Der ehemalige Wissenschaftschef der NASA und Astrophysiker Thomas Zurbuchen im Gespräch mit der futurezone

Der ehemalige Wissenschaftschef der NASA und Astrophysiker Thomas Zurbuchen im Gespräch mit der futurezone 

© ÖAW/Daniel Hinterramskogler
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Science

Wo Ex-NASA-Direktor Thomas Zurbuchen Leben im All vermutet

Mit der Registrierung der URL „alien.gov“ wirbelt die Trump-Administration derzeit viel Staub auf. Hinzu kommen krude Aussagen von Vize-Präsident J.D. Vance, Aliens seien „Dämonen“. Das sorgt vor allem für eines: Verschwörungstheorien. Es zeigt aber auch, dass die Suche nach Leben außerhalb der Erde etwas ist, das in irgendeiner Form alle Menschen anspricht.

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Auch der ehemalige NASA-Wissenschaftschef, Thomas Zurbuchen, weiß das. 2018 initiierte er, dass die NASA nach Technosignaturen, also Signalen von intelligenten Lebensformen, sucht. 2022 stellte er ein unabhängiges NASA-Team zur Untersuchung unidentifizierter Flugobjekte auf. 

Gefunden wurde bisher aber noch kein Leben. Das betont der Astrophysiker bei seinem Vortrag an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Er erklärt aber im Gespräch mit Medienvertretern: „Ich weiß zwar nicht, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass wir Leben finden. Aber ich weiß, sie ist 200-mal höher als noch in den 90er Jahren.“ 

Wer findet sie zuerst?

Dieses Wissen steckt nicht in irgendwelchen geheimen Alien-Akten, sondern in Daten. „Es gibt einen Wettbewerb, wer sie zuerst findet, Planetenwissenschaftler oder Astrophysiker“, sagt Zurbuchen. Während seiner Zeit bei der NASA hat er unter anderem das James Webb Teleskop ins All gebracht. Es kann die Atmosphäre von Exoplaneten untersuchen, die uns nicht nur verrät, ob ein Planet potenziell habitabel ist, sondern auch, welche Zusammensetzung sie hat. Diese kann Aufschluss darüber geben, ob dort vielleicht etwas leben könnte.  

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Um Leben tatsächlich nachzuweisen, reicht das aber noch nicht. „Dafür bräuchten wir ein Teleskop, das ein bisschen größer ist als Webb, aber vor allem 10- bis 50-mal stabiler“, erklärt der Astrophysiker, der heute an der ETH Zürich arbeitet. 

So ein Weltraumteleskop würde das Licht des Zentralsterns, um den ein Exoplanet kreist, viel effektiver ausblenden, als es Webb heute kann. Ein solches Konzept verfolgt das bisher nur theoretische Habitable Worlds Observatory der NASA, das nicht nur die Zusammensetzung von Exoplaneten messen, sondern sie auch fotografieren könnte.

Das Sonnensystem gewinnt

Die große Frage ist aber, ob der Blick in die Ferne überhaupt nötig ist. „Im Sonnensystem ist es viel einfacher, einen Nachweis zu machen als auf einem Exoplaneten. Ich habe immer gedacht, das Sonnensystem gewinnt“, sagt der Astrophysiker. 

Auch hier sind Daten der Schlüssel. Zum Beispiel aus einer erst kürzlich erschienenen japanischen Studie im Fachmagazin nature. Sie zeigt, dass der Asteroid Ryugu alle Bausteine für organisches Leben trägt, aus denen auch wir bestehen. „Wir haben gedacht, dass diese komplexen Moleküle erst sehr spät entstehen, wenn Wasser entsteht und bei der richtigen Temperatur die Chemie anfängt. Aber das steckt schon im ursprünglichen Gestein und passiert daher schon viel früher.“

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Gesteinsprobe des Asteroiden Ryugu

Diese Gesteinsprobe des Asteroiden Ryugu brachte Japan mit der Sonde Hayabusa 2 zur Erde

Damit steigt auch die Chance, Leben in unserem Sonnensystem zu finden: „Wenn Leben so schnell entsteht, dann sollte es auch auf dem Mars und den Jupiter- und Saturnmonden existieren. Das werden wir in den nächsten 20 Jahren wissen“, ist sich Zurbuchen sicher.

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Brunnen des Lebens unter dem Eis 

Gute Kandidaten dafür sind die Eismonde Enceladus, Ganymed und Europa. Unter ihrer dicken Eisschicht werden Ozeane vermutet. Auf der Erde gebe es tief am Meeresboden "Brunnen organischen Lebens", so Zurbuchen. Warum also nicht auch auf anderen Himmelskörpern? 

Erste Messungen von Geysiren lieferten bereits Hinweise auf organisches Material. Bis es aber mehr Gewissheit gibt, dauert es noch mindestens bis 2030 – dann erreichen die Missionen Europa Clipper (NASA) und ein Jahr später auch JUICE (ESA) die Jupitermonde Ganymed und Europa. 

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Doch auch auf dem Mars wurde organisches Material gefunden. Der NASA-Rover Perseverance hat bereits 2 Bodenproben gesammelt. „Aber wir wissen nicht, wie wir sie zurückbringen. Tatsache ist, sie sind abgefüllt und meine Hoffnung ist, dass darin die Antwort ist – jemand soll sie einfach abholen“, sagt Zurbuchen. 

Thomas Zurbuchen bei der Verkündung des Rover-Namens "Perseverance" 2020

Thomas Zurbuchen bei der Verkündung des Rover-Namens "Perseverance" 2020

„Mond und Mars sind wie Skifahren“

Die Artemis-Mondmissionen der NASA entstanden auch unter der Leitung von Thomas Zurbuchen. „Ich hatte das Vorrecht, im Raum zu sein, als wir das Programm damals erfunden haben“, sagt er. Dass der Mond dabei wieder stärker in den Fokus gerückt ist und den Mars von der Bildfläche verdrängt hat, erklärt Zurbuchen mit einer Wintersport-Analogie: „Auf den Mond zu gehen ist wie der Anfänger-Bügellift im Tal, auf den Mars zu gehen, ist mit dem Helikopter am Berg abgesetzt zu werden – beides ist Skifahren, aber eins ist gefährlicher.“

Dabei sieht er 2 Szenarien, wie die Rückkehr zum Mond aussehen könnte. Entweder wir haben eine Forschungsstation wie an der Arktis. Dort arbeiten Roboter und ab und zu kommen Menschen, um Experimente zu machen und nach dem Rechten zu sehen. Oder die Industrie findet Rohstoffe, die abgebaut werden können. „Wenn keiner am Mond Geld verdient, wird das erste Szenario eintreten“, ist er sich sicher. 

Doch es muss ein klares Ziel geben: Weiterkommen. „Meine große Sorge ist, dass uns auf dem Mond zu wohl wird“, sagt er. Das sei bereits bei der ISS passiert. 30 Jahre lang habe es internationale Kooperation mit Tausenden Experimenten gegeben, doch in den vergangenen 10 Jahren sei das weder technologisch noch wissenschaftlich ergiebig gewesen. 

„Wir hätten früher weiter sollen“, sagt Zurbuchen und hofft, dass die Menschheit den nächsten Schritt vom Mond weg besser schafft. Wohin bleibt zwar noch offen, doch ist der Mond mal geschafft, ist der „Skiausflug“ zum Mars, um bei der Analogie zu bleiben, schon realistischer.

Eigentlich hätte die ESA diese Proben abholen sollen. Doch die „Mars Sample Return“-Mission ist eine von vielen Kooperationen, die die NASA aufgrund schrumpfender Budgets und eigener Pläne mit großer Wahrscheinlichkeit streichen wird. Die Raumstation Lunar Gateway ist eine weitere. Zunehmend kristallisiert sich heraus, dass die amerikanische Weltraumagentur kein zuverlässiger Partner mehr für Europa ist. 

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„Baut das Zeug selber“

„Das ist die Frage, die sich die Raumfahrtgemeinschaft jetzt stellen muss. Meine Meinung ist: Baut das Zeug selber. Es ist einfach nicht wahr, dass Europa das nicht kann“, sagt Zurbuchen auf Nachfrage der futurezone. Er hoffe, Europa erhöhe die Investitionen in die Raumfahrt, um mit mehr Dringlichkeit aufzutreten. „Die Welt ist besser mit einem starken Europa, insbesondere im Weltraum.“

Besonders lobende Worte hatte Zurbuchen für Europas Erdbeobachtungsprogramm, denn „Kopernikus ist das beste System“. Die Raketen, Ariane 6 und die Vega-Reihe, müssen sich Kritik gefallen lassen. „Europa ist da wirklich 15 Jahre hintendran.“

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Die Ariane-6-Rakete der ESA startet unter großer Rauchentwicklung vom Weltraumbahnhof Kourou in den Himmel.

Am 12. Februar 2026 hob erstmals die Ariane 64, mit 4 Boostern, ab

Jede Investition in die Wissenschaft sei auch immer eine Investition in Zukunft und die Träume von Kindern: „Es geht nicht nur um Resultate, sondern das Mitziehen in eine Zukunft, in der wir Lösungen für Probleme entwickeln, die wir noch gar nicht kennen.“ Das gelte auch für die NASA, deren neuer Budget-Vorschlag schon wieder starke Kürzungen vorsieht. Zwar glaubt Zurbuchen nicht, dass die Einsparungen tatsächlich durch den Senat kommen werden. Doch gerade die Zeit der Ungewissheit sei es, die großen Schaden für junge Forscher und Forscherinnen verursache.

Suche nach Leben soll internationale Forschung vereinen

Ein zweites Hindernis für die Forschung ist der zunehmende Konkurrenzkampf, insbesondere zwischen den USA und China. „Die Spannungen im Weltraum zerteilen die Wissenschaft in einer Art und Weise, die ich ehrlich gesagt schlimmer finde als im Kalten Krieg“, sagt Zurbuchen. China würde in Kürze die USA überholen und der Weltraum sei zu einem Kriegsgebiet geworden, das zeige sich derzeit deutlich in der Ukraine.

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„Meine Hoffnung ist, dass wir in der Wissenschaft wieder einen Weg zueinander finden. Die Suche nach Leben im All könnte so eine internationale Initiative sein“, hofft Zurbuchen. Dieses Leben, wenn wir es denn finden, wird aller Wahrscheinlichkeit nach wenig mit mysteriösen, intelligenten Aliens zu tun haben und vielmehr primitiv sein. Keine grauen Männchen mit fliegenden Untertassen, sondern Einzeller im Ozean auf Enceladus oder Fossilien im ausgetrockneten Flussbett am Mars. Was ein Fund laut Zurbuchen aber immer zeigen wird: „Wir haben kein Monopol auf das Leben.“

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Franziska Bechtold

frau_grete

Liebt virtuelle Spielewelten, Gadgets, Wissenschaft und den Weltraum. Solange sie nicht selbst ins Weltall kann, flüchtet sie eben in Science Fiction. Co-Host des Podcast "Raumfahrtgeschichten".

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