Meinung
28.06.2016

Fußballstatistik und tote Katzen

Sportkommentatoren füllen die Zeit mit unsinnigen Statistiken. Von verlässlichen Daten zum dummen Aberglauben ist es manchmal nur ein kleiner Sprung.

Fußball ist eine interessante Sache. Bunt gekleidete Leute versuchen angestrengt, eine luftgefüllte Kugel mit ihren Füßen in ein eckiges Metallgestell zu transportieren. Eine andere Gruppe von Leuten hat aber etwas dagegen und bemüht sich, die Luftkugel in ein gegenüberliegendes Metallgestell zu treten.

Anstatt diesen Interessenskonflikt in Ruhe auszudiskutieren und sich gemeinsam auf eines der Metallgestelle zu einigen, stören die beiden Gruppen einander gegenseitig, sodass oft lange Zeit niemand sein Ziel erreicht und die Kugel bloß öde in der Mitte der Wiese hin und her gerollt wird. Nach etwa 45 Minuten gibt es eine Pause, und wenn die bunten Leute danach zurückkommen, haben sie alle ihre Meinung geändert: Wer anfangs für das rechte Metallgestell war, bevorzugt danach das linke und umgekehrt. Wieder besteht keine Einigkeit.

Wissenschaftlich betrachtet ist das alles sehr merkwürdig. Ganz besonders zu bemitleiden sind die Sportkommentatoren: Sie haben nämlich die Aufgabe, interessante Dinge über seltsamen Vorgänge auf dem Rasen zwischen den Metallgestellen zu erzählen. Und wenn dort unten nichts Spannendes passiert, dann müssen sie sich selbst etwas Spannendes ausdenken. Immer wieder kommt es dabei zu bedauernswerten Ausbrüchen von Statistik.

Zahlen lügen nicht, aber sie reden Unfug

Ohne dass man sich wehren kann wird man dann von den Kommentatoren mit ungepolsterten Zahlen beworfen: Drei komma sieben Kilometer ist der Mittelfeldspieler bereits gelaufen, von acht Pässen kamen bisher nur fünf an – eine miserable Passquote von zweiundsechzigeinhalb Prozent. Das klingt wissenschaftlich und objektiv, sagt aber ähnlich viel über den Spieler aus wie die Haarfarbe seiner Schwiegermutter. Acht Pässe sind zu wenig, um eine aussagekräftige Statistik zu erstellen. Vielleicht sind die ersten drei nur deswegen zum Gegner gelangt, weil er sich mutig in Situationen gestürzt hat, die ein anderer von vornherein verloren gegeben hätte?

Besonders beliebt sind die richtig großen Mythen, die einen Spannungsbogen über die Jahrzehnte ziehen: England leidet unter dem mysteriösen Auftaktspiel-Fluch, noch nie konnte die Mannschaft ihr erstes Spiel bei einer Europameisterschaft gewinnen. Das ist eine statistisch völlig korrekte Beobachtung – doch hat es irgendeine Vorhersagekraft für das englische Auftaktspiel bei der nächsten Europameisterschaft? Nein. Irgendein Team muss es immer geben, das bei den Auftaktspielen zufällig schlecht abschneidet. Oder bei Spielen, die an einem Dienstag stattfinden. Oder bei Schiedsrichtern mit Katzenhaarallergie. Mit ausreichend viel Statistik kann man beliebig viele Serien, Auffälligkeiten und Scheinzusammenhänge herstellen. Allenfalls kann eine solche Statistik, wenn sie von vielen Medien immer wieder aufgekocht wird, das Selbstvertrauen des Teams verderben und zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden.

Wer Muster sucht, wird Muster finden

Österreichs Fußballhoffnungen werden von Ungarn zerlegt wie die Theorie der Auramassage von einer doppelt verblindeten, placebokontrollierten Studie. Doch in den letzten Minuten des Spiels zählt der Kommentator noch hoffnungsvoll auf, welche Tore der österreichischen Mannschaft in den letzten Jahrzehnten erst in der Nachspielzeit fielen. Die Spieler von damals sind zwar längst zu bierbäuchigen Nachwuchsmannschaftstrainern im Jogginganzug mutiert, am Platz steht eine völlig neue Generation, aber mit Hilfe der Statistik versucht man, die erfolgreichen Schlussminuten von damals in die Gegenwart herüberzuholen.

Wir suchen nach Mustern in vergangenen Ergebnissen, im Verhalten der Spieler, in sportlichen Nebensächlichkeiten. Und wenn wir solche Muster gefunden haben, dann halten wir sie für feste Regeln, auch wenn es gar keinen logischen Grund dafür gibt. Das ist ganz natürlich – das menschliche Gehirn funktioniert nun einmal so. Aber klug ist das nicht.

Der deutsche Stürmer Mario Gomez singt vor dem Spiel die Hymne nicht mit. Als Fünfzehnjähriger hat er einmal auf das Singen verzichtet und dann ein Tor geschossen – zwei Ereignisse, die miteinander absolut nichts zu tun haben, aber Gomez hat sie für sich zu einem festen Naturgesetz zusammengeklebt. Erstaunlich vielen Spielern ist es wichtig, das Spielfeld jedes Mal mit demselben Fuß zu betreten – meist muss es der rechte sein, etwa bei Christiano Ronaldo aus Portugal oder dem österreichischen Stürmer Mark Janko.

Marko Arnautovic besteht darauf, immer als letzter Spieler seiner Mannschaft den Platz zu betreten. Er sollte daher niemals im selben Team spielen wie Kolo Touré aus der Elfenbeinküste – der erhebt nämlich denselben Anspruch. Zu Problemen führe das 2009 bei einem Champions League Spiel, weil einer von Tourés Teamkollegen am Ende der Halbzeitpause noch verarztet werden musste. Touré bestand darauf, noch draußen zu warten und schummelte sich erst später auf den Platz, ohne Erlaubnis des Schiedsrichters, dafür gab es die gelbe Karte.

Laurent Blanc küsste bei der Weltmeisterschaft 1998 vor jedem Spiel die Glatze seines Torhüters Fabien Barthez. Es dürfte sich gelohnt haben, Frankreich wurde Weltmeister. Trotzdem sollte man sich daran nicht unbedingt ein Beispiel nehmen: Arbeitsrechtlich gesehen ist es nicht empfehlenswert, zu Beginn des Meetings die Glatzen der Bürokollegen zu küssen – zumindest nicht ohne deren ausdrückliche Einwilligung.

Manche Sportler tragen nach einem Sieg beim nächsten Spiel wieder dieselbe Unterwäsche, um sich weiterhin mit dem süßen Duft des Erfolges zu umgeben. Andere – etwa Petr Čech bei der Europameisterschaft 2012 – rasieren sich nicht, solange sie gewinnen und kultivieren in erfolgreichen Zeiten einen mächtigen Glücksbart. Kann es sein, dass manche Wissenschaftler eine ähnliche Strategie verfolgen? Hat der nette Mathematikprofessor aus dem zweiten Stock irgendwann vor Jahrzehnten versprochen, Bart und Strickpullover nicht abzulegen, so lange er sich nicht verrechnet? Manch akademischer Modegeschmack ließe sich so vielleicht erklären.

Flüche, Salz und tote Katzen

Harmlos ist das alles im Vergleich zu Romeo Anconetani, dem Präsidenten des AC Pisa. Er war überzeugt davon, dass es Glück bringt, Salz auf dem Spielfeld zu verstreuen. Vor einem besonders wichtigen Match soll er den Rasen mit 26 Kilo Salz überzogen haben. Ob danach dort noch Gras wachsen konnte, ist nicht überliefert.

Neben den Glücksritualen im Fußball gibt es natürlich auch das Gegenteil: Obskure Flüche und Unglückszauber. Auf dem Trainingsplatz von Inter Mailand trieb sich eine Zeit lang eine schwarze Katze herum. Als der Verein in eine Pechsträhne schlitterte, soll Fußballstar Luis Figo das Unglückstier mit dem Auto überfahren haben. Die Fans waren erbost – Figo stritt die Tat aber ab, das tatsächliche Schicksal der Katze ist ungeklärt.

Viel rauer noch ging es allerdings in den Sechzigerjahren in Buenos Aires zu: Als die Mannschaft Buenos Aires Racing Club gerade ihren Sieg über Celtic feierten, drangen Fans des Stadtrivalen Independiente in ihr Stadion ein und vergruben dort gleich sieben tote Katzen. Fünfunddreißig Unglücksjahre ohne Meisterschaftstitel folgten. Erst als man sich auf die Suche nach den Überresten der Tiere machte und ihre Gebeine ausgrub, wurde Racing Club wieder Meister.

Die berühmteste Fußball-Schauergeschichte ist aber wohl der Fluch von Benfica Lissabon: Mit dem großen Fußballtrainer Béla Guttmann hatte die Mannschaft zweimal den Europapokal gewonnen. Als Guttmann dann aber 1962 den Verein im Streit verließ, prophezeite er: In hundert Jahren werdet ihr in Europa keinen Titel mehr gewinnen! Achtmal stand Benfica Lissabon seither im Europacup-Finale – und alle acht Spiele wurden verloren. Kann das denn Zufall sein?

Ja klar kann das Zufall sein. Fußball ist nun mal ein Sport, der vom Zufall lebt. Selbst kleine, unbedeutende Mannschaften können mit einem einzigen unerwarteten, überraschenden Tor einen großen Favoriten ausschalten. Genau das macht den Reiz dieser Sportart aus. Und genau deshalb ist es auch nicht verwunderlich, wenn gerade auf dem Fußballfeld der Aberglaube wuchert.

Man sollte über merkwürdige Statistiken, obskure Glücksbringer und unglaubwürdige Scheinzusammenhänge im Fußball lächeln und sich lieber auf wirklich wichtige Dinge konzentrieren: Zum Beispiel darauf, die richtigen Kartoffelchips zu kaufen. Genau die Sorte nämlich, die ich gegessen habe, als meine Mannschaft gewonnen hat, beim letzten Mal. Dann kann eigentlich nichts mehr schiefgehen.

Florian Aigner

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.