Canon-Österreich-Chef Peter Saak will die Jugend wieder für die Qualität der echten Fotografie begeistern

© KURIER/Gerhard Deutsch

Fotografie
06/15/2015

Canon: „Wir springen nicht auf jeden Trend auf“

Smartphone statt Digicam – Canon will das Minus im Fotobusiness mit Überwachungslösungen, Produktionskontrollen, Verhaltensanalysen und dem Schulbuch 2.0 kompensieren.

360 Millionen Fotos werden pro Tag auf Facebook hochgeladen. Eine gigantische Menge, die jeden Fotoenthusiasten glücklich und zufrieden stimmen müsste. Tut es aber nicht, denn nur ein Bruchteil dieser Bilder wurde mit echten Fotokameras gemacht, die meisten mit Smartphones. „Die Jugend setzt eben auf das schnell geschossene Bild und nicht auf das schöne Foto“, sagt Canon-Österreich-Chef Peter Saak. „Das wollen wir rückgängig machen und die Jungen bekehren. Wir wollen sie wieder für die Qualität der echten Fotografie begeistern.“ Im Nachsatz: „Eine Urlaubsreise, einen Städtetrip, eine Safari – die kann man nur mit einer guten Kamera ablichten. Momente, die unvergesslich sind, sollten mit dem bestmöglichen Bild gespeichert werden.“

Digicams sind wieder im Kommen

„Der Fotografie-Markt wird nie mehr wieder so groß werden wie er einmal war“, sagt Saak. „Aber es wird einen Trend zu mehr Qualität geben, Smartphones hin oder her.“ Selbst die kleinen Kompaktkameras würden wieder populärer werden. „Bei der Bildqualität kommt es auf den Chip an, auf den Prozessor, auf die Optik. Diese Qualität kann ein Smartphone nie liefern.“ Saak beruft sich auf Studien, wonach zwar 75 Prozent aller Smartphone-Besitzer fotografieren, aber 60 Prozent davon auch eine eigene Kamera haben wollen, weil sie mit der Qualität des Telefons nicht zufrieden sind. „Und wenn es um Qualität geht, sehe ich uns in einer guten Marktposition“, so Saak. Die Möglichkeit Canon-Technologie für Smartphones zu entwickeln, „ist nicht in unserer DNA“, so Saak.

Trends & Hypes

Einige der Trends sind in den vergangenen Jahren an Canon vorbei gegangen. Canon erzeugt weder populäre Actioncams, noch war Canon, obwohl einer der Drucker-Marktführer, bei 3D-Druckern vorne dabei Bei Systemkameras hielt man sich ebenfalls jahrelang zurück.

„Als Sporttreibender hätte ich gerne eine Canon-Actioncam, aber der Konzern hat das nicht am Radar“, sagt Saak. Obwohl die Technologie da wäre und Canon auch die optische Kompetenz hätte. „Es gibt Trends, die sich überleben. Die Actioncams werden sich auf eine kleine Nische reduzieren.“ Canon springe nicht sofort auf jeden Trend auf.

Bei den Systemkameras haben Konkurrenten wie Panasonic oder Sony einen jahrelangen Vorsprung. „Ob wir zu spät gekommen sind, wird sich noch herausstellen. Ob Systemkamera, eine hochqualitative Digitalkamera oder eine neupositionierte Spiegelreflexkamera? Alles ist möglich“, so Saak. „Wir werden weiter auf den Spiegelreflexbereich setzen.“

Abwarten bei 3D-Druck

Bei den 3D-Druckern will sich Canon nicht auf den Konsumenten-, sondern auf das Produktions- bzw. auf das Industriesegment konzentrieren. „Wir haben in Großbritannien in Kooperation mit 3D Systems Versuche gestartet, auf 3D-Drucker-Basis Industriekomponenten zu entwickeln.“ 2016 wird entschieden, ob das Produkt auch in anderen Ländern vertrieben wird. Beim 3D-Scan hat das Grazer Unternehmen Layerlab übrigens ein eigenes mobiles Scansystem, das aus 60 EOS-Kameras besteht.

Video und Analyse

Canon will künftig auch in anderen Bereichen, „die viel interessanter sind“ punkten, etwa bei Kamerasystemen in der Autoindustrie. Die Optische Bildverarbeitung bleibe Canons Kerntechnologie. Um den Rückgang in der Fotografie aufzuholen, hat Canon vor zwei Jahren versucht, in das Geschäft der Überwachungs- und Netzwerkkameras einzusteigen. Das Geschäft läuft „ok“, der große Renner ist es noch nicht. Allerdings könnte Canons Akquisition des Video-Management-Software-Anbieters Milestone im Vorjahr das Geschäft vorantreiben. Zudem will man um etwa 2,5 Milliarden Euro den schwedischen Netzwerkkamera-Spezialisten Axis kaufen. Beim Netzwerkkamera-Bereich gehe es ja nicht nur um Überwachung, sondern es könnten Produktionen überwacht (Stichwort Industrie 4.0) oder Marktanalysen erstellt werden. Saak: „Ich sehe den Markt ganz breit, vom kasachischen Gefängnis bis zum Burgtheater in Wien.“

Schulbuch 2.0

Canon will künftig indirekt auch in der Bildungspolitik mitmischen. Die österreichischen Bildungsverlage setzen seit geraumer Zeit auf das individuelle Schulbuch, bei dem Lehrer eigene Inhalte hinzufügen können. Gedruckt wird digital bei myMorawa mit Canon-Geräten. Saak: „Das wird noch das eine oder andere Jahr dauern, wird aber ein Riesenthema. Dass Schulen ihre Bücher selbst drucken können, hat viel mit Schulautonomie zu tun.“ Jeder Lehrer habe seine Lieblingsunterlagen und die könne er quasi dem selbst gedruckten Buch beisteuern.

Ein weiterer Bereich, den man künftig forcieren will, wird als „Canon Business Services“ bezeichnet. Canon übernimmt praktisch als Generalunternehmer das Scannen, die Dokumentation und das Drucken von Dokumenten. So druckt man – klimaneutral - die Betriebsanleitungen für Autohersteller, von Rolls Royce bis BMW, druckt Versicherungspolizzen und übernimmt Archivierungsaufträge, wie etwa für die ÖBB, die ihr Archiv derzeit digitalisieren lassen.