine Reichweite von bis zu 600 km haben.
Und die Air Force rechnet damit, das spätestens im Jahr 2050 mehrere Nationen Luftabwehrraketen haben, die die 1.000-Meilen-Marke knacken – also Reichweiten von über 1.600 km haben. Das ist mehr als die Kampfradien der derzeitigen Air-Force-Jets. Bei einer F-35A beträgt dieser etwa 1.240 km. Dadurch ist die Chance sehr hoch, dass eine KC-135 in Reichweite einer solchen bodengestarteten Luftabwehrrakete gerät, wenn sie F-35As für Kampfmissionen betankt.
„Dieses kinetische Verteidigungssystem wird notwendig, wenn wir Tankflugzeuge erfolgreich in die sogenannte Weapons Engagement Zone bringen müssen“, sagt Stamey: „Unsere Feinde bauen weitreichende Luftabwehrwaffen, um gezielt unsere Tankflugzeuge zurückzudrängen. Sie glauben, dass die Tanker einfachere Ziele sind als eine F-35A oder F-47.“
Stealth-Tankflugzeuge
Wenn das Abstandhalten keine Option ist, bleibt noch: nicht gesehen werden. Hier kommt NGAS ins Spiel – Next Generation Air Refueling System. Die Air Force sucht mit diesem Projekt das Tankflugzeug der Zukunft. Dies soll aktive Verteidigungssysteme gegen Raketen haben und könnte Stealth-Eigenschaften aufweisen.
Konzeptbild von Lockheed Martin für ein Stealth-Tankflugzeug
© Lockheed Martin
Bis ein solcher Stealth-Tanker einsatzbereit ist, könnten aber noch Jahrzehnte vergehen. Und selbst wenn es soweit ist, können vermutlich nicht schnell genug die benötigten Stückzahlen gebaut werden, um damit bis 2050 die derzeit 150 aktiven KC-135s der Air Force zu ersetzen.
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KC-135
© US Air Force
Die US Navy, die bei einem bewaffneten Konflikt mit China mit ihren Flugzeugträgern und Flugzeugen an vorderster Front stehen würde, hat eine eigene Übergangslösung in Arbeit: die MQ-25. Dabei handelt es sich um eine Luftbetankungsdrohne.
Deren Stealth-Eigenschaften sind zwar nicht ganz so gut wie etwa bei einer F-35C, dafür ist sie aber mit 15 Metern Länge ein kleineres Ziel als etwa eine KC-135 (41,5 Meter). Außerdem kann sie von Flugzeugträgern aus starten, wodurch die Navy unabhängiger von der Air Force wird.
Die Navy nutzt bereits ein ähnliches Konzept. Der von Flugzeugträgern startende Kampfjet F/A-18 Super Hornet kann mit einem ARS (Aerial Refueling System) ausgerüstet werden und so andere Kampfjets in der Luft betanken.
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