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Steiermark ALP.Lab verspricht ideale Testumgebung für Roboterautos.

Testfahrt im teilautonomen BMW 540i auf der Autobahn-Teststrecke des ALP.Lab
Testfahrt im teilautonomen BMW 540i auf der Autobahn-Teststrecke des ALP.Lab - Foto: David Kotrba
Das steirische ALP.Lab will Entwickler von Technologien für das autonome Fahren mit Virtualisierung, öffentlichen Teststrecken und eigener Cloud-Datenverarbeitung anlocken.

In Kalifornien und anderen Gebieten in den USA sind Tests von autonomen Fahrzeugen im öffentlichen Verkehr seit Längerem an der Tagesordnung. Woran es in den Übersee-Testgebieten mangelt, sind Bergstraßen, Schnee, Tunnel, Mautstationen und ähnliche Bedingungen, wie man sie in der Steiermark zuhauf vorfindet.

Das Bundesland will sich international als Anlaufstelle für all jene Institutionen und Unternehmen etablieren, die rasche Fortschritte am Gebiet Autonomes Fahren erzielen wollen. Magna, AVL List, ASFINAG, Virtual Vehicle, Joanneum Research und TU Graz haben sich zusammengetan und gemeinsam das ALP.Lab gegründet.

Entwicklungszeit verkürzen

Das als eigenständiges Unternehmen agierende ALP.Lab hat es sich zum Ziel gesetzt, einen idealen Rahmen für das Testen von autonomen Fahrzeugen zu bieten. Bei einem Pressetag informierte ALP.Lab heimische Medienvertreter - auch die futurezone - darüber, was es zu bieten hat. "Autohersteller müssen durchschnittlich 100 Millionen Testkilometer zurücklegen und acht Jahre lang an der Einführung eines neuen Modells arbeiten. Mit unserer digitalen Infrastruktur könnte sich diese Zeit auf zwei Jahre reduzieren", meint ALP.Lab-Geschäftsführer Thomas Zach.

Das Gemeinschaftsprojekt bietet Simulationsumgebungen, Testumgebungen für Hardware, Analyse von Mensch-Maschine-Schnittstellen, Prüfstände, gesperrte Teststrecken und öffentliche Teststrecken inklusive High-Tech-Infrastruktur. Dazu gibt es eine eigene Cloud-Plattform, die ALP.Lab Cloud, zur Datensammlung und -Verarbeitung. Außerdem will sich die Testregion im Namen von Auftraggebern um Freigaben und Genehmigungen kümmern und bringt enge Kontakte zur Automobilindustrie mit.

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Live-Videobilder vom A2-Testabschnitt (li.) und 3D-Modell der Strecke - Foto: David Kotrba

Prüfstand und Autobahnabschnitt

Auf der A2 Südautobahn wurde ein mehrere Kilometer langer Abschnitt von der ASFINAG mit HD-Videokameras, Radarsensoren und Kommunikationseinrichtungen ausgestattet. Joanneum Research hat diesen Abschnitt genau vermessen. Daraus ist ein 3D-Modell entstanden, in dem reale Verkehrsszenarien in eine virtuelle Umgebung transferiert werden können. Autonome Fahrzeuge können so mit realen Szenarien konfrontiert werden. Das kann entweder in einer komplett virtualisierten Umgebung geschehen oder auf einem speziellen Prüfstand - dem so genannten Mini Driving Cube. Dort werden komplette Fahrzeuge inklusive ihrer eingebauten Sensoren mit kniffligen Situationen herausgefordert.

Bei Tests im öffentlichen Verkehr soll die Autobahn-Teststrecke eine erweiterte Perspektive bieten. Was die Sensoren der Testfahrzeuge nicht wahrnehmen - etwa Geschehnisse im Sensorschatten oder Auswirkungen des Fahrverhaltens auf andere Verkehrsteilnehmer - das soll im Gesamtüberblick erkennbar und messbar werden. Bei der Auswertung von Testfahrten sollen die Daten, die im Auto aufgezeichnet werden - bei autonomen Fahrzeugen derzeit bis zu 10 Terabyte pro Stunde - und die Daten aus der externen Perspektive zusammengeführt werden. Zur Bewertung der Testfahrten wird über die Cloud auf die Rechenpower großer Online-Konzerne (etwa Microsoft oder Amazon) zurückgegriffen.

Rechtliche Aspekte

Rechtlich sind die Tätigkeiten des ALP.Lab auf öffentlichen Straßen durch eine Verordnung gedeckt, die der Steiermark 2016 erteilt wurde. Neben der Stadt Salzburg (Tests von autonomen Bussen) und dem Bundesheer wurde der Steiermark damals eine Genehmigung erteilt, um autonome Fahrzeuge auf öffentlichen Straßen fahren zu lassen. "Wir haben uns schon vor zwei Jahren um die Teststrecke beworben", erinnert die steirische Wirtschaftslandesrätin Barbara Eibinger-Miedl an die Vorarbeiten zu dem Projekt.

Wie Rechtsanwalt Andreas Eustaccio in seinem Vortrag am ALP.Lab-Pressetag über rechtliche Rahmenbedingungen ausführt, werden durch zunehmende Fahrzeugautonomie viele Fragen aufgeworfen, auf die es aus juristischer Sicht noch keine bzw. keine eindeutigen Antworten gibt. Österreich habe mit den Sonderverordnungen für die drei Test-Szenarien eine schnelle temporäre Lösung geschaffen. Deutschland sei im Vergleich gründlicher vorgegangen und habe sein Straßenverkehrsgesetz geändert. Grundsätzlich seien aber gesamteuropäische Regelungen notwendig, etwa bei der Frage nach Haftung bei Unfällen oder beim Datenschutz. Bei ALP.Lab werden jedenfalls keine personenbezogenen Daten verarbeitet. Bei der Kamera-Erfassung des A2-Abschnitts etwa werden keine Kennzeichen erfasst. Es geht lediglich darum, welche Art von Fahrzeugen sich in welcher Art über die Autobahn bewegen.

Testfahrten

Beim Pressetag konnte man auch Testfahrten mitmachen, die zeigen sollen, an welchen Fahrzeugfunktionen im Rahmen von ALP.Lab beispielsweise getüftelt wird. Ich begab mich etwa an Bord eines VW Passat, mit dem auf einer gesperrten Teststrecke neue Software für einen Notbremsassistenten getestet wird. Bei einer zweiten Testfahrt nahm ich im Fond eines BMW 540i Platz, der sich ohne Zutun des Fahrers über Autobahnen bewegen und alleine durch Betätigung des Blinkerhebels selbstständig Spuren wechseln kann. Auch in diesem Fahrzeug wird neue Software für eine Funktion getestet, die bereits in Serienfahrzeugen vorhanden ist.

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Objekterkennung im Versuchsfahrzeug von Virtual Vehicle - Foto: David Kotrba

Autonomiestufen erklimmen

Während die erwähnten Testfahrzeuge noch niedrige Autonomiestufen erreichen, wird es im ALP.Lab aber auch wesentlich experimenteller zugehen. Virtual Vehicle wird im Testgebiet etwa seine fahrende Versuchsplattform für neue Technologien zum autonomen Fahren auf die Straße schicken. Seit dessen Präsentation im Oktober 2016 hat sich einiges getan. Im Heck des Fahrzegs ist nun etwa ein Rechner von NVIDIA eingebaut, der für lernende Algorithmen optimiert ist. Am Armaturenbrett prangt ein großes Display, auf dem erkennbar ist, wie schnell das Fahrzeug Personen und Fahrzeuge vor sich erkennt und klassifiziert.

Peter Schöggl von ALP.Lab-Projektpartner AVL List erzählt in seiner Rede beim Pressetag, dass mit dem neuen Audi A8 das erste Serienfahrzeug, das die Autonomiestufe drei erreicht, in diesem Jahr auf den Markt gekommen ist. Mit seinen Assistenzsystemen erlaubt das Fahrzeug dem Fahrer, seine Hände über längere Zeit vom Lenkrad zu nehmen. Stufe vier, bei welcher der Fahrer auch geistig abschalten kann und keine plötzliche Aufforderung mehr erhält, das Steuer zu übernehmen, soll 2021 seine Markteinführung erleben. Das völlig autonome Fahrzeug sei irgendwann zwischen 2022 und 2024 zu erwarten. Wie bei den vorhergehenden Autonomiestufen auch, sei eine Einführung zuerst bei oberen Pkw-Klassen realistisch. Dass auch Mittelklasse- oder noch kleinere Pkw mit weitgehend selbstständig agierender Fahrtechnik ausgestattet werden, werde noch etwas länger dauern.

Große Hoffnungen

Auf autonomen Fahrzeugtechnologien ruhen im ALP.Lab große Hoffnungen. "Automatisierung hat drei Treiber: Sicherheit, Komfort und Effizienz", meint Geschäftsführer Thomas Zach. "Autonome Fahrzeuge können die aktuelle Anzahl an Personenschäden im Straßenverkehr um 95 Prozent reduzieren", ist er überzeugt. Karl-Friedrich Stracke, Präsident der Fahrzeugtechniksparte von Magna Steyr, ist davon überzeugt, dass die steirische Automobilindustrie zu den internationalen Vorreitern bei dem Thema zählen kann: "Wir haben das ALP.Lab gegründet, um einen Gegenpol zum Silicon Valley zu bilden."

(futurezone) Erstellt am 28.09.2017, 06:00

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