Die Doping-Games der Tech-Milliardäre
Erbarmungslos brannte die Sonne auf die Marathonläufer herunter, die sich 1904 bei den Olympischen Spielen auf staubigen Straßen quälten. Einer von ihnen war Thomas Hicks. Er war völlig erschöpft, aber seine Betreuer wussten Rat: Sie gaben ihm rohes Eiweiß, einen Schluck Brandy und Strychnin – ein Rattengift. Strychnin kann tödlich sein, aber in kleinen Dosen kann es auch leistungssteigernd wirken. Hicks schaffte es ins Ziel, wurde Olympiasieger – und brach zusammen.
Streng genommen war vor ihm schon ein anderer Läufer ins Ziel gekommen, der wurde allerdings disqualifiziert, weil er einen Teil der Strecke mit dem Auto zurückgelegt hatte. Leistungssteigernde Gifte wie Strychnin waren damals akzeptiert, aber Leistungssteigerung durch Automobile – das ging dann doch zu weit. Heute steht Strychnin auf der Dopingliste, zusammen mit vielen anderen Mittelchen.
Die „Enhanced Games“: Doping? Ja bitte!
Doping gibt es schon lange. Aber in diesen Tagen im Mai 2026 wird der Geschichte des Dopings ein ganz neues Kapitel hinzugefügt: In Las Vegas finden nämlich die „Enhanced Games“ statt, ein großer Sportwettbewerb, bei dem leistungsfördernde Mittel nicht verboten sind, sondern ausdrücklich zum Wettbewerb gehören. Die Preisgelder sind deutlich höher als bei gewöhnlichen Wettbewerben, mit Weltrekorden ist zu rechnen – auch wenn sie aus Dopinggründen nicht offiziell anerkannt werden.
Hinter den Enhanced Games steht eine ganze Reihe reicher Geschäftsleute: Neben dem Gründer Aron D‘Souza ist etwa Peter Thiel dabei, Board Chair von Palantir, der Demokratie und Freiheit für unvereinbar hält, sich eine uneingeschränkte Herrschaft von Technologiekonzernen wünscht und den Vizepräsidenten J.D. Vance ins Weiße Haus gebracht hat. Oder der indische Investor Balaji Srinivasan, der die US-Technologiebranche gerne aus den USA herauslösen würde, als eine Art „online Network-State“. Zu Peter Thiel hat Srinivasan enge Verbindungen – wie auch zum rechtsextrem-libertären Vordenker Curtis Yarvin.
Auch Donald Trump Junior hat geholfen, die Enhanced Games zu finanzieren: Für ihn passen die Spiele perfekt zur MAGA-Bewegung seines Vaters – schließlich geht es um „Exzellenz, Innovation und die amerikanische Vorherrschaft auf der Weltbühne“, erklärte er. Mit dabei ist auch der deutsche Investor Christian Angermayer, der sich mit Transhumanismus und Longevity-Forschung beschäftigt.
Transhumanismus: Der Traum vom neuen, besseren Menschen
Das zeigt ziemlich klar die ideologische Ausrichtung dieser Veranstaltung: Es geht um Träume von einem neuen Menschentyp, technisch optimiert, dem Diktat der Naturgesetze entzogen. Doping ist nur der erste Schritt – auch über genetisches Umprogrammieren wird fantasiert, und über technologische Verbesserungen des Körpers. Warum soll man eines Tages nicht auch Prothesen, Exoskelette oder implantierte Motoren verwenden dürfen? Was der menschliche Körper nicht hergibt, regelt einfach der freie Markt!
Aus wissenschaftlich-medizinischer Sicht ist diese Entwicklung katastrophal. Doping ist aus guten Gründen verboten: Sport soll eigentlich etwas Gesundheitsförderndes sein, aber viele Dopingmittel – auch modernere als Strychnin und Brandy – sind massiv gesundheitsschädlich. Anabolika und Testosteron-Derivate können das Herz-Kreislauf-System schädigen. Auch hormonelle Probleme, bis hin zu Unfruchtbarkeit und Libido-Verlust treten auf. Wachstumshormone können eine breite Palette von schädlichen Wirkungen hervorrufen, etwa Herzvergrößerung, Gelenksprobleme oder Diabetes – und dabei sind die Langzeitfolgen noch kaum untersucht. EPO-Doping erhöht die Zahl der roten Blutkörperchen, das Blut kann dabei viskoser werden, die Gefahr von Thrombosen, Schlaganfällen und Herzinfarkten steigt.
Relativ gut erforscht sind Gesundheitsprobleme bei Profi-Bodybuildern, bei denen Doping schon seit Jahrzehnten üblich ist. Die Ergebnisse sind ernüchternd: Bei ihnen kommt es auffallend häufig zu Veränderungen am Herzen, das Risiko für plötzlichen Herztod ist deutlich erhöht. Zu möglichen Nebenwirkungen zählen auch Hormonprobleme, etwa Brustwachstum bei Männern, oder auch psychische Symptome wie Paranoia oder aggressives Verhalten.
Wenn nun ein gut organisierter Zirkel von Tech-Investoren aus diesen schwer gesundheitsschädlichen Praktiken ein profitables Wettkampfspektakel macht, dann ist das ein Tabubruch: Menschliche Gesundheit wird zur Ware, die man Menschen zum Spaß für Geld abkaufen kann. Der menschliche Körper wird zum Tech-Tool, wie ein Automotor, aus dem man mit ein paar neuen Turbo-Tricks ein bisschen mehr Leistung herauskitzelt.
Ist das Freiheit?
Aber wenn die Sportler erwachsene Menschen sind, die sich aus freien Stücken dafür entschieden haben? Muss man dann nicht eigentlich als freiheitsliebender Mensch dafür sein? Nein, muss man nicht. Was hier produziert wird, ist das Gegenteil von Freiheit. Sollten sich die „Enhanced Games“ tatsächlich etablieren, wird sich irgendwann jeder Sportler und jede Sportlerin fragen müssen: Wie viel ist mir meine Gesundheit wert? Verzichte ich auf das eine oder andere Jahrzehnt an Lebenserwartung, wenn dafür ein hohes Preisgeld winkt? Das ist nicht Freiheit, das ist eine völlig neue Art von äußerem Druck. Solche Entscheidungen soll niemand treffen müssen. Wir erlauben es schließlich aus guten Gründen nicht, dass Leute für Geld eine Niere verkaufen.
Was von den transhumanistischen Tech-Bros hier betrieben wird, ist eine Dreiteilung der Gesellschaft: Das gemeine Volk zerfällt in die Gruppe der Privilegierten, denen großzügige Sponsoren ermöglichen, ihren Körper zu optimieren, und die Gruppe der Unprivilegierten, die mitlaufen können, aber keine Chance haben. Diese beiden Klassen kann man dann wunderbar gegeneinander ausspielen, während darüber die dritte Klasse thront – die der Tech-Milliardäre selbst, die dieses Spektakel organisieren und von der Bühne aus beobachten. Wie römische Imperatoren, die sich bejubeln lassen, während die Gladiatoren unten im Sand einander gerade allerlei Körperteile abhacken.
Mit Sport, Anstand, Fairness oder gar mit Demokratie hat das nichts zu tun. Aber solche Werte sind offenbar altmodisch und unbeliebt geworden, in den Tech-Zentren der 2020er-Jahre. Wir designen den neuen Menschen und verleihen der rundumoptimierten Einzelperson ungeahnte Fähigkeiten. Dabei zerlegen wir die Gesellschaft in eine unsolidarische Masse egoistischer Einzelkämpfer und verlieren Gemeinschaftsfähigkeiten, die wir dringend brauchen würden.
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