Netzpolitik
21.11.2010

BlackBerry Torch: Touch mit Tastatur

Ein neues Betriebssystem, ein neues Design: RiM wagt sich zum dritten Mal an ein Touchscreen-Gerät und will damit sowohl Firmen- als auch Privatkunden ansprechen. Die FUTUREZONE hat den neuen BlackBerry getestet.

"Mit solchen Geräten hoffen wir irgendwann mal Marktführer zu werden." Große Worte, die ein Mitarbeiter von RiM-Deutschland bei der Präsentation des BlackBerry Torch in den Raum stellt. Aber hoffen dürfen sie. Mit zwölf Millionen verkauften Smartphones im dritten Quartal ist RiM, in punkto Betriebssysteme, zwar nur auf Platz vier, konnte aber um 40 Prozent mehr Geräte als noch im Vorjahr verkaufen. Der " BlackBerry Torch" (bei A1 und T-Mobile, 560 Euro ohne Anmeldung) soll die Verkaufszahlen noch weiter ankurbeln - und das nicht nur im Business-Bereich. Das neue Smartphone soll vom Geschäfts- bis zum Privatkunden alle glücklich machen.

BildschirmDer Torch ist für RiM eine doppelte Premiere. Er ist das erste Smartphone mit der neuen Betriebssystemversion OS6 und der erste BlackBerry, der sowohl mit einer Tastatur als auch mit einem Touchscreen ausgestattet ist. An berührungssensible Displays hat sich RiM mit dem Storm und Storm 2 schon früher gewagt. Nummer eins hatte einen nachgebenden Touchscreen, der so das Drücken einer Taste simulieren sollte. Der Nachfolger lieferte ein elektronisches Feedback, um einen Tastenanschlag nachzuahmen. Der Torch setzt auf ein traditionelles, kapazitives Display. Es hat eine Bildschirmdiagonale von 3,2 Zoll und eine Auflösung von 480x360 Pixel. Für ein aktuelles Smartphone in dieser Preisklasse ist das nicht angemessen: Bei Windows-Phone-7-Geräten ist 840x480 Pixel Standard, ebenso bei Android-Handys in der Über-500-Euro-Kategorie. Das iPhone 4 schafft sogar 960x640 Pixel. Laut RiM wurde die Auflösung des Torch gewählt, um eine lange Akkulaufzeit zu gewährleisten.

{{{BlackBerry Torch (links) und Palm Pre}}}

Slider-HandyOben Party, unten Business: Mit dem Torch setzt RiM erstmals auf ein Slider-Handy. Das grundlegende Design erinnert an den Palm Pre, der es bisher zu keinem österreichischen Mobilfunk-Provider geschafft hat. Unter dem Display des Torch ist die BlackBerry-typische Tastatur hervorschiebbar. Der Schiebe-Mechanismus wirkt solide, ebenso wie das gesamte Gerät. Durch die Tastatur ist der Torch mit 14,6mm Dicke und 161 Gramm Gewicht massiger und schwerer als andere Smartphones und mutet dadurch optisch etwas plump an. In der Hand liegt er trotzdem gut - egal ob die Tastatur ein- oder ausgefahren ist. Die Rückseite ist strukturiert, um das Gerät griffiger zu machen. Das Muster sind simple Querstreifen, auf eine Ledertextur wie beim BlackBerry Bold wurde verzichtet.Etwas missglückt ist die Taste für die Bildschirm/Tastensperre an der linken Oberseite des Gehäuses. Sie ist recht groß und leichtgängig ausgefallen. Im Alltags-Test passierte es mehrmals, dass die Tastensperre unbeabsichtigt in der Hosentasche gelöst wurde.

AusstattungDie Ausstattung ist Smartphone-Standard: GPS, WLAN (802.11 b/g/n), Bluetooth 2.1, 3,5mm Kopfhöreranschluss, 3,7 GB interner Speicher, microSD-Slot und Micro-USB-Anschluss. Lediglich der Prozessor ist mit 624 MHz schwachbrüstig - bei den aktuellen Modellen der Konkurrenz ist 1 GHz Standard. Das macht sich während der Nutzung bemerkbar: Spielt man etwa ein Game, kann mitunter eine Sanduhr auftauchen und das Spiel pausiert für ein paar Sekunden. Beim Fotografieren mit der eingebauten Kamera kommt der Torch ebenfalls gelegentlich ins Stocken. Auch das Scrollen auf aufwendigen Webseiten und durch die Menüs ist nicht so flüssig, wie man es von neuen Android-Handys oder dem iPhone kennt.

Neues Menü

OS6 wurde so ausgelegt, dass es per Touchscreen oder den normalen BlackBerry-Tasten verwendet werden kann. Das Touchpad ist BlackBerry-typisch gut gelungen und das Navigieren durch Menüs funktioniert damit genauso flott wie mit dem Finger. Zudem erleichtert das Touchpad das präzise Auswählen von Textpassagen in E-Mails und Office-Dokumenten.

Eine auffällige Neuerung in OS6 ist das Menü. Am unteren Bildschirmrand ist eine Leiste zu sehen, die vier Symbole zeigt. Wischt man mit dem Finger nach links oder rechts, wechselt man durch die Menüs "Alle", "Downloads", "Häufig" "Medienzugriff" und "Favoriten". Die Menüs können zur Hälfte nach oben gezogen werden (acht Symbole gleichzeitig sichtbar) oder komplett (16 Symbole sichtbar). Um etwa das Symbol "Browser" in das Menü Favoriten zu schieben, wird einfach länger das Symbol berührt, bis ein Fenster mit den Optionen erscheint. Einzelne Kontakte und Browser-Bookmarks können ebenfalls in den Menüs platziert werden. Die Menüleiste kann auch ganz versteckt werden, was aber nicht viel Sinn macht, da der Homescreen ohnehin nicht mit Widgets angepasst werden kann.

Universal-Suche

Ein praktisches neues Feature, das sich RiM von Android abgeschaut hat, ist die Universal-Suche. Tippt man einen Begriff ein, werden die Kontakte, E-Mails, SMS und Kalender-Einträge danach durchsucht. Auf Wunsch können auch YouTube, Google und kompatible Apps, wie etwa ein Übersetzer oder ein Telefonbuch, in die Suche eingebunden werden.

Ebenfalls von Android bekannt ist eine Leiste am oberen Bildschirm, die mit einem Icon anzeigt, dass neue E-Mails eingetroffen sind. Berührt man mit dem Finger die Leiste, öffnet sich eine Vorschau der eingetroffen Nachrichten, die per Klick direkt geöffnet werden können. Das Navigieren in dieser Leiste ist oft ruckelig. Speziell wenn neue Nachrichten eingetroffen sind oder man auf eine Schaltfläche klickt, um in die Nachrichten-Übersicht oder den eMail-Eingang zu gelangen, gibt es Verzögerungen von einigen Sekunden.

Nachrichten

Der Haupt- und für viele einzige Grund einen BlackBerry zu verwenden, ist die Push-E-Mail-Funktion und das Einbinden des Smartphones in die BlackBerry Enterprise Server. Letzteres ist natürlich problemlos möglich. Die Vorteile der Push-E-Mail-Funktion (das Service ist beim Provider extra zu bezahlen): Normalerweise fragen Smartphones in regelmäßigen Abständen die E-Mail-Box ab. Ist ein neues Mail eingetroffen, wird es aufs Handy heruntergeladen. Bei RiMs Push-Service wird das E-Mail komprimiert an den BlackBerry geschickt - ohne das dieser die Mail-Box abfragen muss. So sind die Mails schneller am Smartphone sichtbar und der Akkuverbrauch ist geringer. Bis zu zehn E-Mail-Adressen lassen sich einrichten, die per Push auf den BlackBerry kommen. Trotz Push dauert es bei normalen POP-E-Mail-Konten zehn bis 15 Minuten, bis die Nachricht in der Mailbox des BlackBerry aufscheint. Schneller geht es, wenn ein IMAP-Server verwendet wird oder eine Umleitung über eine echte Push-E-Mail-Adresse, wie etwa Googles Gmail oder T-Mobiles Instant-Mail, vorgenommen wird. Für Google, Yahoo und Hotmail sind Schnell-Einrichtungen vorhanden. Neben den E-Mails können auch Kalender und Kontakte synchronisiert werden.

TippenBlackBerry-Nutzer werden mit der physischen Tastatur sofort zurechtkommen und flott auf E-Mails antworten und Texte verfassen. Wer eine vollwertige Tastatur im Quer-Format, wie etwa vom Motorola Milestone oder HTC Desire Z gewohnt ist, muss mit einer längeren Umgewöhnungsphase rechnen: Die BlackBerry-Tasten sind kleiner und haben einen härteren Anschlag. Überraschend gut ist dafür die virtuelle Tastatur ausgefallen, sowohl im Hoch- als auch im Querformat. Die Buchstaben sind ausreichend groß und leicht mit den Fingern zu erwischen. Störend ist, dass der Beistrich nur bei den Sonderzeichen zu finden ist.

SozialesUm mit aktuellen Smartphones mithalten zu können, unterstützt OS6 von Haus aus die Dienste Twitter, Facebook und MySpace, sowie die Instant Messenger von BlackBerry, Microsoft, AOL, Google und Yahoo. Über das vorinstallierte Programm "Social Feeds" können alle Updates und Nachrichten gebündelt angezeigt werden - auch RSS Feeds lassen sich integrieren. Status Updates können auf mehreren Diensten gleichzeitig gepostet werden.

Multimedia und Kamera

Apple hats vorgemacht, RiM zieht nach: Beim Auswählen von Musikdateien gibt es jetzt Cover-Flow. Die BlackBerry-eigene PC-Software kann Playlists und Songs von iTunes oder Microsofts Media Player mit dem Torch syncen - entweder per USB-Kabel oder per WLAN. Der Torch kann folgende Formate wiedergeben: MP3, AAC, AAC+, eAAC+, WMA, FLAC und OGG für Musik sowie MPEG-4, H.236, H.264 und WMV für Video.Der Torch hat eine 5-Megapixel-Kamera, Videos werden in der VGA-Auflösung 640x480 aufgezeichnet. Die Kamera hat einen LED-Blitz. Die Fotos sind eine Spur zu dunkel, die Farbsättigung ist in Ordnung. Es stehen mehrere Szenen-Programme und eine Gesichtserkennung zur Auswahl. Einen Touch-Fokus oder die Möglichkeit, Parameter zu verändern, wie etwa Schärfe und Kontrast, gibt es nicht. Die Kamera-Taste am Gehäuse ist zudem so streng zu betätigen, dass die Chance relativ groß ist, das Bild beim Auslösen zu verwackeln.Per GPS werden die Fotos automatisch mit Positionsdaten versehen. Die aktuelle Position ist auch im Dateinamen des Fotos enthalten, zB: "Wien-IMG-20101118-00054.jpg". Allerdings nur, wenn es der Torch schafft, die Position zu bestimmen - was in der zweiwöchigen Testphase unter freiem Wiener Himmel weder in der Kamerafunktion, noch im Kartendienst BlackBerry Maps funktionierte.

BrowserBeim Verfassen und Lesen von E-Mails fällt die niedrigere Auflösung des Displays nicht störend auf. Beim Surfen auf Webseiten hingegen wirkt die Schrift teilweise unscharf und wenn man soweit hineinzoomt (Pinch-to-Zoom, Multitouch wird unterstützt), dass die Buchstaben scharf erscheinen, muss man scrollen, da die automatische Spaltenanpassung nur bis zu einer bestimmten Zoomstufe funktioniert. Der Browser wurde in OS6 komplett überarbeitet oder besser gesagt, zugekauft. Der Quellcode stammt von dem Unternehmen Torch Mobile, das RiM vergangenes Jahr gekauft hat. Wie bei allen aktuellen Smartphone-Browsern ist jetzt auch hier das Surfen mit mehreren Tabs und das einfache Hinzufügen von Bookmarks möglich. Auch die Ladezeit der Webseiten hat sich im Vergleich zur älteren BlackBerry-OS-Version deutlich verbessert, kann aber nicht mit der Geschwindigkeit von Android und iPhone mithalten. HTML5 wird unterstützt, Flash nicht.

{{{Webseiten-Darstellung auf einem HTC Desire (l.) und dem BlackBerry Torch}}}

AppsWas bei Android der Market und bei Apple der App Store, ist bei BlackBerry die App World. Das Angebot ist mit über 4000 Mini-Programmen, Themes und E-Books ausreichend, wenn auch nicht so umfangreich wie bei der Konkurrenz. Dafür findet man diverse Business-Apps, vom SAP-Mini-Programm, über mobile CRMs für den Vertrieb, bis zu Handzeichen für Kranfahrer. Obwohl der Torch 3,7 GB internen Speicher hat, stehen nur etwa 300 MB für Apps zur Verfügung. Das Verschieben der App-Daten auf die microSD-Karte ist nicht möglich.Beim Installieren der Apps macht sich die langsame Hardware bemerkbar. Während der Installation einer App steht alles für ein paar Sekunden still. Lädt man mehrere Apps herunter und die Installation wird gestartet, kann es sein, dass der Torch ohne Vorwarnung neustartet. Die Downloads, die bis dahin noch nicht beendet waren, werden dabei einfach aus der Download-Liste gelöscht.

FazitMit dem BlackBerry Torch ist RiM da, wo andere Smartphone-Hersteller vor ein bis zwei Jahren waren. Es ist definitiv ein Schritt in die richtige Richtung und BlackBerry-Nutzer werden sich freuen, dass es endlich ein brauchbares Touchscreen-Modell gibt. Eine echte Alternative für Privatnutzer zu Android und iPhone ist der Torch aber nicht, was vor allem am Display und dem schwachen Prozessor liegt. Und auch das BlackBerry-Dauerargument, der lang ausdauernde Akku, relativiert sich mit dem Torch etwas. Nutzt man das Gerät wie ein normales Smartphone (WLAN, Messenger-Dienste, Kartendienste, Kamera, Spiele, Websurfen) muss der Torch spätestens am zweiten Abend an die Steckdose.

(Gregor Gruber)

Die Icons können umpositioniert oder in anderen Menüs platziert werden

Die Universal-Suche durchsucht eMails, Kontakte, Kalendereinträge und mehr

Die geöffnete Nachrichten-Vorschau

Durch Wischbewegungen nach links oder rechts wird am Homescreen durch die Menüs gewechselt