Science
03/05/2014

Smart-Meter-Einführung: "Das geht alles viel zu schnell"

Der Vorstandsdirektor der Wiener Stadtwerke, Marc Hall, plädiert im futurezone-Interview dafür, bei der Smart-Meter-Einführung einen Gang zurückzuschalten.

Die Netzbetreiber des Landes beschäftigt gegenwärtig vor allem ein Thema: Smart Metering. Der Vorstandsdirektor der Wiener Stadtwerke, Marc Hall, hält den Begriff mittlerweile für negativ behaftet. Hall ist dennoch überzeugt davon, dass hier noch eine Image-Korrektur geschafft werden kann und zwar dann „wenn man sich gut auf den Roll-Out vorbereitet und auch auf die Bedenken der Skeptiker Rücksicht nimmt.“

Österreich will bei der Einführung am schnellsten sein und die Lösung flächendeckend realisieren. Das ist gefährlich. Das Projekt kann dadurch an einer fehlenden Akzeptanz scheitern.“ Man solle sich daher die Zeit nehmen und die Bedenken ausräumen. Bedenken gibt es vor allem in den Bereichen Sicherheit und Datenschutz.

Opt-Out als Problem

Eine Unsicherheit für die Branche sei außerdem die per Gesetz vorgeschriebene „Opt-Out“-Möglichkeit. „Ich habe Opt-Out-Briefe gesehen, in denen Kunden betonen, dass sie keinen neuen Zähler eingebaut haben wollen. Das wird aber nicht möglich sein, da wir ihnen neue digitale Zähler einbauen müssen“, meint Hall.

Die Netzbetreiber selbst brauchen den digitalen Standard nämlich, damit künftig keine Außendienstmitarbeiter zum Ablesen der Werte mehr notwendig sind, weil die Zähler über eine Fernab – und anschaltfunktion verfügen. Bei den Messungen selbst würden den Betreibern Monats- oder Jahreswerte durchaus reichen, meint Hall. Das sei auch die Meinung aller Betreiber. „Der Regulator war zu ambitioniert.“

Die Pilotversuche haben zudem gezeigt, dass die Nutzer sich kaum für ihren Verbrauch interessieren. Das erste Mal hätten sie sich noch gefreut darüber, auf dem Internetportal ihren Verbrauch verfolgen zu können, so Hall. „Die, die das zweite Mal reingeschaut haben, waren aber unsere Mitarbeiter. Die wenigsten der Kunden haben das Portal ein zweites Mal benutzt“, so Hall, „weil sie mit den Kurven nichts anfangen können.“

Flexible Stromtarife wahrscheinlich

Ob es künftig vermehrt flexible Stromtarife „für Langschläfer oder Warmduscher“ geben wird, will Hall nicht ausschließen - "bei uns wird solche Tarife nicht geben", so Hall. „Wer nach der Morgenspitze aufsteht, kriegt einen billigeren Tarif, aber wehe, man steht früher auf, dann wird es teuer“, meint Hall. Flatrates werden wohl die besten Tarife sein. Die Möglichkeit, dass die Waschmaschine dann wäscht, wenn der Strom am günstigsten ist, hält Hall für absurd. „Wenn um zwei Uhr früh die Waschmaschine zum Waschen beginnt, wird man sich wohl nicht freuen, und der Nachbar ebenso.“

Dennoch ist das schlaue Heim (Smart Home) auch bei Wien Energie ein Thema. Bei gewerblichen Kunden habe man bereits erste Testversuche gemacht. Dieser Kundenstock ist spannender, weil der Hebel und die Möglichkeiten größer sind. Künftig will man das Know How auch Privatpersonen anbieten.

Wien als smarte Stadt

Intelligent und smart sollen künftig auch die Städte werden. Für den Vorstandsdirektor der Wiener Stadtwerke ist Wien punkto Steuerung eine „verdammt smarte City“. Wien gilt tatsächlich als eine der smartesten Städte der Welt, laut der aktuellsten Mercer-Studie "Quality of Living 2014", die im Februar präsentiert wurde, rangiert Wien erneut an der ersten Stelle und ist die Stadt mit der höchsten Lebensqualität.

„Städte sind im Prinzip Gewinner der zivilisatorischen Entwicklung“, sagt Hall, „sie werden weiter das Wachstumsmodell sein, dort konzentrieren sich Energieverbrauch, CO2-Emission, Was in Wien funktioniert, können wir in andere aufstrebende Städte exportieren.“ Wien habe etwa einen Fernwärmeanteil von 40 Prozent. „Das ist einer der Top-Werte dieses Planeten für Millionen-Städte“, so Hall, und das sei das Ergebnis einer effizienten Kopplung von Stroms und Wärme. Auch beim Öffentlichen Verkehr sei man erstklassig.

Zero-Emmission-Bashing

Die gegenwärtige Smart-City-Initiative – schon bei den Stadteinfahrten stehen Plakate mit dem Slogan „Wien hat 1,7 Millionen Gehirne. Nutzen wir sie!“ ist für Hall aber schon fast ein Zuviel des Guten. „Wenn ich den Begriff Zero-Emission-City höre, ist das eine Projektion, die absolut auf die falsche Fährte führt. Eine Stadt, die nicht emittiert, ist tot, die verliert ihr Leben.“ Atmen müsse jeder, auch eine Stadt. „Ich will auch keine Schlote wie in den 1950er-Jahren haben, die es jetzt in indischen und chinesischen Städten gibt, aber eine Zero-Emission-City gibt es nicht.“ Dem Weltklima würde man damit einen schlechten Dienst erweisen, wenn man Emissionen von produzierenden Betrieben dadurch auslagern würde, in dem man diese Betriebe in Länder mit mehr Umweltverschmutzung verlagern würde. Es sei nicht effektiv, wenn man Produktionen aus einem hochentwickelten Standard in einen unterentwickelten Standard transferiert, so Hall.

Elektro-Autos sind nicht smart

Auch den gegenwärtigen Elektro-Auto-Trend sieht Hall kritisch. Egal womit ein Auto angetrieben wird, smart werde dieses Ding nie, weil es letztlich dennoch noch herumstehen würde, so Hall. „Smart wird es erst dann, wenn ich es aufgeben kann und ich meinen Transport über andere Transportsysteme stadtgerecht und smart organisieren kann“, sagt Hall. Noch schlauer wäre es, manchen Verkehr überhaupt zu unterlassen. Schlau bedeute etwa nicht, Menschen von Schlafburgen in Produktionsburgen und dann in Freizeitburgen zu transportieren, sondern eine durchmischte Infrastruktur zu schaffen, durch die weniger Energieverbrauch möglich ist.

Um zur Stadt Wien zurückzukommen: In Wien liegt der CO2-Ausstoß pro Person laut Hall bei fünf bis sechs Tonnen pro Jahr. Im Österreich-Schnitt sollen es elf Tonnen sein. In Nordamerika gar 30 bis 40 Tonnen. Das zeigt: Wien ist wirklich bereits „verdammt smart“.