Netzpolitik
23.01.2018

"Bei Fake News sitzen wir alle im selben Boot"

Hasspostings, russische Trolle und Fake-News: Bei der Innovationskonferenz DLD wurde darüber diskutiert, wie das Vertrauen in die Demokratie zurückgewonnen werden kann.

Desinformation und Hasspostings, die setzen der Demokratie und den Medien zu. Wie das Vertrauen wieder hergestellt werden kann, war am Sonntagabend Thema bei der Münchner Innovationskonferenz DLD, die heuer unter dem Motto "Reconquer" ("Zurückerobern") steht. "Wie sind wir überhaupt in dieses Schlamassel geraten?", fragte der US-Medienexperte Jeff Jarvis zum Auftakt der Diskussion.

Die Medien hätten sich in den vergangenen Jahren zunehmend von ihrem Publikum entfernt, sagte Peter Kropsch, der die deutsche Nachrichtenagentur dpa leitet. Viele demografische Gruppen würden sich durch die Medien nicht mehr angesprochen fühlen, was sich auch Wörtern wie "Lügenpresse" zeige. Daneben habe man die "letzte Meile" zu den Lesern verloren. Viele würden heute Nachrichten über Online-Netzwerke wie Facebook konsumieren. Massenmedien gebe es nicht mehr: "Medien sind heute Community-Phänomene."

Polarisierung verstärkt

Online-Netzwerke wie Facebook hätten die aufgrund ökonomischer Unsicherheiten zunehmende Polarisierung verstärkt, meinte der Ökonom Carl Benedikt Frey von der Oxford University. Die US-Wahlen seien etwa in den Bundesstaaten Michigan, Wisconsin und Pennsylvania entschieden worden, wo die Automatisierung besonders viele Jobs gekostet habe. Die Leute haben dort seit Jahrzehnten demokratisch gewählt, sind aber bei den US-Wahlen 2016 zu Trump gewechselt", sagte Frey. "Das Internet hat verstärkt, was zuvor in der physischen Welt passiert ist."

Alexander Görlach, der an der Harvard University lehrt und das Debattenmagazin The European mitgründete, sieht einen generellen Verlust an Empathie in der Gesellschaft. Es würden wieder Sündenböcke gesucht, um die eigene Identität abzusichern: "Wir haben eigentlich gedacht, dass wir das überwunden haben", sagte der Wissenschaftler und Journalist.

Kritik an deutschem Gesetz gegen Hasspostings

Gesetze, wie das deutsche Netzwerksdurchsetzungsgesetz, das Online-Netzwerken seit Anfang des Jahres strenge Vorgaben in der Bekämpfung von Hassrede mache, könnten das Problem nicht lösen, meinte Anke Domscheit-Berg, Abgeordnete der Linken im deutschen Bundestag. Facebook und Co. würden dadurch zu Richtern, die Moderatoren des Online-Netzwerkes seien auch mit der Flut an Postings überfordert: "Sie haben 30 Sekunden Zeit, um über Inhalte zu entscheiden", sagte Domscheit-Berg. Um auf der sicheren Seite zu sein, werde eben mehr gelöscht. Damit gehe auch eine Gefahr für die freie Rede, eines der grundlegenden demokratischen Rechte einher, sagte die Bundestagsabgeordnete.

Kritik an dem Gesetz gegen Hasspostings übte bereits am Morgen auch Facebook-Manager Elliot Schrage. Es dürfe nicht die Aufgabe privater Unternehmen sein, Inhalte zu beurteilen und zu zensurieren, sagte er bei seiner Keynote-Adresse.

Was aber kann getan werden, um das Vertrauen wiederherzustellen? Medien müssten versuchen, die Verbindung zu ihrem Publikum wiederherzustellen, sagte dpa-Chef Kropsch. Dazu müssten sie in Online-Netzwerken präsent sein. Inhalte müssten spezifische Communities ansprechen: "Wir müssen mehr über unser Publikum wissen."

"Alle im selben Boot"

Was aber können Online-Netzwerke wie Facebook gegen die Verbreitung von Hassrede tun? "Wir sind alle im selben Boot und sollten ein Interesse daran haben, Fake News zu identifizieren und zu verbannen", sagte Kropsch. Das sei allerdingsein komplexes Problem, Ironie und Satire ließen sich nicht immer einwandfrei von Desinformation unterscheiden. Letzlich sei es eine Frage der Medienkompetenz, meinte Kropsch: "Wir haben auch alle gelernt E-Mails von nigerianischen Prinzen, die viel Geld versprechen, als das zu erkennen, was sie sind."

Zuallererst müssten die Probleme erkannt werden, sagte der Ökonom Frey. Damit sich Leute für radikale politische Lösungen entscheiden, müsse viel im Argen liegen. Dafür müssten politische Lösungen gefunden werden.

"Leute müssen sich sicher fühlen"

Die Regierungen müssten das Vertrauen in ihre Arbeit wieder zurückgewinnen, sagte Domscheit-Berg. "Sie müssen ehrlicher und transparenter werden. Die Leute müssen sich sicher fühlen." Um die Auswirkungen der Digitalisierung abzufedern, bedürfe es aber auch sozialer Revolutionen und eine gerechtere Verteilung des Wohlstandes.

Es brauche aber auch Nachhilfe in Demokratie, sagte die Abgeordnete: "Viele Leute wissen nicht, wie Demokratie funktioniert. Sie wählen rechts, weil sie sich von den anderen Parteien nicht mehr repräsentiert fühlen und ihnen in den Arsch treten wollen."