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Gesundheit
10/31/2011

HealthMap: Auf der Jagd nach Grippeviren

Das Internet ist ein wahres Paradies für Hypochonder. Nicht nur liest man alles über Symptome, die man ohnehin nicht hat. Man kann sich mittlerweile auch genau informieren, wo genau welche Seuche ausgebrochen ist.

Wer sich leicht mit Grippe ansteckt, sollte derzeit tunlichst nicht nach Australien fahren. Dort grassiert eine der schlimmsten Grippewellen der letzten Jahren. In Europa ist man davor vorläufig noch sicher. Dafür häufen sich allerorts Erkankungen von Masern. In Griechenland hat man Fälle von Typhus diagnostiziert, und in Irland ist in einem Gefängnis Tuberkulose ausgebrochen.

Solche, rund um die Uhr aktualisierten Nachrichten liefert der Online-Dienst HealthMap. Genau fünf Jahre alt ist nun das Internetservice für öffentliche Gesundheit. Der Geburtstag wurde würdig, mit einer geschlossenen Filmvorführung von „Contagion“, gefeiert. Denn das HealthMap-Team beriet Regisseur Stephen Soderberg, wie sich eine durch ein unbekanntes, tödliches Virus ausgelöste Epidemie ausbreiten würde.

Eine Welt voller Stecknadelköpfe
Die Gründer von HealthMap sind John Brownstein, Epidemiologe am Harvard zugehörigen Children’s Hospital in Boston, und der MIT-Medizininformatiker Clark Freifeld. Die Idee dahinter: Eine Plattform zu schaffen, die sowohl die Öffentlichkeit als auch Mediziner, Wissenschaftler und Behörden informiert. Für die Weltgesundheitsorganisation WHO, die US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention CDC sowie das europäische Gegenstück, das European Centre for Disease Prevention and Control ECDC, ist HealthMap eine wichtige Informationsquelle geworden. Jeder der virtuellen Stecknadelköpfe auf der Landkarte stellt eine Warnung dar. Je röter desto dringlicher.

“Unser Webcrawler durchforstet 20.000 Internetseiten”, erklärt Anna Tomasulo. „Und das 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche und in sieben Sprachen“. Die tägliche Ausbeute sind an die 600 Gesundheitswarnungen, die sich nach Überprüfung als durchschnittlich zu 93 Prozent korrekt herausstellen. Das System erfasst rund 250 Krankheiten: Von Keuchhusten bis Denguefieber, von Mumps bis Tuberkulose. Damit man sich auch unterwegs über die Bedrohung durch Mirkoorganismen auf dem Laufenden halten bzw. Beobachtungen und Information seinerseits an Healtmap weitergeben kann, entwickelte das Team eine kostenlose iPhone App, „Outbreaks Near You“.

Krankheitsinformation vernetzen
Der bisher größter Erfolg des Informationsservice: Im Frühjahr 2009 ortet das System in mexikanischen Lokalnachrichten Berichte über eine fiebrige Erkrankung der Atemwege. Bald wusste jeder, worum es ging: Um die Schweinegrippe H1N1. HealthMap hatte den Ausbruch vor allen anderen identifiziert.

Zu den Kollaborateuren von HealthMap zählt auch ProMED-mail, quasi die Uroma aller international vernetzten Gesundheitsinformationservices. Die Gründungsidee Anfang der 1990er-Jahre stammte vom Nobelpreisträger Joshua Lederberg, ein großer Fan der damals noch recht mühsamen E-Mail. ProMED-mail war als informeller Umschlagplatz von Informationen zu Krankheitsausbrüchen in schwierig zugänglichen Regionen gedacht. Doch gerade dort gab es nur dann E-Mail, wenn man ein Satellitentelefon mitschleppte. Also keine einfache Sache. ProMED-mail wurde der Prototyp eines auf Gesundheit ausgerichteten Informationssystems.

Dank eines Abonnenten 2003, einem chinesischen Arzt, vermeldete das Team von ProMED-mail als erstes den Ausbruch einer mysteriösen Krankheit in China, die jedoch von den Behörden vertuscht wurde: SARS (schweres akutes respiratorisches Syndrom). „Der Arzt kannte einen Lehrer“, erzählt ProMED-mail Chefredakteur Larry Madoff. „In einem Lehrer-Internet-Chatroom wurde nämlich offen über eine sich ausbreitende Erkrankung in der Stadt Guangzhou diskutiert. Es solle so viele Fälle von Lungenentzündung gegeben haben, dass die Spitäler überfordert waren und niemanden mehr aufnahmen. Menschen starben.“ Die laufenden Berichte von ProMED-mail sowie in der Folge anderer Medien veranlasste die chinesischen Behörden schließlich doch zu ein wenig mehr Transparenz.

Mit GPS Typhus auf der Spur
Krankheitsausbrüche präzise zu lokalisieren ist auch für die Forschung hilfreich. Das erkannte schon der britische Arzt John Snow in den 1850er-Jahren. Er markiert auf einem Londoner Stadtplan die Cholerafälle und konnte die Epidemie so auf unreines Wasser zurückführen.

Stephen Baker von der Oxford University musste sich nicht mit Landkarte und Bleistift begnügen. Er benutzte eine Kombination von GPS und Genomsequenziertechniken, um mehr über die Übertragungswege von Typhus zu erfahren. Der Forscher trug fünf Jahre lang 3500 GPS-Positionen in der nepalesischen Hauptstadt Katmandu zusammen. „Jeder Dreijährige ist dort irgendwann in seinem kurzen Leben schon mit dem Erreger in Berührung gekommen.“ Der Wissenschaftler markierte Krankheitsfälle in Spitälern, weiters wo die entlassenen Patienten wohnten und woher sie ihr Trinkwasser bezogen. Er analyiserte Blut- sowie Wasserproben und sequenzierte das Erbgut der aus Blut bzw. Wasser isolierten Erreger, Salmonella typhi und Salmonella paratyphi.

Typhus wird auf zwei Arten übertragen: von Mensch zu Mensch und durch unreines Trinkwasser. Stephen Baker erwartete eine Häufung von Typhus-Fällen in Katmandus besonders dicht besiedelten Vierteln, wo die Krankheit leicht übertragen werden konnte.  Doch dem war nicht so. „Wasser war der viel wichtigere Faktor in der Ansteckung“. Krankheitscluster bildeten sich besonders rund um niedrig gelegene Trinkwasserstellen. Was die Menschen dort in ihre Wasserkrüge füllten, war in den meisten Fällen durch Abwässer, die von den weiter oben gelegenen Wohnvierteln abflossen, verunreinigt. Die Folge aus dieser Erkenntnis, so Stephen Baker: „Eine großangelegte Impfkampagne wird nur dann voll wirksam sein, wenn man gleichzeitig die Wasserversorgung saniert.“

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